Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

29. August 2018

Schlaf: von Regelmäßigkeit, Ritualen – und der Dunkelheit

Schlaf: von Regelmäßigkeit, Ritualen - und der Dunkelheit - meinefamilie.at

Nicht wenige Eltern versuchen ihre Säuglinge schon früh an regelmäßige Schlafzeiten zu gewöhnen. Sie erhoffen sich dadurch, dass ihr Baby schneller einen Rhythmus findet und dadurch auch den Weg in den Schlaf leichter findet. Dabei wird dem Zeiger der Uhr oft eine viel zu große Bedeutung zugemessen. Denn die Ausbildung des Schlaf-Wach-Rhythmus ist ein vielschichtiger Prozess, der sich aus dem alltäglichen Miteinander ergibt.

Aus der Grundlagenforschung ist bekannt, dass die Babys im Mutterleib an den Rhythmus ihrer Mutter angekoppelt sind – sie kriegen ja nicht nur deren Bewegungen mit, sondern bekommen deren Wach-Schlafrhythmus auch über das Auf und Ab des mütterlichen »Schlafhormons« Melatonin zu spüren. Nach der Geburt aber müssen die Babys ihre eigene innere Uhr aufbauen. Dabei orientieren sie sich zum einen am Licht (es unterdrückt die Bildung des in der Zirbeldrüse im Zwischenhirn gebildeten, körpereigenen Hormons Melatonin, das uns Menschen müde werden lässt), zum anderen an den sozialen Signalen aus ihrer Umwelt, also an dem, was ihre Vertrauenspersonen so machen. Kein Wunder lässt sich zeigen, dass Babys schneller einen Tag-Nacht-Rhythmus ausbilden, wenn ihre Mütter sie bei ihren täglichen Aktivitäten dabei haben! Auch das Stillen scheint bei der Ausbildung des Tagesrhythmus eine Rolle zu spielen. Muttermilch enthält je nach Tageszeit unterschiedliche Mengen des für die Melatoninbildung wichtigen Stoffes Tryptophan.

Gegen einen allzu genauen Blick auf die Uhr spricht auch das: die Müdigkeit stellt sich beim Säugling nicht immer zur gleichen Uhrzeit ein – je jünger desto weniger. Jeder Tag läuft für die Kinder anders, sie wachsen in Sprüngen, sie erleben jeden Tag anders – das dehnt und staucht ihre Zeit. Auch neigen manche Säuglinge von ihrem Naturell her eher zu gleichförmigen Rhythmen als andere. Auch das zeigt, dass der Blick auf das Kind wichtiger ist als der Blick auf den Zeiger (ich persönlich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass das Leben mit einem Säugling generell entspannter und leichter wäre, wenn alle Wecker und Uhren aus dem Haus verbannt würden).

Leider hinterfragen Eltern die angeblichen Normen rund um die Schlaf viel zu selten – sie fühlen sich stattdessen schuldig, wenn ihr Baby so schläft wie Babys eben schlafen. Dieses Schuldspiel ist uralt: unsere Großeltern haben sich auch schuldig gefühlt, wenn ihre Kleinen nicht schon als Babys brav ins Töpfchen machten.

Apropos Licht. Bei der Ausbildung des Melatonin-“Pulses” scheint insbesondere das Nachmittagslicht eine große Rolle zu spielen – vielleicht ist das der Grund, weshalb Babys besser schlafen, wenn sie viel draußen sind. Und vielleicht ist das auch ein Hinweis darauf, dass es im Zimmer beim Mittagsschlaf eben nicht unbedingt dunkel sein muss. Und nachts? Auch da haben Eltern Spielraum. Die Kinder unserer jagenden und sammelnden Vorfahren sind gewiss nicht im Stockdunklen, sondern im Schein des schützenden Feuers eingeschlafen. Und solange Licht dem Baby nicht direkt ins Auge scheint (auf diese Weise beeinflusst es die Melatonin-Sekretion) ist gegen ein Nachtlicht (oder die Lampe, an der die Mutter ein Buch oder einen Artikel liest) nichts einzuwenden. Die Haupt-Melatonin-Produktion beginnt nämlich erst um Mitternacht – da ist der Artikel dann hoffentlich ausgelesen.

