Herbert Renz-Polster

Herbert Renz-Polster "Meine Kolumne"

7. August 2018

Schlafen: “Entwicklungsarbeit” für Neugeborene?

Schlafen - "Entwicklungsarbeit" für Neugeborene? - meinefamilie.at

Schlaf wird manchmal als eine Art Erholungspause aufgefasst – das eigentliche Leben aber, das spielt sich ab, wenn wir wach sind. Und so erhoffen sich auch die Eltern für ihre Säuglinge oft das: sie sollen gut schlafen, damit sie fit sind für die wunderbaren Dinge, die sie in der Helle des Tages tun.

Doch auch wenn die Regeneration und das Sammeln von Kräften sicherlich mit zur Geschäftsbeschreibung des Schlafs gehören, so ist dieses Bild unzureichend. Kinder brauchen den Schlaf auch für ihr Gedeihen und ihr tägliches Lernen. Schlaf ist Teil ihrer Entwicklungsarbeit.

Und die hat es in sich: Das Gehirnvolumen des Neugeborenen wird sich in nur einem Jahr verdoppeln. Über 100 Billionen Verknüpfungen werden dabei zwischen den Nervenzellen anzulegen sein – ein Hochleistungsprogramm. Es wäre seltsam, wenn es im Schlaf ausgesetzt würde.

Wachsen und Lernen – im Schlaf

Dass Kinder im Schlaf im ganz wörtlichen Sinn wachsen, ist schon länger bekannt: die Hormone, die ihre Knochen und Muskeln wachsen lassen, werden vor allem im Nachtschlaf ausgeschüttet.

Es zeigt sich aber, dass Kinder im Schlaf auch ihr Gehirn weiter entwickeln. Im Schlaf werden besonders viele Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen umgebaut und stabilisiert – und Nervenzellen aus unterschiedlichen Hirnregionen neu miteinander verknüpft. Dieser aktive An- und Umbau spiegelt sich, natürlich, in der Art wieder, wie Säuglinge ihren Schlaf abwickeln.

Über diese Art wird nicht selten gestöhnt, denn sie beinhaltet tatsächlich ein paar Dinge, die für die Eltern nicht nur Spaß bedeuten: der Schlaf des Säuglings ist meist kürzer als erhofft, leichter als erhofft, und in der Regel mit einer Bitte verbunden: bleib lieber in meiner Nähe! Vielleicht ist das Klagen über diese Eigenheiten (auf die wir gleich zu sprechen kommen werden) der Grund, warum wir das Staunen vergessen. Zu Staunen gäbe es aber einiges: Der Schlaf des Säuglings passt nämlich genau zu den Aufgaben, die sich dem kleinen Menschen jetzt stellen!

Kinder brauchen den Schlaf auch für ihr Gedeihen und ihr tägliches Lernen. Schlaf ist Teil ihrer Entwicklungsarbeit.

Neugeborene schlafen vor allem in den ersten Tagen viel. Zumindest von außen betrachtet tun sie das selbst nach schweren Geburten oft überraschend ruhig und gefasst. Welche Rolle die immer wieder ins Feld geführte “Verarbeitung des Geburtstraumas” bei ihrem Schlaf spielt, bleibt ein hinter Lidern verschlossenes Geheimnis.

Warum Säuglinge aktiver schlafen müssen

Ein Grund zum Staunen ist etwa der: Wenn Säuglinge schlafen, so schalten sie ihr Gehirn viel seltener auf Schonbetrieb als die Erwachsenen! Vielmehr leisten sie sich eine besonders große Portion einer geradezu paradoxen Zutat: den so genannten REM-Schlaf – leichte, aber dafür “aktive” Schlafanteile, während denen sogar ihr Körper nie ganz entspannt.

Um den REM-Schlaf zu verstehen müssen wir zuerst einmal eine der Gemeinsamkeiten von Säuglings- und Erwachsenenschlaf betrachten. Zeit unseres Lebens schlafen wir Menschen nämlich in sich wiederholenden Schlafzyklen, in denen wir wiederum verschiedene Schlafstadien mit unterschiedlicher Bewusstseinstiefe durchlaufen. Bei Erwachsenen dauert ein normaler Schlafzyklus etwa ein bis zwei Stunden (ein typischer Nachtschlaf wäre also eine Wanderung in etwa vier Etappen). Dabei machen wir Großen uns bei jeder Etappe zügig auf den Weg und erreichen in Minutenschnelle einen ruhigen, entspannten Schlaf. Dieser ruhige Tiefschlaf dient dazu, die Batterien von Körper und Geist aufzuladen. Gegen Ende jeder Etappe wird der Schlaf leichter und unruhiger, der Körper ist jetzt angespannt, zuckt manchmal oder bewegt sich, die Atmung wird unregelmäßig, und die Augen fangen an unter den Lidern hin und her zu springen (aus dieser Besonderheit leitet sich die Abkürzung ab – REM steht für: Rapid Eye Movement).

Diese Schlafphase dient nicht der Erholung, vielmehr erledigt das Gehirn in dieser Zeit seinen Haushalt. Die Eindrücke des Tages werden aufgeräumt, sortiert und ordentlich in Schubladen verpackt – sie werden »verfestigt«, wie die Schlafforschung sagt. Wenig überraschend, dass wir dabei oft träumen. Und wenig überraschend auch, dass das Gehirn in diesem Stadium deutlich mehr Energie verbraucht. Nur ein Hauch trennt den Schlaf dabei vom Wachsein: entweder kommen wir jetzt vollends zu Bewusstsein – oder wir machen uns auf zur nächsten Etappe.

Kinder trauen sich zumindest in den ersten zwei bis drei Jahren nur kürzere Etappen zu. In den ersten Monaten dauert jeder Schlafzyklus vielleicht nur 45, Ende des ersten Lebensjahres dann vielleicht schon 60 bis 80 Minuten. Allerdings packen sie in jede Etappe eine deutlich größere Portion an REM-Schlaf – je jünger sie sind, desto größer ist die Portion: im Mutterleib etwa verbringt der Fetus zunächst fast 100 % im REM-Schlaf, der Säugling mit 3 Monaten immerhin noch etwa 50 % (wir Erwachsenen bringen es auf 20%). Und zumindest im ersten halben Jahr wickeln die Säuglinge den REM-Schlaf nicht am Ende ihrer Schlafzyklen ab, sondern an deren Anfang. Anders als wir Erwachsenen fällt der Säugling also nicht direkt vom Wachzustand in den Tiefschlaf. Vielmehr schlendert er zunächst für etwa 20 Minuten durch eine Art Traumland, um erst dann in den ruhigen, entspannten Tiefschlaf zu sinken. Jetzt erst wird der Körper schlaff und schwer, jetzt erst fangen die Arme zu baumeln an, und erst jetzt hören die Augen auf, hinter den Lidern hin und her zu springen. Und jetzt erst lassen sich die Kleinen ablegen, ohne gleich wieder aufzuschrecken.

Dr. Herbert Renz-Polster, Autor des Buches “Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten. Mehr dazu: www.kinder-verstehen.de

Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten

Dr. Herbert Renz-Polster
Gebunden, 208 S., m. 40 Farbfotos

ISBN: 978-3-8338-4598-7

€ 20,60

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EIN ARTIKEL VON
  • Herbert Renz-Polster

    Dr. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und assoziierter Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Er gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Er ist Vater von vier Kindern.


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