31. März 2021

Minenfeld Alkoholkonsum bei Eltern – Teil 2

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Kinder von abhängigen Eltern finden innerhalb ihrer Familie oft keine stabile, verlässliche oder haltgebende Struktur vor. Das Erleben ihrer Welt und ihres eigenen Lebens kann von vielen Eindrücken geprägt sein, die nicht ihrem Alter, ihrer Entwicklungsstufe oder ihren momentanen Interessen entsprechen.

Vergleicht man das System Familie mit einem Mobile wird schnell klar, dass von einer Alkoholabhängigkeit nicht nur der Süchtige betroffen ist, sondern zwangsläufig auch alle anderen Familienmitglieder.

Alle Teile des Mobiles sind verbunden, stehen in engem Kontakt zueinander und sind bestrebt ein Gleichgewicht zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Die Bewegung eines einzelnen Teils bedeutet logischerweise auch die Bewegung der anderen Teile. Auch innerhalb der Familie reagieren alle Mitglieder auf Veränderung oder Belastung. Jeder auf seine eigene Art und Weise, vielleicht unbewusst oder in unterschiedlichem Ausmaß, jedoch immer bestrebt danach, ein neues Gleichgewicht herzustellen.

Wie wirkt sich abhängiges Verhalten eines Elternteils oder Erziehungsberechtigten auf Kinder aus?

  • Sie übernehmen, aufgefordert und unaufgefordert, Aufgaben, die nicht ihrem Alter entsprechen. So kann es zum Beispiel sein, dass sie die Aufsichtspflicht von jüngeren Geschwistern übernehmen, einkaufen gehen oder sonstige Besorgungen erledigen. Manchmal fungieren sie als Streitschlichter zwischen den Elternteilen oder versorgen sich selbst, Geschwister und sogar die Eltern mit Essen.
  • Sie fühlen sich mitunter schuldig für das Verhalten der Eltern, sowohl für das Trinken als auch für Konflikte zwischen den Eltern.
  • Sie befinden sich häufig in Loyalitätskonflikten. Gedanken wie „Halte ich besser zu Mama oder zu Papa?“ oder „Wenn ich jetzt Papa tröste, ist Mama vielleicht böse auf mich“ führen zu innerer Unruhe, Zerrissenheit und Unsicherheit.
  • Sie erleben ein Auf und Ab der eigenen Gefühle. Die Befindlichkeit der Familienmitglieder ist eng mit dem Konsumverhalten des abhängigen Elternteils verknüpft. Wird gerade abstinent gelebt und auf Alkohol verzichtet, entsteht Erleichterung und Hoffnung auf Besserung, wird bei einer sich bietenden Gelegenheit wieder Alkohol getrunken oder droht ein Rückfall, kommen Ärger oder Enttäuschung auf. Das gesamte Familienklima ist geprägt von Scham, Wut, Angst und Hilflosigkeit.

  • Sie gehen vermehrt in soziale Isolation. Sie nehmen ungern oder gar keine Freunde mit nach Hause, weil sie nicht wissen in welcher Verfassung sich der trinkende Elternteil befindet oder die Familie verzichtet z.B. auf Feierlichkeiten, damit die Abhängigkeit nicht auffällt. Freizeitaktivitäten kann nur eingeschränkt nachgekommen werden, wenn der abhängige Elternteil nicht mehr in der Lage ist Auto zu fahren oder die Aufsicht einer Gruppe Kinder zu übernehmen.
  • Finanzielle Probleme der Eltern können die Aktivitäten des Kindes beeinflussen. An Schulausflügen oder Freizeitaktivitäten kann nicht teilgenommen werden, wenn das Suchtmittel zu viel Geld in Anspruch nimmt.
  • Sie erfahren vermehrt Grenzüberschreitungen (emotional, körperlich oder sexuell), psychische oder körperliche Gewalt und fungieren oft als Partnerersatz, Trostspender oder Seelsorger.

Bestimmte Verhaltensmuster garantieren Kindern das Überleben und Zusammenleben innerhalb einer suchtbelasteten Familie. Die Merkmale der einzelnen Rollen entwickeln sich sehr oft zu persönlichen Charaktereigenschaften.

  • Sie sind Geheimnisträger. Nach außen hin, außerhalb der Familie, dürfen sie nicht über die Probleme zuhause sprechen (dies suggeriert: Vertraue niemandem!).
  • Sie leiden an gesundheitlichen Folgen, z.B. durch mütterlichen Konsum während der Schwangerschaft oder rauchen in geschlossenen Räumen.
  • Sie sind gefährdet unabsichtlich Alkohol zu konsumieren, der sich im Haushalt befindet.
  • Sie schlagen sich mit Sorgen um den abhängigen Elternteil herum („Passiert auch nichts, wenn ich nicht da bin und aufpasse?“). 
  • Sie fallen in der Schule oft durch unangemessenes Verhalten oder schwache Leistungen auf.