Tipps für die Eltern

Was den Schlaf angeht, will ich mich mit Tipps gerne zurückhalten. Es geht darum, gemeinsam Entspannung zu finden, denn nur mit dieser magischen Zutat klappt der Schlaf. Jede Familie muss da ihren Weg finden, also sich und ihr Baby kennen lernen. Dabei hilft:

… wir brauchen keine Angst vor Nähe zu haben: die meisten Homo sapiens Mütter, die jemals auf dieser Erde gelebt haben, haben ihre Babys beim Schlafen bei sich gehabt. Sind die Babys deshalb verwöhnt worden? Oder nicht selbstständig geworden?

… eine pauschale Warnung gegen das Schlafen mit Babys aus Sicherheitsgründen halte ich für unbegründet und sie ist auch unter Forschern umstritten. Solange Eltern die Grundregeln eines sicheren Schlafumfelds beachten, ist der gemeinsame Schlaf im Elternbett eine sichere Wahl (mehr dazu in unserem Buch Schlaf gut, Baby – siehe Buchtipp unten).

… Kinder sind verschieden, und ich kann nur dazu einladen, sie nicht an Normen zu messen, denen sie gar nicht entsprechen KÖNNEN – weil sie eben verschieden sind. Deshalb die wichtigsten Schlaf-Fakten in der Übersicht:

  • Schlafbedarf. Neugeborene und Säuglinge haben einen sehr unterschiedlichen Schlafbedarf. So wie manche Kinder „gute Futterverwerter“ sind, so scheinen manche gute Schlafverwerter zu sein – und umgekehrt. Manche Babys schlafen im Neugeborenenalter 11, andere dagegen 20 Stunden pro Tag (im Mittel liegen sie bei 14,5 Stunden). Mit 6 Monaten kommen manche Säuglinge mit 9 Stunden Schlaf aus, andere brauchen dagegen bis zu 17 Stunden (durchschnittlich schlafen sie jetzt 13 Stunden).
  • Schlafrhythmus. Säuglinge brauchen eine Weile, um einen Rhythmus zu finden. Während der Schlaf beim Neugeborenen gleichmäßig über Tag und Nacht verteilt ist, lässt sich ab zwei bis drei Monaten immerhin schon ein Muster erkennen: Jetzt wickeln die Babys einen immer größeren Teil ihres Schlafs in der Nacht ab. Trotzdem halten die meisten Babys mit fünf bis sechs Monaten immer noch etwa drei Tagesschläfchen, wenige Monate später kommen viele von ihnen dann tagsüber schon mit zwei Schlafportionen aus.
  • Durchschlafen. Dass ein Baby die ganze Nacht ohne Pause schläft, ist eher selten. Im ersten Lebenshalbjahr wachen (nach Elternangaben) 86 Prozent der Säuglinge regelmäßig nachts auf. Etwa ein Viertel davon sogar dreimal und mehr. Zwischen 13 und 18 Monaten wachen noch immer zwei Drittel der Kleinkinder regelmäßig nachts auf. Wie oft Säuglinge nachts aufwachen, hat mit vielen Dingen zu tun. Mit ihrem Schlafbedarf etwa und ihrem Naturell, also wie stramm die Saiten ihrer Persönlichkeit aufgezogen sind. Es hat mit ihrem Geschlecht zu tun – Jungs melden sich nachts häufiger als Mädchen. Es hat auch etwas mit ihrem Nahrungsbedarf zu tun (die guten Futterverwerter müssen nachts weniger nachtanken). Und es hat etwas mit dem Schlafort zu tun.
  • Durchschlafen und Stillen. Gestillte Kinder im Elternbett werden nachts etwas häufiger wach – schlafen dann aber wieder rascher ein. Und generell schlafen immer die Babys der Nachbarin oder der Freundin besser durch als das eigene. Dass alle gesunden und normalen Kinder ab einem bestimmten Alter durchschlafen (und, falls sie das nicht tun, deshalb entweder krank oder gestört sind), ist ein Mythos, der sich bis heute auch wissenschaftlich nicht belegen lässt.

Leider hinterfragen Eltern die angeblichen Normen rund um die Schlaf viel zu selten – sie fühlen sich stattdessen schuldig, wenn ihr Baby so schläft wie Babys eben schlafen. Dieses Schuldspiel ist uralt: unsere Großeltern haben sich auch schuldig gefühlt, wenn ihre Kleinen nicht schon als Babys brav ins Töpfchen machten.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor des Buches “Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten. Mehr dazu: www.kinder-verstehen.de

Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten

Dr. Herbert Renz-Polster
Gebunden, 208 S., m. 40 Farbfotos

ISBN: 978-3-8338-4598-7

€ 20,60Schlafen: von Regelmäßigkeit, Ritualen - und der Dunkelheit - meinefamilie.at

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EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


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