Streit gelassen(er) begleiten
Geschwister streiten. Manchmal verzweifeln Väter daran. Vor allem in den Sommerferien. Wie geht Mann möglichst gelassen damit um?
Die Sommerferien sind in vollem Gange. Es sind nicht die ersten. Als Vater von zwei Töchtern – 12 und 18 Jahre alt – habe ich etlicher solcher hinter mir. Das wiederum gibt mir einen gewissen Erfahrungsschatz, auf den ich zurückgreifen kann.
Erfahrung gibt einem auch eine gewisse Gelassenheit.
Und sei es nur deshalb, weil man als Vater nach ein paar Jahren weiß, dass sich manche Dinge nie ändern. Und sich zugleich stets alles ändert.
Wechselnde Streitpunkte
Das wiederum muss kurz erklärt werden: Natürlich gibt es gewisse Konstanten, die ganz banal sind. Etwa: Geschwister Streiten sich und sind naturgemäß nicht immer einer Meinung. Passiert das im Setting der Sommerferien, sind diese Streitereien oft besonders heftig. Das ist allein schon deshalb so, weil im Sommer mehr Zeit dafür bleibt. Ist dieser zeitliche Freiraum da, der ansonsten mit To-Dos wie Lernen oder Hausaufgaben gefüllt ist, entzündet sich der Streit oft an Banalitäten. Und eben diese sind in stetigem Wandel begriffen: Es geht mit dem Heranwachsen der Kinder und in diesem Fall der Töchter um immer andere Dinge, also variierende Streitpunkte.
War es früher das Spielzeug, dann sind es heute Klamotten.
Wem gehört was, wer darf was wann anziehen, ist der Tauschhandeln überhaupt vollzogen worden und frühere Dauerleihgaben oder gar Schenken mit einem Schlag gar hinfällig?
Ganz egal, worum es sich auch dreht: In den seltensten Fällen ist es mir gelungen, die emotionale und sachliche Dringlichkeit zu erfassen und somit den Funken des Streits als solchen zu verstehen.
Daran entzündet sich wiederum die väterliche Ungeduld: Indem eben die Streitgründe nur schwer oder gar nicht verständlich sind, neigt mann dazu die Konfliktgründe leichtfertig als Banalitäten abzutun. Das wiederum ärgert den Nachwuchs und aus einem kleinen Streit wird nur allzu leicht ein größerer Konflikt.
Einfühlübungen
Schnell wird klar: Es geht nicht in erster Linie darum, wie man(n) gelassener mit Geschwisterstreitigkeiten umgeht, sondernzuerst einmal vor allem darum, wie gut die Übungen mit dem Einfühlen und dem Verstehen funktioniert.
Gab es nicht in der Kindheit mit dem Bruder ähnliche oder vergleichbare Streitereien und wurden diese nicht auch oft von Dingen angeheizt, die im Nachhinein gesehen absolut lächerlich waren, damals aber gefühlt das eigene Leben davon abhing? Eben.
Darin liegt aber schließlich auch die Quelle, die zu einer bestimmten Form von Gelassenheit führen kann. Im Nachhinein gesehen mag sich einiges tatsächlich als banal herausstellen, aber im Moment der Streitigkeiten ist es einfach sehr bedeutend.
Die Gründe für die Streitigkeiten ändern sich. Als Vater geht es dabei eben nicht darum, alles zu verstehen und vor allem nicht, es zu bewerten. Das Urteil, ob die Streitpunkte wichtig sind oder eben nicht, sind nicht das zentrale Moment. Das väterliche Urteil darf und soll meiner Meinung nach auch in der Schwebe bleiben. Allzu schnelle Urteile und eigene Meinungen befeuern Konflikte eher, als dass sie diese lösen.
Das Urteil in der Schwebe halten
Das möchte ich jedenfalls Vätern mitgeben, die oft Geschwister-Streitereien auch und vor allem im Setting der Sommerferien verzweifeln und an ihre absoluten Grenzen kommen: Es geht nicht darum alles zu verstehen, es geht schon gar nicht darum ein weises Urteil zu fällen, es geht einfach darum die Streitereien mit einer emotionalen Reife und gewissen Weitsicht zu begleiten. Gemeinhin nennt man das Gefühlsarbeit.
Auch wenn es ein Klischee ist, aber: Männer sind darin nicht immer besonders gut. Statt sich also in Geduld und Gelassenheit zu üben und vorranging Quellen zu suchen, um zu solchen Eigenschaften zu kommen, lohnt es sich auch, in den eigenen inneren und emotionalen Quellen zu schöpfen.
Man versteht leichter und begleitet deutlich besser, wenn man(n) sich an seine eigenen Konflikte aus der eigenen Kindheit erinnert und begreift, das Streit im Hier und Jetzt immer existenziell ist.
