Warum der Selbstwert unserer Kinder bei uns beginnt

Kinder stärken – mein Herzensthema. Das ist der Grund, warum ich mache, was ich mache – als Elternberaterin, Fortbildende für Pädagog:innen, Autorin, Podcasterin und tagtäglich als Mama. Und der Grund, weshalb ich gerade diesen Artikel schreibe.

Du bist wertvoll – ich bin wertvoll (so wie wir sind)

Je länger ich Kinder begleite, desto klarer wird mir: Kinder müssen gar nicht erst „gestärkt“ werden. Sie kommen sehr stark zur Welt, mit ganz vielen Ressourcen – sie sind unheimlich neugierig, offen, klug, bringen oft ein besonderes Strahlen mit sich, das die Menschen um sie herum berührt, das Herzen öffnet.

Nein, wir müssen sie nicht stärken, wir müssen ihnen nichts „mitgeben“.

Es geht vielmehr um die Frage: Wie bleiben diese strahlenden, einzigartigen, neugierigen, offenen Kinder Menschen, die in ihrem Inneren davon überzeugt sind, dass sie gut so sind, wie sie sind - ohne leisten, funktionieren oder „brav“ sein zu müssen?

Und woher soll das ausgerechnet unsere Generation wissen, deren Weg oftmals ein anderer war?

Denn auch wir kamen einmal so zur Welt, voller Vertrauen und Liebe. Ganz. Als ein Ich.

Und dann … ist es etwas passiert, das uns dieses Vertrauen und unseren einzigartigen Wert in Frage stellen ließ.

Selbstwert betrifft uns alle

Ich denke, dass wir das Thema Selbstwert daher mit sehr viel Demut betrachten sollten. Denn wer von uns hat ihn schon, einen wirklich gesunden Selbstwert?

Wer von uns gibt sich selbst so viel Wert, dass er sich trotz To-do-Liste priorisiert, auf sich achtet, sich Pausen nimmt, sich annimmt, wie er oder sie ist – mit allen Gefühlen und allen Programmen, die wir täglich fahren?

Wie oft verlangen wir von unseren Kindern, mutig für sich einzustehen und sich selbst zu lieben, egal, was die anderen sagen – und leben ihnen tagtäglich etwas anderes vor?

Grundstein des Selbstwerts

Der Grundstein für den Selbstwert entsteht in den ersten Lebensjahren. Werde ich gesehen? Bin ich willkommen, so wie ich bin? Reagieren meine Bezugspersonen liebevoll auf mich? Freuen sie sich über mich? Darf ich hier so sein, wie ich bin – mit all meinen Gefühlen? Kurzum: Bin ich richtig und wertvoll so, wie ich bin?

Ein weiterer Meilenstein ist das Schulalter. Wie werde ich gesehen – nicht nur von meinen Eltern sondern auch von Lehrpersonen und Mitschüler:innen? Was passiert, wenn ich gute – oder schlechte – Leistung erbringe? Fühle ich mich tendenziell besser oder geliebter, wenn ich den Erwartungen meines Umfelds gerecht werde?

Auf einiges davon haben wir keinen Einfluss, aber wir können alles tun, um das Fundament möglichst stabil zu legen.

Ein stabiles Fundament für den gesunden Selbstwert

Ein stabiles Fundament für einen gesunden Selbstwert können wir vor allem durch zwei Dinge stärken: unseren eigenen Selbstwert (Modelllernen) und durch unsere Haltung diesem kleinen einzigartigen Wesen gegenüber. Lieben und akzeptieren wir diesen Menschen wirklich so, wie er oder sie ist?

Dieser Punkt ist manchmal unbequem. Denn hier kann ich meinem Kind nichts vormachen. Die entscheidende Frage lautet: Wie sehe ich mein Kind – ganz ehrlich, in mir drin? Sehe ich diesen kleinen Menschen als gut – genau so, wie er ist?

Auch im Wutanfall? Auch im Widerstand? Oder wünsche ich mir insgeheim, dass mein Kind „anders“ wäre? Mehr so wie die anderen? Oder suche ich nach Optimierungsmöglichkeiten: Wo könnte ich mein Kind noch fördern? Wo hat es Defizite? Was könnte ein Problem werden?

Und auch das kann mit unserem Selbstwert zusammenhängen. Wieso ist mir denn so wichtig, dass aus meinem Kind „etwas wird“? Was soll mein Kind für mich leben, das ich mir nicht erlaube oder erlaubt habe? Wie gut kann ich mit meinen eigenen Gefühlen umgehen? Kann ich für mich sorgen, so dass am Ende des Tages noch Energie für ein liebevolles Lächeln da ist, wenn mein Kind in den Raum kommt?

