Schulstart leicht gemacht: Spielerische Vorbereitung im Alltag
Steht der Wechsel vom Kindergarten in die Schule an, sind Sorgen oft vorprogrammiert. Wird sich mein Kind in der neuen Umgebung gut einleben? Findet es schnell neue Freunde? Ist es schon fähig, sich an die neuen Regeln anzupassen? Kann es so lange stillsitzen?
Welche Voraussetzungen für den Schuleintritt gegeben sein müssen und wie wir unsere Kinder dabei im Familienalltag unterstützen können. Im Gespräch mit Susanne Kotschnig, Logopädin und Theaterpädagogin sowie Gründerin des Zentrums am Flö.
„Wackelzahnpubertät“: Biologisch vorgegebener Entwicklungsschritt
In der so genannten Wackelzahnpubertät - auch bekannt unter den Begriffen „erster Gestaltwandel“ oder „6-Jahres-Krise“ – entfalten sich unsere Kinder vom Kleinkind zum Schulkind. Dieser Entwicklungsschritt beginnt in etwa im Alter von 5 Jahren. Der Körper streckt sich, Arme und Beine werden länger und die typisch pummelige Körperform weicht neuen Muskeln. Die Gesichtsform verändert sich und der Zahnwechsel beginnt.
Unsere Kinder beginnen konkreter und vor allem logisch zu denken, eine wichtige Voraussetzung für die Schule. Sie lernen, sich aus dem Spiel zu lösen und die Aufmerksamkeit bewusst auf das zu lenken, was ihnen gesagt wird. Diese körperliche und geistige Reifung ist biologisch vorgegeben. Sie geschieht von allein, ohne unser Zutun, betont Kotschnig. Wichtig ist es als Elternteil zuversichtlich zu bleiben. Der Gestaltwandel tritt ein, auch wenn wir das Gefühl haben, unsere Kinder entwickeln sich langsamer als andere.
Wackeln die Zähne, wackelt die Seele.
Das ist ein Ausspruch, der vor allem die psychischen Veränderungen in der „Wackelzahnpubertät“ beschreibt. Diese Phase ist ein großer Schritt in Richtung Autonomie. Diese äußert sich bei vielen bei Kindern auch mit Labilität und Stimmungsschwankungen. Hier gilt es achtsam und sensibel zu sein.
Voraussetzungen für den Schuleintritt
Grob- und Feinmotorik sowie kognitive Fähigkeiten, wie Merkfähigkeit, sprachliche Ausdrucksmöglichkeit und Grundlagen der Mathematik werden im Kindergarten trainiert. Alle diese Fähigkeiten, wie die korrekte Stifthaltung oder ein gutes Erinnerungsvermögen lassen sich jedoch auch leicht mit einfachen Alltagshandlungen üben.
Gemeinsamer Alltag: Die beste Förderung
Das gemeinsame „Tisch decken“ ist eine tägliche Aufgabe im Familienalltag, bei der viele Fertigkeiten gleichzeitig gefördert werden. Durch das Ziel des „gedeckten Tisches“ wird die Aufmerksamkeit gelenkt und auf ein Ergebnis hingearbeitet. Beim gemeinsamen Überlegen wie viele Personen am Tisch sitzen und was wir alles brauchen werden, mathematische Grundkenntnisse wiederholt. Anhand der Überlegung, wo Gabel und Messer hingelegt werden, lernen Kinder räumliche Orientierung. Gezielte Aufträge, wie zum Beispiel zuerst das Tischtuch und dann erst die Servietten und das Besteck zu holen, unterstützen die Merkfähigkeit.
Auch das gemeinsame „Füttern von Haustieren“ eignet sich hervorragend zur Unterstützung der Schulreife. Beim Aufschneiden der Futterpackung mit der Schere wird die Feinmotorik eingeübt. Das Tragen der vollen Wasserschüssel erfordert körperliches Geschick. Und die Bitte der Mutter an das Kind, sie an das Bürsten oder Schneiden der Krallen zu erinnern, unterstützt die Erinnerungsfähigkeit.
Kotschnig möchte Bewusstsein dafür schaffen, wie viel Lernpotenzial in Alltagssituationen steckt. Und Eltern damit den Druck nehmen. Denn allein der schlichte Einbezug in den Alltag birgt mehr Lernpotenzial, als uns oft bewusst ist. Während im Kindergarten mit Vorschulblättern für eine strukturierte Schulvorbereitung gesorgt wird, können wir im Familienalltag natürlich und individuell auf die Bedürfnisse unserer Kinder eingehen.
Extrinsische Motivation: Natürlicher Antrieb zum Üben
Wir unterscheiden zwischen intrinsischer Motivation und extrinsischer Motivation. Erstere ist von Natur aus vorhanden. Diese treibt Kleinkinder an, sitzen, stehen und gehen zu lernen. Extrinsische Motivation entsteht durch äußere Anreize. So lassen sich Kinder leichter motivieren, wenn sie den Sinn hinter einer Handlung zu verstehen. Beim Aufräumen bedeutet das zum Beispiel, Platz für ein anderes Spiel zu schaffen oder es gemütlicher zu haben.
Die „Wackelzahnpubertät“ ist eine Phase, in der Kinder von sich aus den Wunsch haben, sich Dinge richtig zu merken und Aufgaben zu schaffen. Diese natürliche Motivation können wir im Alltag nutzen, in dem wir unsere Kinder bitten, kleine Erledigungen zu übernehmen. Allein durch die Bestätigung „Ich habe das ganz allein geschafft.“ erleben sie Selbstwirksamkeit und können ein positives Selbstbild aufbauen. Wie von selbst üben sie so Fertigkeiten, die sie später im Schullalltag brauchen.
