Familienmanagement – Mental Load gemeinsam tragen: 6 Impulse für Euch

Mental Load – das ist die unsichtbare Denk- und Koordinationsarbeit hinter dem Familienalltag, quasi das Familienmanagement hinter den Kulissen. Das ständige Mitdenken, Planen und Organisieren im Hintergrund, das uns so sehr erschöpft – und gleichzeitig oft unsichtbar bleibt und damit ungewürdigt.

Oft bleibt diese permanente Verantwortung überwiegend an einer Person hängen und führt zu Erschöpfung und Frust. Die Frage ist nun: Wie können wir diese Last fairer ver- bzw. aufteilen?

Denn das Ungleichgewicht lässt sich nicht durch spontane Hilfe lösen. Es ist nett, wenn jemand den Einkauf erledigt oder das Kind vom Sportkurs abholt, aber es entlastet nicht wirklich dauerhaft. Manchmal bedeutet es sogar gleich viel oder sogar mehr Aufwand, uns diese Hilfe zu organisieren - denn das ist dann ja wieder die Denk- und Koordinationsarbeit dahinter.

Einseitige-Mental-Load-Belastung

Die (einseitige) Mental-Load-Belastung verändert sich erst, wenn Verantwortung neu gedacht und vor allem bewusst geteilt und übernommen wird.

Doch darüber ins Gespräch zu gehen ist oft schwierig. Warum? Wir haben Angst vor Streit, Angst, undankbar, selbstmitleidig oder gar zu fordernd zu wirken, Angst, nicht ernst genommen zu werden. In vielen Fällen bestehen in der Partner:innenschaft auch bereits alte Verletzungen. Ein tiefes – oft beidseitig vorhandenes – Gefühl, nicht gesehen zu werden. Oft sind beide Elternteile erschöpft und die Bitte, noch mehr Verantwortung zu übernehmen, wird dann aus Selbstschutz harsch abgetan und führt zu Verhärtung auf beiden Seiten.

Dabei brauchen wir Kommunikation und Begegnung für wirkliche Veränderung.

Wir brauchen einander, wir brauchen das Miteinander.

Dabei gilt es zunächst oft erstmal, zu würdigen, das – in den meisten Fällen – beide ihr Bestes geben. Und dass es kein „gegeneinander“ ist, sondern eine Frage der Aufteilung, der Zuständigkeiten und der Familiengestaltung, in der sich alle Beteiligten wohl fühlen sollen.

Im Folgenden findet ihr einige Impulse, wie ihr über Mental Load ins Gespräch gehen könnt und diesen – gemeinsam - fairer verteilt:

1. Vorbereitung ist alles

Bevor du das Gespräch suchst, frage dich: Worum geht es mir wirklich?
Geht es um Aufgabenverteilung – oder darum, gesehen zu werden? Was wünsche ich mir konkret? Was bin ich bereit, zu ändern oder loszulassen?

Und: Wähle einen ruhigen Moment, in dem es euch beiden halbwegs gut geht und ihr etwas Zeit und Raum habt.

2. Von Vorwürfen zu Ich-Botschaften

Sprich davon, wie es dir geht, was dich belastet, z.B.: „Ich merke, dass ich oft erschöpft bin, weil ich so viel im Kopf habe.“ Äußere deine Wünsche, z.B.: „Ich möchte mehr gesehen werden“ oder „Ich wünsche mir, dass wir das fairer verteilen.“

Vorwürfe sind nicht zielführend.

Wichtig: auch wenn‘s schwierig wird – bleibt bei euch und dem, was euch wichtig ist. Vertragt das Gespräch, wenn die Richtung nicht mehr stimmt. Nicht alles lässt sich sofort lösen, manches - vieles - braucht Zeit und Geduld und ein „dranbleiben“.

3. Verantwortungsbereiche statt Einzelaufgaben (und Loslassen nicht vergessen!)

Mental Load fair teilen bedeutet, sich zu überlegen, wer jeweils welches „Arbeitspaket“ nimmt. Zum Beispiel: Nicht nur Kuchen backen für den Kindergeburtstag, sondern sich um alles kümmern, was mit diesem Kuchen in Zusammenhang steht. Oder sogar mit der gesamten Party.

Hilfreich für diesen Punkt kann ein Aufgaben-Transfer-Plan sein: Wer übernimmt was? Ab wann? Mit welcher Verantwortung?