Kinder ziehen ihre eigenen Rückschlüsse

Denn Kinder, vor allem sensible Kinder, ziehen unter anderem permanent Rückschlüsse über ihren eigenen Wert aus unserem Verhalten und unserer Haltung. Diese Rückschlüsse sind zwar nicht immer ganz richtig – aber sie sind für sie real. Sie fühlen sich mitunter nicht geliebt, wenn wir schimpfen. Wir schimpfen vielleicht aus Erschöpfung – das können sie noch nicht verstehen. Sie fühlen sich weniger Wert, weil wir mit ihrem kleinen Geschwisterchen anders, vielleicht weniger streng sprechen als mit ihnen – dass das Geschwisterchen viel kleiner ist, können sie noch nicht einordnen. Wenn wir uns über ihre „Faulheit“ ärgern, hat das nichts mit fehlender Liebe zu tun – wir ärgern uns vielleicht, weil wir wissen, welches Potenzial in ihnen steckt. Wir wissen das – unsere Kinder nicht.

Hier braucht es Achtsamkeit, Bewusstheit und Fingerspitzengefühl. Und Arbeit an und mit uns selbst.

Es beginnt so oder so immer bei uns.

Kindern lernen was wir vorleben

Kinder lernen nicht von dem, was wir ihnen sagen oder vorlesen. Sie lernen vor allem an dem, was wir tun. Sie übernehmen unsere Programme und Muster. Das ist mit Modelllernen in diesem Zusammenhang gemeint.

  • Schimpfen wir mit uns, wenn wir Fehler machen? Sie übernehmen es.
  • Erschöpfen wir uns dauerhaft, statt uns Pausen zu erlauben? Sie übernehmen es.
  • Wollen wir perfekt sein? Sie übernehmen es.

 

Kinder lernen von uns, welchen Wert man sich selbst gibt. Wie man mit sich spricht. Wie man mit Fehlern umgeht. Wie und ob man Grenzen setzt. Welchen Stellenwert man selbst im Leben hat – und wie wichtig die eigenen Träume, Wünsche und Bedürfnisse sind.

Unser Selbstwert ist Vorbild

Unser eigener Selbstwert ist also Vorbild für unsere Kinder. Und vielleicht liegt hier die wichtigste Stellschraube überhaupt, wenn wir den Selbstwert unserer Kinder stärken möchten. Erst wenn diese Basis stimmt, werden Tools wirksam. Dann können Affirmationen, Kinderbücher oder Rituale den Selbstwert im Alltag sichtbar machen und stärken.

Auch einfache Frage kann dabei sehr kraftvoll sein: Verändert das etwas an deinem Wert oder an meiner Liebe zu dir, wenn ich - zum Beispiel - schimpfe? Oder sagt das eher etwas über mich aus? Das kann man auch visualisieren, zum Beispiel mit einem kleinen Herz-Stein und zwei Figuren. Egal was die beiden Figuren tun, der Herzstein (der Wert, die Liebe) bleibt unverändert. – Nichts was sie tun hat Auswirkungen auf diesen Stein.

Eine weitere schöne Übung mit etwas älteren Kindern ist die Geldschein-Metapher. Nehmt einen Geldschein und fragt euer Kind, wie viel er wert ist. Zerknüllt ihn anschließend, knittert ihn, faltet ihn auseinander – und fragt erneut. Der Wert bleibt gleich.

Und dann wiederholt diese Übungen für euch.

Unser Wert bleibt gleich - auch wenn es uns schlecht geht

Denn nichts, gar nichts im Leben verändert unseren Wert. Wir mögen zerknüllt werden, doch unser Wert bleibt bestehen. Denn er liegt in unserer Einzigartigkeit und der Bedeutung, die wir uns geben.

Und genau darin liegt die große Chance für uns Eltern. Wenn wir den Selbstwert unserer Kinder stärken möchten, dürfen wir zuerst uns selbst anschauen. Denn Kinder lernen nicht, wie wertvoll sie sind, wenn wir es ihnen sagen. Sie lernen es, wenn sie es bei, an und mit uns erleben.

Wir müssen nicht „fertig“ sein, wir dürfen mit ihnen wachsen.

4 Podcastfolgen zum Thema Mental Load für euch:

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Ein Artikel von

Portraitfoto Barbara Grütze

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