Bestimmte Verhaltensmuster garantieren Kindern das Überleben und Zusammenleben innerhalb einer suchtbelasteten Familie. Die Merkmale der einzelnen Rollen entwickeln sich sehr oft zu persönlichen Charaktereigenschaften, die das Kind auch dann noch prägen, wenn es erwachsen ist oder der abhängige Elternteil schon längst mit dem Trinken aufgehört hat.

Das Heldenkind

Es übernimmt Aufgaben, die die Eltern nicht mehr oder nicht ausreichend hinbekommen, ist leistungsorientiert, verantwortungsbewusst und ist stark von Lob, Zustimmung und Anerkennung abhängig.

Gedanken wie „Wenn ich alles richtig mache, kann ich meine Familie retten“ führen zu Schuldgefühlen, denn egal wie sehr sie sich anstrengen, sie können die Probleme der Familie nicht beseitigen. Mögliche Folgen im Erwachsenenalter: Workaholic, kann nicht „Nein“ sagen, sucht sich später suchtmittelabhängige oder in anderer Form hilfebedürftige Partner.

Der Sündenbock

Er fällt negativ auf und wird oft als zusätzliche Belastung wahrgenommen, ist häufig aufsässig oder begeht Straftaten. Er lenkt die Familie vom Abhängigkeitsproblem ab, indem er andere Probleme erschafft und bezieht somit Aufmerksamkeit, wenn auch negative. Dies gefährdet wiederum aber auch, das Familiengeheimnis zu lüften, da Außenstehende aufmerksam werden. 

Mögliche Folgen im Erwachsenenalter: Sündenbock auf Lebzeiten, hat die stärkste Gefährdung später selbst eine Abhängigkeit zu entwickeln, Straffälligkeit, verantwortungsloses Verhalten.

Das verlorene Kind

Es versucht Konflikte zu vermeiden, stellt keinerlei Anforderungen an seine Eltern, ist oft Einzelgänger und fühlt sich wohl, wenn es für sich selbst sein kann. Dabei sind Fernseher, Computer und ähnliches willkommene Hilfsmittel, um sich sozial zu isolieren und zurückzuziehen. Eltern empfinden es als problemlos und pflegeleicht, was dem Kind durch Vertrauen und Zustimmung gezeigt wird. Das Kind lernt, dass dieses Verhalten erwünscht ist. 

Sie haben oft mit Selbstwertproblemen zu kämpfen oder fallen durch häufige Krankheiten, Bettnässen oder ähnliches auf. Essen oder der Konsum anderer Substanzen dient häufig dazu, die innere Leere auszufüllen.

Mögliche Folgen im Erwachsenenalter: Essstörungen, keine Lebensfreude, gnadenlose Selbstverurteilung, häufig gestörte Beziehungsverhältnisse, niedrige Sozialkompetenz.

Der Clown

Er überspielt Spannungen in der Familie, indem er fröhlich herumkasperlt. Er möchte Lachen und Aufmerksamkeit bei Betreuungspersonen hervorrufen, andere Gefühle werden unterdrückt. Durch dieses Verhalten werden Spannungen aus dem Familiengleichgewicht genommen. Er ist daher sehr beliebt in der Familie, bekommt jedoch wenig Anerkennung. Er wird oft als hyperaktiv eingestuft und medikamentös behandelt.

Mögliche Folgen im Erwachsenenalter: Zugang zum gesamten Gefühlsspektrum ist gestört, da Gefühle hinter der Maske des Clowns versteckt wurden, nimmt eigene Ängste und Bedürfnisse nicht wahr, ist schon früh suchtgefährdet, da er erfahren hat, dass es Mittel gibt, mit denen er sich „normaler“ fühlt.

Zu beachten ist jedoch, dass sich nicht alle Kinder und Jugendlichen abhängiger Eltern auf diese Art und Weise entwickeln. Forschungen belegen zwar, dass Kinder suchtkranker Eltern ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko haben, einmal selbst an einer Sucht zu erkranken, dennoch hat jedes Kind seine eigene Art und Weise mit den Herausforderungen des Familienlebens umzugehen. Die Tatsache allein, dass ein Elternteil abhängig ist, reicht nicht aus, um selbst eine Abhängigkeit zu entwickeln. Die Fähigkeit der Resilienz (besonders hohe Widerstandskraft gegenüber Stress, das Immunsystem der Seele) spielt hier eine besonders große Rolle.


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