Ab welchem Alter ist Logopädie sinnvoll?
Sprachentwicklung bei Kindern frühzeitig unterstützen.
"Warten wir einmal ab. Unter vier Jahren macht Logopädie sowieso noch keinen Sinn."
Viele Eltern sind zu Recht beunruhigt, wenn ihr Kind mit eineinhalb Jahren noch gar nicht spricht oder mit zwei Jahren erst eine Handvoll Wörter verwendet. Leider werden diese immer noch mit gut gemeinten Ratschlägen wie „Keine Sorge, das wächst sich aus.“ vertröstet. Von KinderärztInnen genauso wie von ElementarpädagogInnen. Facheinschlägige Studien zeigen jedoch ein hohes Risiko auf in der Sprachentwicklung zurückzubleiben, wenn Kinder mit zwei Jahren zu wenig kommunizieren.
Susanne Kotschnig, Logopädin, Theaterpädagogin und Leiterin des Zentrums am Flö plädiert für eine frühzeitige logopädische Erstvorstellung und Behandlung. In diesem Interview gibt sie fachliches Hintergrundwissen und praxisnahe Tipps für spielerische und alltagsnahe Sprachförderung.
Wann sollten Eltern die Sprachentwicklung ihres Kindes abklären lassen?
Spricht mein Kind genug? Versteht es mich? Warum redet das gleichaltrige Nachbarskind schon in ganzen Sätzen, während mein Kind nur einzelne Wörter verwendet? Und ist es tatsächlich sinnvoll, einfach noch abzuwarten?
Wenn Eltern sich Sorgen um die Sprachentwicklung ihres Kindes machen, empfiehlt Logopädin Susanne Kotschnig, diese ernst zu nehmen und logopädisch abklären zu lassen. Spätestens rund um den zweiten Geburtstag sollte bei bestehenden Unsicherheiten genauer hingeschaut werden. Denn gerade in dieser frühen Entwicklungsphase ist das Gehirn besonders sensibel für Sprache.
Ein Drittel der Kinder holen ihre sprachliche Verzögerung tatsächlich wieder auf.
Bei zwei Dritteln bleiben Schwierigkeiten bestehen. Deshalb ist eine zeitgerechte logopädische Vorstellung so wichtig. Dabei kann sich herausstellen, dass sich das Kind altersgemäß entwickelt und kein Grund zur Sorge besteht. Manchmal reicht auch eine kurzfristige Beratung der Eltern, wie sie die Sprachentwicklung zu Hause unterstützen können. Hier geht es um eine spielerische und alltagsnahe Sprachförderung, die zum jeweiligen Kind und seiner Familie passt. So kann Logopädie in bestimmten Fällen sogar bereits im Babyalter hilfreiche Unterstützung anbieten. Wie zum Beispiel bei Schwierigkeiten beim Stillen, Schlucken oder Essen.
Oder es stellt sich heraus, dass eine logopädische Therapie notwendig ist. Logopädie findet dabei in einem sehr spielerischen Rahmen statt.
50 Wörter mit zwei Jahren: Nicht nur die Anzahl zählt
Ein wichtiger Orientierungswert rund um den zweiten Geburtstag sind etwa 50 Wörter. Wobei auch Lautsilben mit einer bestimmten Bedeutung wie z. B. „Miau“ oder „Wauwau“ als Wort zählen. „Eltern brauchen keine Scheu vor vermeintlichen Babywörtern wie „Brrrmm“ oder „Baba“ zu haben.“, erklärt Kotschnig. Solche Lautmalereien zählen in der frühen Sprachentwicklung als Wörter, wenn das Kind sie wiederholt für denselben Gegenstand, dasselbe Tier oder die gleiche Handlung verwendet.
Silbenverdopplungen und Laute, die weit vorne im Mund gebildet werden, sind für kleine Kinder häufig leichter auszusprechen. Aus dem „Wauwau“ wird später problemlos ein „Hund“. Und irgendwann vielleicht auch ein Golden Retriever, Schäferhund oder Dackel. Zunächst geht es darum, dass das Kind ein Wort zur Verfügung hat. Auf diesem bauen Kinder auf, mit der Zeit wächst auch der Wortschatz.
