"Handyfrei" - Wie ein gesunder Umgang mit Handy und Co. gelingen kann

Das Thema Smartphone scheint momentan in aller Munde zu sein - und es polarisiert. Petra Trautwein hat sich ausführlich mit dem Thema Handy und Co. auseinandergesetzt. Am 2. Februar ist ihr neues Buch "Handyfrei" erschienen. Wir haben die Autorin zum Interview gebeten.

 

meinefamilie.at: Frau Trautwein, Ihr neues Buch geht um das Thema Handynutzung und die Auswirkungen auf Kinder. Was hat Sie bewogen, darüber ein Buch zu schreiben?

Trautwein: Weil ich im Alltag als Coach und als Mutter erlebe, wie überfordert sich viele Eltern mit dieser Aufgabe fühlen. Noch nie zuvor mussten Eltern Kinder durch eine Welt begleiten, in der jederzeit ein Gerät verfügbar ist, das gezielt auf Sucht programmiert ist. Unsere eigenen Eltern hatten dieses Problem nicht.

Es gibt keine erprobten Regeln, keine kulturelle Erfahrung, keinen Generationenvertrag, auf den wir zurückgreifen können.

Gleichzeitig wissen wir noch viel zu wenig über die Prozesse, die dabei im Gehirn unserer Kinder ablaufen. Umso wichtiger ist es, Eltern zu befähigen und ihnen klare, alltagstaugliche Strategien an die Hand zu geben, wie sie ihren Kindern einen gesunden Umgang mit Handy und digitalen Medien beibringen können.

Im Buch beschreibe ich sehr klar: Eltern können heute liebevoll und verständnisvoll sein und gleichzeitig konsequent, technisch versiert und emotional stabil handeln, auch in einem Umfeld, das permanent gegen sie arbeitet.

„Handyfrei“ ist als Orientierungshilfe für Eltern entstanden, die Verantwortung übernehmen wollen, ohne ihre Beziehung zu ihrem Kind zu verlieren.

 

meinefamilie.at: Warum ist das Thema Handy in aller Munde?

Trautwein: Weil die Folgen inzwischen nicht mehr zu übersehen sind. Kinder sind schneller abgelenkt, können sich schlechter konzentrieren, sind häufiger erschöpft, gereizt oder innerlich leer. Und Eltern spüren sehr genau, dass Bildschirmzeiten und Verbote allein das Problem nicht lösen.

Im Buch zeige ich, dass wir es nicht mit einer Erziehungsfrage zu tun haben, sondern mit einer neurobiologischen Herausforderung. Smartphones, Social Media und Games arbeiten mit Dopamin-Belohnungssystemen, die gezielt auf Bindung und Abhängigkeit ausgelegt sind. Kindergehirne sind dem strukturell unterlegen.

Das Thema ist deshalb in aller Munde, weil immer mehr Familien an diesem Punkt scheitern und Machtkämpfe, Schuldgefühle und Hilflosigkeit spürbar sind.

Langsam wird klar, dass Wegschauen keine Option mehr ist.

"Wir müssen lernen, Kinder im digitalen Zeitalter bewusst zu begleiten, nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung."

meinefamilie.at: Betrifft diese Abhängigkeit vom Handy nur die Kinder? 

Trautwein: Nein, absolut nicht! Digitale Abhängigkeit ist keine Frage der Generation, sondern eine menschliche. Bei uns sind auch die Großeltern oft digital unterwegs und ich muss sie manchmal daran erinnern, dass sie ihr Handy weglegen.

Denn wir Erwachsenen reagieren auf dieselben Mechanismen: sofortige Ablenkung, schnelle Belohnung, permanente Verfügbarkeit. Der Unterschied ist nur, dass wir als Erwachsene ein weiter entwickeltes Gehirn haben und Gefühle besser regulieren können.

Auch wir Erwachsene greifen reflexhaft zum Handy, sobald es ruhig wird.

Für Kinder ist das besonders problematisch, wenn sie das beobachten. Im Buch beschreibe ich sehr deutlich: Medienerziehung funktioniert nicht über Regeln, sondern über Vorbilder. Wenn Großeltern beim Besuch permanent aufs Handy schauen, untergräbt das jede gut gemeinte Regel der Eltern.

Deshalb betrifft das Thema alle Generationen. Und deshalb braucht es ein gemeinsames Bewusstsein in der Familie: Präsenz ist kein Erziehungsstil, sie ist eine Haltung.

Kinder lernen nicht durch Erklärungen, sondern durch das, was sie täglich sehen.

meinefamilie.at: Gibt es kleine „handyfreie Rituale“, die den Alltag erleichtern und gleichzeitig die Verbindung zur Familie stärken?

Trautwein: Ja, und genau darauf lege ich im Buch großen Wert: Es braucht keine radikalen Digital-Detox-Konzepte, sondern klare, verlässliche Rituale.

Zwei davon sind zentral:

#1. Kein Handy bei den Mahlzeiten und kein Handy im Schlaf- oder Kinderzimmer in der Nacht. Diese beiden Orte sind emotionale Schutzzonen.

Am Tisch entsteht Beziehung, im Schlafzimmer Regulation und Ruhe.

Wenn dort Bildschirme liegen, verlieren Kinder genau das, was sie am dringendsten brauchen: echte Aufmerksamkeit und sicheren Schlaf.

#2. Ein weiteres wirksames Ritual sind zehn Minuten bewusste Präsenz pro Tag mit jedem Familienmitglied. Zehn Minuten ohne Handy, ohne Multitasking, ohne Ziel. Nur zuhören, da sein, Blickkontakt. Im Buch beschreibe ich, warum diese kurze, aber echte Verbindung oft mehr bewirkt als stundenlange Diskussionen über Medienzeiten.

Diese Rituale entlasten den Alltag, weil sie Klarheit schaffen. Kinder wissen, wann sie wirklich gemeint sind. Und genau das reduziert den Druck, sich Aufmerksamkeit über Bildschirme zu holen.

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