Kinder wertschätzen statt beschämen

Erinnern Sie sich noch an Situationen in Ihrer Kindheit, in denen Sie am liebsten im Erdboden versunken wären, weil Ihre Eltern etwas getan oder zu Ihnen gesagt haben, das Ihnen die buchstäbliche „Schamesröte“ ins Gesicht getrieben hat?

Oder wurden Sie vor der ganzen Klasse lächerlich gemacht und wollten deshalb gar nicht mehr in die Schule gehen? Oder bekamen Sie immer dann unerklärliche Bauchschmerzen, wenn der Besuch eines Familienmitglieds oder Stunden mit einem bestimmten Lehrer auf dem Plan standen?

Gesunde Scham ist ein Gefühl, das Kindern hilft, sich zu schützen, sich anzupassen und dazuzugehören. Beschämung kommt von  außen, zerstört das Selbstwertgefühl,  wirkt ausgrenzend und macht einsam. Beschämung fühlt sich für Kinder ähnlich an wie Todesangst und dementsprechend reagiert auch das Gehirn und schaltet auf Notfallbetrieb. Kreatives und rationales Denken ist dann nicht mehr möglich.

Wird Kindern durch häufige Beschämung oder Bloßstellung die Möglichkeit genommen, ihre Intimität und Integrität zu verteidigen, dann kann die Scham diese Schutzfunktion nicht mehr erfüllen. Manche Menschen werden schamlos, andere schämen sich vieler ihrer Lebensäußerungen.

Wann schämt sich der Mensch?

Wir schämen uns, wenn plötzlich etwas von uns sichtbar wird, von dem wir nicht wollen, dass andere es sehen. Scham hat also viel mit Sehen und gesehen werden zu tun. Dort, wo etwas von mir gesehen wird, das ich selbst moralisch oder ethisch für nicht vertretbar halte, habe ich einen Grund, mich zu schämen.

Es ist ein Merkmal der Scham, dass sie verschwiegen und verheimlicht wird, denn öffentliches „Zugeben“ (dieser vermeintlichen Schwäche) ist ja nochmal mit Scham behaftet und würde das Gefühl des Beschämt-Seins exponentiell steigern.

Ist Scham ansteckend?

Sie ist ein ansteckendes Gefühl. Über unsere Spiegelneuronen schämen wir uns mit, wenn jemand anderer sich schämt. Wir schämen uns auch, wenn jemand anderer sich schamlos verhält. In der Schule reicht die Beschämung eines Einzelnen schon aus, damit gleich die ganze Klasse in Deckung geht. Das ist ja auch das Problem der Beschämung in jeglichen hierarchischen Strukturen wie der Schule: Sie funktioniert dort hervorragend! Es würde sehr viel Zivilcourage brauchen, um als Einzelner dagegen aufzutreten.

Werden Kinder beschämt, um sie für ihre Fehler zu bestrafen?

Ja, das kann passieren. Beschämung einerseits als eine Form der Bestrafung, die natürlich der völlig verkehrte Weg ist, andererseits als Präventionsmaßnahme, um sich als Eltern vor möglicher Überforderung zu schützen. Beschämung ist ja auch eine subtile Form der Machtausübung.

Was genau passiert bei Beschämung?

Die akute Schamreaktion ist ähnlich einer Panikattacke: Man bekommt ein rotes Gesicht, Puls und Blutdruck jagen in die Höhe, man fühlt sich akut bedroht, eine „Kampf- oder Flucht“-Reaktion wird in Gang gesetzt. In diesem Zustand ist man alles andere als aufnahme- und lernfähig. Wenn so etwas regelmäßig passiert, etabliert sich eine Angst vor der Beschämung als Dauerzustand, eventuell begleitet von psychosomatischen Symptomen wie Kopfweh, Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall.

Was schützt vor kränkender Beschämung?

Der beste Schutz ist ein gesundes Selbstbewusstsein. Dessen Entwicklung beginnt ganz früh. Kinder, die ihre Eltern als wertschätzend und wohlwollend erfahren und von ihnen vermittelt bekommen, dass sie „okay“ sind, können ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln. Kinder, die das im Elternhaus nicht erleben, fehlt dieser Schutz. Sie internalisieren dann schon in ihren ersten Lebensjahren eine Art „unbarmherzigen, internen Richter“ und sind für Beschämungen anderer viel anfälliger.