Denkt dabei nicht nur aneinander, sondern auch an externe Unterstützung, Freunde, Freundinnen, Großeltern... oft scheuen wir uns davor, zu fragen. Aber wir sind Clanwesen, nicht gemacht, für ein Leben wo eine oder zwei Personen alles „schupfen“. Uns gegenseitig zu helfen und zu unterstützen liegt vielmehr in unserer Natur.

Achtung, Stolperfalle: Wer kontrolliert, bleibt verantwortlich. - Loslassen gehört also wirklich, wirklich dazu!

Uns ja, jemand anderer wird die Dinge wahrscheinlich nicht so machen, wie wir das täten – aber: lassen wir uns vom Pragmatismus ruhig inspirieren, machen wir es uns öfter mal leicht. Das ist eine Ressource. Und es bringt mich zum nächsten Punkt:

4. Perfektionismus – der heimliche Verstärker

Oft halten wir Aufgaben fest, weil wir glauben, wir sind die einzigen „die das gut genug können“. Vielleicht habt ihr in dem Zusammenhang schon einmal den Begriff des Domestic Gatekeeping gehört. Wir behalten Aufgaben bei uns, weil wir sie gut, perfekt oder in unseren Augen „richtig“ haben wollen.

Die Folge: Der oder die jeweils andere zieht sich immer mehr zurück – und eine Abwärtsspirale beginnt. Niemand bringt sich gerne wo ein, wo er ständig „nicht gut genug ist“.

Fragt euch also – und dazu gehört ein bisschen der Wille, auch Unangenehmes anzuschauen: Will ich es perfekt – oder will ich entlastet sein? Was passiert wirklich, wenn es anders gemacht wird? Reichen 80 % vielleicht völlig aus?

Denn gemäß des Pareto-Prinzips entstehen 80 % des Ergebnisses oft mit 20 % des Aufwands. „Done is better than perfect.“

5. Regelmäßige Check-ins

Bei diesen Check-Ins – zum Beispiel einmal wöchentlich 15 Minuten - könnt ihr euch gemeinsam fragen: Was steht diese Woche an? Wer übernimmt was?

Wo braucht wer Unterstützung?

Digitale Tools (gemeinsamer Kalender, Apps wie Trello & Co.) können hier ebenfalls unterstützend helfen, ersetzen aber keine Gespräche.

6. Und was ist mit mir?

Hinter vielen Mental-Load-Themen steckt eigentlich ein tiefer Wunsch nach mehr Leichtigkeit, mehr Lebensfreude. Und um diesen Wunsch zu erfüllen, gibt es verschiedene Wege, die nicht nur über die Aufteilung von Mental Load führen.
Es ist dann sogar fraglich, ob weniger Mental Load wirklich mehr Lebensfreude und Leichtigkeit bedeutet, oder ob der eigentliche Weg nicht die Arbeit mit uns selbst wäre.

Ich zeichne mit meinen Klient:innen oft „Bedürfnisgläser“: Stell dir fünf Gläser vor – je ein Glas für einen deiner persönlich wichtigsten „Lebensbereiche“ wie Beziehungen, Partner:innenschaft, Bewegung, Gesundheit, Natur, berufliche Erfüllung, Lebensfreude... und frage dich: Wie voll sind meine Gläser gerade? Und was kann ich konkret tun, um sie etwas zu füllen, und zwar hier und jetzt, ohne, auf etwas im „Außen“ zu warten.

Denn wenn das Leben nur mehr aus Pflicht, Verantwortung, Organisation, Aufgaben und Hergabe besteht, dann geht naturgemäß Lebensfreude und Leichtigkeit verloren. Und der Weg dahin zurück führt nicht unbedingt über den Baustein weniger Mental Load, sondern über bewusste Priorisierung, Selbststärkung, Selbstmanagement, Achtsamkeit und bewusste, liebevolle Ich-Anbindung.

Veränderung braucht Bewusstsein, klare Vereinbarungen, regelmäßige Gespräche („dranbleiben“!)  und unsererseits oft das Loslassen von Perfektion und Erwartungen. Und vor allem: Geduld und Einfühlung für uns und für den anderen oder die andere.

Auf dieser Basis darf jede Familie ihren individuellen, ganz eigenen Weg finden, Mental Load zu begegnen.

Wenn euch das Thema Mental Load interessiert, hört doch gerne in meine 4-teilige-Podcastreihe zu dem Thema rein, da widmen wir uns in 4 Folgen ausführlich dem Mental Load und Wegweisern daraus. Ich freue mich auf euch und eure Ohren!

4 Podcastfolgen zum Thema Mental Load für euch:

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Ein Artikel von

Portraitfoto Barbara Grütze

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