Positive Bestätigung: Durchhaltevermögen trainieren
Wichtig sei, nicht nur Ergebnisse zu loben und Talente in den Vordergrund zu stellen, sondern das Bemühen an sich anzuerkennen, rät Kotschnig. Statt „Wow, Du kannst aber toll zeichnen.“ bewirkt ein „Oh, Du hast aber viele Farben verwendet. Und an so viele Details gedacht.“ viel mehr. Die Bestätigung, „Super, Du bist schon die halbe Länge im Schwimmbecken selbständig geschwommen.“ unterstützt auch das Durchhaltevermögen. Dadurch machen Kinder die Erfahrung, dass etwas noch nicht zu schaffen lediglich die Möglichkeit bietet, es erneut zu probieren. Und können mit Rückschlägen im Schulalltag später besser umgehen.
Wichtig zu vermitteln ist, dass noch fehlende Fähigkeiten oder Schwierigkeiten mit bestimmten Lerninhalten nicht am Kind als Person liegen, betont auch Kotschnig. Frustration zu akzeptieren ist ein erster Schritt. Zur Entwicklung von Resilienz gehört jedoch auch die Suche nach Lösungen, so Kotschnig. Wie z. B. Unterstützung und Hilfe in Anspruch zu nehmen und die Lehrerin zu bitten, es noch einmal zu erklären.
Auch mein 13jähriger Sohn und ich kennen Tage, an denen einfach alles schiefläuft. Was uns dabei hilft, ist das Wissen, „Morgen ist ein neuer Tag.“. Sind wir traurig, misslingt uns alles oder noch schlimmer, haben wir gelernt nichts zu erzwingen. Die gegenseitige Zusicherung, das Vertrauen, dass es am nächsten Tag wieder besser wird, ermutigt uns einfach einmal Pause zu machen. Unsere Gefühle zuzulassen und liebevoll mit uns selbst und miteinander umzugehen.
Regulation körperlicher Unruhe: Bewegung ist Gold
Haben Kinder Probleme damit, länger still zu sitzen kann dies ein Hinweis darauf sein, dass sie körperlich nicht ausreichend reguliert sind, erklärt Kotschnig. Ständiges zappeln ist keine fehlende Fähigkeit. Sondern ein Zeichen für das Bedürfnis, sich körperlich an die Situation anzupassen, wie zum Beispiel bei zu viel oder zu wenig Körperspannung. Hier können ein Wackelpolster oder Stressball oder andere Fidget Toys helfen, die Spannung auszugleichen.
Ob klettern, schaukeln oder die Bewältigung von selbstgebauten Parcours. Alle Bewegungen, welche die Rumpfspannung fördern, helfen die eigene Körperspannung besser regulieren zu können. Wie z. B. beim Ziehen und Schieben von schweren Gegenständen (Wäschekorb, Einkaufswagen). Auch das Verstauen oder herunter holen von Dingen, die sich oberhalb der kindlichen Reichweite befinden, bietet die Möglichkeit den kindlichen Körper zu strecken und damit Druck- und Zugaufbau zu üben. Doch allein das Zutrauen den Kinderrucksack selbst zu tragen, hilft den eigenen Körper besser zu spüren und regulieren zu können, meint Kotschnig.
Starke Gefühle begleiten: Co-Regulation
Starke Gefühle unserer Kinder können wir durch Co-Regulation gut begleiten. Dabei werden starke Emotionen, wie Traurigkeit oder Wut zunächst einfach nur für das Kind benannt. „Du bist richtig sauer!“ „Das magst du gar nicht, stimmt’s?“ Allein dieses Zugeständnis reduziert den kindlichen Stress.
Die Erlaubnis, traurig sein und sich ärgern zu dürfen. Das Erlebnis, die eigenen Gefühle im geschützten Rahmen äußern zu können. Im Anschluss daran werden zusammen Möglichkeiten gesucht, mit diesen umzugehen. Wie z.B. bei richtig großer Wut in den Polster zu schlagen, ohne dabei jemandem weh zu tun. Oder sich in die Kuscheldecke einzuwickeln und Kakao zu trinken, wenn wir traurig sind. Diese Erfahrung hilft unseren Kindern auch im Schulalltag angemessen mit Emotionen umzugehen.
Zentrum am Flö
Susanne Kotschnig
Flötzersteig 222/Stiege 20/R1
1140 Wien
+ 43 670 351 82 12
zentrumamfloe.com
kontakt@zentrumamfloe.com
Speziell für die Vorbereitung auf den kommenden Schulstart bietet Susanne Kotschnig gemeinsam mit zwei KollegInnen aus den Fachbereichen Ergotherapie, Gesundheitsförderung und Familienbegleitung ein Sommer-Camp in Wien an.
SchulSTARK – Dein Camp für den Schulstart
Das Camp „SchulSTARK – Dein Camp für den Schulstart“ ist ein Zusammenspiel aus logopädischen, ergotherapeutischen und theaterpädagogischen Angeboten. Wir trainieren spielerisch und kreativ alle wichtigen Fähigkeiten für den Schulbeginn, insbesondere in den Bereichen Sprache, Motorik und Selbstvertrauen. Ergänzend setzen wir einen starken Schwerpunkt auf mentale Gesundheit sowie Gesundheitsförderung.
Das Camp ist sowohl für Kinder ohne Therapiebedarf als auch für Kinder mit leichtem Therapiebedarf geeignet. Auch eine gesunde Jause und ein warmes Mittagessen sind inkludiert.
Das Angebot findet vom 6. bis 10. Juli statt und ist eine Sommerbetreuung mit zusätzlichem Schwerpunkt auf die Schulvorbereitung. Die Betreuung erfolgt von 8 bis 14 Uhr. Die Kosten betragen 555,- Euro, inklusive Mittagessen und Jause.