Doch die Anzahl der gesprochenen Wörter ist nur ein Teil der Beurteilung. Entscheidend ist das Gesamtbild der kindlichen Kommunikation.
- Wie nimmt das Kind Kontakt auf, wenn es etwas möchte?
- Sucht es Blickkontakt?
- Kann es seine Aufmerksamkeit gemeinsam mit einem vertrauten Menschen auf einen Gegenstand oder eine Situation richten?
- Reagiert es auf Sprache und versteht es einfache Aufforderungen?
Sagt eine Bezugsperson beispielsweise „Hol mir bitte den Teller“, ohne gleichzeitig darauf zu zeigen, lässt sich beobachten, ob das Kind die Aufforderung versteht.
Auch das Spielverhalten, die Interessen und die sogenannte geteilte Aufmerksamkeit spielen bei der Einschätzung eine Rolle.
Was kann hinter einer verzögerten Sprachentwicklung stecken?
Die Ursachen können unterschiedlich sein. Kotschnig nennt insbesondere genetische Faktoren. Auch ein vermindertes Hörvermögen kann die Sprachentwicklung beeinflussen. Selbst wenn der Hörtest unmittelbar nach der Geburt unauffällig war, kann es sinnvoll sein, das Hörvermögen später noch einmal untersuchen zu lassen. So können Spätfolgen einer Erkrankung oder anatomische Gegebenheiten im Mittelohr dazu führen, dass ein Kind zeitweise schlechter hört.
Zu den weiteren möglichen Ursachen gehören eine allgemeine Entwicklungsverzögerung, Dyspraxie oder Neurodivergenz wie beispielsweise bei Autismus. Besteht der Verdacht, dass neben der Sprache weitere Entwicklungsbereiche betroffen sind, ist eine Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen wichtig.
Mehrsprachigkeit verursacht keine Sprachentwicklungsstörung
„Mehrsprachigkeit ist keine Ursache für Sprachentwicklungsstörungen.“, betont Kotschnig. Auch dieser Mythos geistert immer noch in den Köpfen der Menschen herum. Eine auffällige Sprachentwicklung damit zu erklären, dass ein Kind mehr lernen muss, ist ein Trugschluss, betont Kotschnig. Wächst ein Kind von Beginn an mit zwei Sprachen auf, werden bei der Einschätzung beide berücksichtigt. Auch hier geht es nicht ausschließlich um die Anzahl der bereits gesprochenen Wörter. Sprachverständnis und andere sprachliche Vorläuferfähigkeiten zählen ebenso zum Gesamtbild.
Was Sprache im Alltag braucht
Eine Sprachentwicklungsstörung entsteht nicht zwangsläufig, weil Kinder zu oft Videos ansehen, beruhigt Kotschnig. Dennoch gehen durch intensive Bildschirmnutzung Situationen im Alltag verloren, die für das Erlernen von Sprache wertvoll sind.
Wenn Eltern und Kinder auf das Smartphone schauen, fehlen Blickkontakt, gemeinsames Wahrnehmen und das sprachliche Begleiten alltäglicher Situationen. Dabei sind gerade diese unspektakulären Momente wichtig für das Erlernen der Sprache. Sprachförderung lässt sich leicht in den Familienalltag einbauen. Kotschnig empfiehlt, Situationen zu nutzen, die im Familienalltag sowieso stattfinden.
#Pflegehandlungen bewusst sprachlich begleiten
Gerade alltägliche Pflegehandlungen bieten viele Gelegenheiten für Beziehung und Sprache. Beim Wickeln, Anziehen oder Baden verbringen Eltern Zeit mit ihrem Kind. Statt zusätzliche Sprachübungen einzuplanen, können diese Momente bewusst genutzt werden. Indem Eltern benennen, was sie gerade tun, ankündigen, was als Nächstes geschieht, und auf die Reaktionen des Kindes eingehen. Was im stressigen Familienalltag oft nebensächlich erscheint, kann ein wertvoller Bestandteil der Sprachentwicklung werden.
