Mental Load: Das ständige Mitdenken im Hintergrund – und erste Schritte zu mehr Leichtigkeit

„Ist noch genügend Brot für die Jause da?“ – „Und der Lieblingskäse der Kinder?“ - „Wann ist nochmal der Elternsprechtag?“ – „Haben wir alles für die Faschingsfeier im Kindergarten besorgt?“ – „Ist das Geschenk für die Geburtstagsparty schon besorgt?“ – „Haben wir passende Schuhe und Jacken für die Übergangszeit?“ – „Wo sind die?“ – „Wo und wann kaufen wir sie?“ - „Wann muss ich mir die Woche Kindebetreuung organisieren, damit ich arbeiten kann?“ – „Haben wir den Ausflugsrucksack für morgen parat?“ – „Braucht unser Kind morgen überhaupt einen Ausflugsrucksack?“

Na, kommen euch diese oder ähnliche Gedanken bekannt vor?

Sie kreisen quasi permanent in unseren Köpfen. Und oft sieht sie niemand. Weil es „eh läuft“. Aber mit großem Energieaufwand dahinter.

Viele Eltern kennen dieses Gefühl: Der Kopf läuft ununterbrochen. Selbst wenn wir gerade duschen, beim Sport sind, uns mit Freund:innen treffen oder einschlafen wollen, arbeitet unser Gehirn weiter, organisiert, plant, überlegt, scant: Habe ich an alles gedacht? Was ist als nächstes zu organisieren?

Irgendwas ist immer

Kindergartenapps, Eltern-Whatsapp-Gruppen („Wer hat eigentlich das Freundschaftsbuch meines Kindes?“), aufwendig geplante Geburtstagsfeiern mit organisierten Geschenklisten und Co. – all das macht es unserer Elterngeneration nicht unbedingt leichter.

Dieses permanente (mit- und voraus-)denken, planen und organisieren bezeichnet man als „Mental Load“.

Die Krux dabei: Er wird oft unterschätzt, nicht gesehen, bewusst verteilt oder gar wertgeschätzt – und das macht es uns kollektiv schwer.

Mental Load bezeichnet also die meist unsichtbare Denk- und Koordinationsarbeit hinter dem Familienalltag. Ohne Mental Load würde vieles schlicht nicht funktionieren. Er bezeichnet sozusagen die Schaltzentrale unserer Familienorganisation bzw. das, was damit einhergeht – Belastung, Verantwortung, Aktivierung.

Hier geht es nicht um das eigentliche Tun – sondern vor allem um die Arbeit „dahinter“: an etwas denken, andere oder sich selbst erinnern, planen, koordinieren, abstimmen und vorausorganisieren.

Wissen, wann welches Kind was braucht, Schul- und Kindergarteninfos lesen und „verarbeiten“, Essens- und Wäscheplanung, Ärztinnen- und Arzttermine am Schirm haben, Kinderbetreuung organisieren und vieles mehr.

Mental Load ist unsichtbare Planungsarbeit.

Wer trägt den Mental Load?

In vielen Familien ist die mentale Verantwortung ungleich verteilt. Auch wenn Aufgaben praktisch geteilt werden, bleibt das Mitdenken, die Verantwortlichkeit dahinter, letztlich häufig bei einer Person.

Typische Sätze wie: „Hättest du doch was gesagt, hätte ich dir geholfen“ zeigen das Problem: Eine Person trägt die Verantwortung – die andere hilft. Wenn eine Person einkaufen geht, ist das zwar eine Hilfe, wenn die Denkarbeit dahinter aber bei der anderen Person bleibt (schauen, was wir brauchen, Essensplanung, Listen schreiben...) bleibt der Mental Load bei der Person, die die Hauptverantwortung trägt. Delegieren ist also nicht unbedingt die Lösung – oft verursacht Delegieren sogar mehr Mental Load (was kann ich wem abgeben, wer kann was wie umsetzen, wie bereite ich es vor, dass es erfüllt werden kann...). Aber dazu später mehr.

Diese ungleiche Verteilung wird vor allem dann kritisch, wenn diese nicht bewusst, sondern unbewusst, schleichend, automatisch passiert. Sie wächst aus Rollenbildern, Gewohnheiten, gesellschaftlichen Strukturen (z. B. Teilzeitarbeit) und persönlichen Prägungen aus unserer Kindheit. Und - darauf aufbauend - wird sie vor allem dann zum Problem, wenn die Dauerbelastung zur mentalen und körperlichen Erschöpfung, zu Schlafproblemen, Gedankenkreisen, Beziehungskonflikten, Selbstzweifeln („Warum schaffe ich das nicht?“) und Depression führt.

Mental Load macht oft einsam. Denn was unsichtbar ist, wird selten gesehen, geschweige denn verstanden.

Erste Schritte zu mehr Leichtigkeit

  1. Sichtbar machen
    Schreibe einige Tage lang mit, woran du denkst. Du wirst überrascht sein. Ihr könnt die Liste auch gemeinsam anlegen. Manchmal ist man auch überrascht, was der jeweils Andere so trägt und was wir wiederum nicht sehen, weil es „eh läuft“. Ja, die Liste ist erstmal mehr Arbeit aber sie ist die Grundlage für euer Familienmanagement. In der Arbeitswelt würde auch niemand in ein Projekt starten, ohne einmal aufzulisten, was da alles zu tun und zu organisieren ist, oder? – Klassisches Projektmanagement!
     
  2. Loslassen
    Jetzt wird’s vielleicht unangenehm, aber einen Großteil des Mental Loads kreieren wir uns selbst durch (zu hohe) Ansprüche an uns. Fragt euch, wo ihr los lassen könnt und was euch dagegen sehr wichtig ist. Wir werden nicht alles „perfekt“ erfüllen können, nicht einmal mit der ausgeklügeltsten Organisation und der besten Mental-Load-Aufteilung.
     
  3. Aufteilen statt Delegieren
    Wer macht was - und zwar jeweils das gesamte „Aufgabenpaket“ - und wer denkt daran?
    Statt Einzelaufgaben zu verteilen, übergebt ganze Verantwortungsbereiche. „Du deckst den Tisch“ entlastet weniger als „Du übernimmst das Frühstück – inklusive Planung.“
     
  4. Auf Ressourcen achten
    Fragt euch dabei auch: Was geht, was kann wer von uns stemmen? Und: können wir vielleicht Ressourcen und Netzwerke außerhalb unserer Kernfamilie nutzen, wie Freunde, Freundinnen, die Patentante, der Patenonkel oder die Großeltern? Wir sind nicht dafür gemacht, alles alleine oder im Zweier-Verband zu „schupfen“, wir sind Clanwesen!

Der erste Schritt ist immer die Bewusstwerdung.

Machen wir also gemeinsam Mental Load sichtbarer, lernen wir, sanfter zu uns zu sein wieder mehr als Team zu agieren - und vielleicht sogar das eine oder andere loszulassen, was uns das Leben schwer macht.

Wenn euch das Thema Mental Load interessiert, hört doch gerne in meine 4-teilige-Podcastreihe zu dem Thema rein. – Ich freue mich auf euch und Ohren!

4 Podcastfolgen zum Thema Mental Load für euch:

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Ein Artikel von

Portraitfoto Barbara Grütze

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