Immer nur Fehler?

Ein dritter Aspekt, der bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Beschämung relevant ist, ist die Fokussierung auf Fehler oder „nicht richtig sein“. Wir sind ob unserer eigenen Kindheits-Erfahrungen oft darauf ausgerichtet, ständig das „Nicht-Können“, „Nicht-Gelingen“ oder „Nicht-Passende“ zu sehen und durch Bloßstellen und Häme zu sanktionieren. Das führt auf Dauer zu Angst, die eigene Leistung zu zeigen. Angst blockiert die Emotionen und negative Emotionen verhindern Lernen. Kinder trauen sich dann nichts mehr zu, weil sie das Gefühl haben, „ohnehin immer nur alles falsch zu machen“, „nicht richtig zu sein“, „selbst ein Fehler zu sein“.

Was ist der Gegenpol zur Beschämung?

Ermutigung, Wertschätzung und Lob sind Gegenpole. Wir sollten uns regelmäßig fragen: Was ist unseren Kindern schon gelungen? Und wann gelingt etwas besonders gut? Was können unsere Kinder schon? Das Gelingen und Können sollten wir sichtbar machen und ansprechen und sie mit Worten wie „du kannst das“ oder „du schaffst das“ ermutigen. Kinder haben noch keine oder noch keine ausreichend ausgeprägte Reflexionsfähigkeit, um ihren Weg selbst zu finden. Wenn sie immer wieder beschämt werden, kann das zu erlernter Hilflosigkeit führen, in der sie erstarren. Da helfen Einladungen, sich gemeinsam anzuschauen, was schon an Gelungenem vorhanden ist und was man weiter damit machen kann. So lassen sich auch Resilienz und Selbstwirksamkeit erlernen. Eltern können enorm viel Positives bewirken, wenn sie sich mit ihren Kindern anschauen, was ihnen gut gelungen ist.

Emotionale Auswirkung der Defizitfokussierung

Immer wieder zu hören, was nicht gelungen ist oder nicht gekonnt wird, muss zwangsweise frustrieren und beeinträchtigt das Lernen. Lernen bedeutet, dass sich neue neuronale Verknüpfungen in der Großhirnrinde herausbilden. Diese neuronalen Verknüpfungen werden stark von Botenstoffen aus dem Emotionszentrum im limbischen System beeinflusst. Negative Gefühle wirken wie eine Bremse für die Herausbildung von neuen neuronalen Verknüpfungen. Wenn der Frust oder die Angst groß ist, „fährt“ das Nachdenken und die Kreativität mit angezogenen Bremsen. Umgekehrt unterstützen positive Emotionen das Lernen. Dabei  muss es nicht gleich zu Begeisterungsstürmen kommen. Es genügt schon der Fokus auf und das Reden über das Gelingende. Das bewirkt Wertschätzung und Anerkennung –und zwar nicht als undifferenziertes Lob, sondern als ganz konkrete Aussage über etwas, das gelingt.

Hilfreich: Die eigene Beschämungsgeschichte betrachten

Tatsache ist, dass wir alle unsere eigene Schamgeschichte haben und dass Menschen, die beschämt worden sind, andere beschämen. Der erste Schritt in eine gute Richtung ist also, seine eigene Geschichte anzuschauen. Wie sieht es mit der eigenen Würde aus? Wo wurde ich selbst beschämt und welche Verhaltensmuster habe ich? Die nachstehenden Fragen können beim Erkunden der eigenen Beschämungsgeschichte helfen:

  • An welche Beschämungen und Kränkungen in meiner Kindheit erinnere ich mich?
  • Was habe ich mich damals gefühlt, wie bin ich damit umgegangen?
  • Wie reagiere ich typischerweise unter Angst, Stress und Überforderung?
  • Wie reagiere ich, wenn ich mich durch Kritik als Person gekränkt oder beschämt fühle?
  • In welchen Situationen passiert es mir heute, dass ich meine Kinder beschäme?
  • Wer und was könnten mir dabei helfen, in manchen Situationen achtsamer und wertschätzender zu reagieren?

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