Beim Baden könnte das beispielsweise so klingen:
„Wir müssen das Wasser aufdrehen. Noch mehr Wasser. Oh, das Wasser ist warm.“
Dann kommt vielleicht die Bade Ente dazu. „Wo ist die Ente? Ah, da ist die Ente. Die Ente schwimmt.“ Spritzt das Wasser aus der Wanne, lässt sich ein weiteres Wort mehrfach in unterschiedlichen Zusammenhängen verwenden. „Ui, das hat gespritzt. Jetzt ist die Mama/der Papa ganz nass. Die Ente ist auch nass. Und die Haare sind nass.“
Einzelne Wörter immer wieder in einen natürlichen Zusammenhang einzubauen, erleichtert es dem Kind, sie wahrzunehmen und abzuspeichern.
# Dem Interesse des Kindes folgen
Eine der wichtigsten Voraussetzungen für Lernen sind Interesse und Begeisterung. Daher bringt es wenig, die Aufmerksamkeit des Kindes unbedingt auf etwas Bestimmtes zu lenken oder das Kind „abzufragen“. Spielt die Mutter/der Vater beim Baden mit der Ente, während das Kind gerade völlig fasziniert mit einem Boot beschäftigt ist, empfiehlt Kotschnig, einfach dem Interesse des Kindes zu folgen. Die Ente darf zur Seite gelegt werden. Dann wird eben über das Boot gesprochen.
Sprachförderung bedeutet nicht, mit Zwang ein bestimmtes Wort zu lernen.
Es gilt vielmehr zu beobachten: Was interessiert mein Kind gerade? Worauf schaut es? Womit beschäftigt es sich? Genau dort kann Sprache ansetzen.
# Bilderbücher: Das Kind muss nicht stillsitzen und zuhören
Auch beim gemeinsamen Anschauen von Büchern geht es nicht darum, dass ein kleines Kind still dasitzt und von Anfang bis Ende zuhört. Kotschnig empfiehlt vielmehr das dialogische Bilderbuch-Anschauen/Vorlesen. Dabei bestimmt auch das Kind, wohin die gemeinsame Aufmerksamkeit geht. Interessiert es sich auf einer Seite ausschließlich für die Katze, kann genau diese zum gemeinsamen Thema werden. „Ah, die Katze macht Miau.“ „Was sucht die Katze?“ „Sucht sie die Maus?“
Vor allem Wimmelbücher bieten viele Möglichkeiten, den Interessen des Kindes zu folgen, Dinge zu entdecken, zu benennen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Sprachentwicklung geschieht in Beziehung
Hinter all diesen Anregungen steht ein gemeinsamer Gedanke: Kleine Kinder lernen Sprache nicht isoliert, sondern im Kontakt mit anderen Menschen. Anstatt den ohnehin stressigen Familienalltag mit Sprachübungen vollzustopfen, reicht es, Momente bewusst zu nutzen, die Eltern und Kinder zusammen verbringen.
Blickkontakt, das Interesse des Kindes aufgreifen, Wörter wiederholen und alltägliche Handlungen sprachlich begleiten, all das unterstützt dabei, Sprache zu begreifen.
Haben Eltern dennoch das Gefühl, dass sich ihr Kind sprachlich nicht altersgemäß entwickelt, müssen sie nicht bis zum vierten Geburtstag warten. Eine frühe logopädische Einschätzung kann abklären, ob Unterstützung benötigt wird.
Weitere Informationen zum Thema
Medientipps zum Thema:
Buchempfehlungen:
- Spielen, Sprechen, Spaß haben!
Das interaktive Spielebuch zur Sprachförderung
Über 100 kreative Sprachspiele und Fördertipps für Kinder ab 2 Jahren bis zur Vorschule
Autorin: Wiebke Schomaker
Kontakt: Zentrum am Flö – für Sprache, Ausdruck und starke Kinder
Susanne Kotschnig
Praxisleitung | Logopädin | Theaterpädagogin BuT | Trainerin für Erwachsenenbildung
Flötzersteig 222/20/R1
1140 Wien
Telefonnummer: 0670 351 8212
Webseite: www.zentrumamfloe.com
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