Raus aus der Mobbingfalle - wie Wertschätzung unsere Kinder stark macht
Aus einer zufälligen Begegnung mit einem verstummten Kind wurde ein Herzensanliegen: Die Journalistin Andrea Micus spricht im Interview mit meinefamilie.at über ihr Buch - über die Ursachen von Mobbing, die Rolle von Schule, Familie und digitalen Medien – und darüber, wie Eltern durch echte Wertschätzung Stärke, Mut und Schutzräume schaffen können.
"Mich hat das Thema nicht mehr losgelassen. Ich habe ausführlich recherchiert, mit betroffenen Opfern, aber auch Tätern, mit Lehrkräften und Eltern gesprochen und mich schließlich entschlossen, ein Buch darüber zu schreiben."
Frau Micus, Sie haben sich in besonderer Weise mit dem Thema Mobbing auseinandergesetzt und dazu auch ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu?
Ich hatte vor einigen Jahren bei meinem morgendlichen Hundespaziergang eine traurige Begegnung mit der kleinen Tochter einer Nachbarin. Das bis dahin immer sehr fröhliche zehnjährige Mädchen wirkte an diesem Vormittag wie ausgewandelt, schien bedrückt und unsicher zu sein. Auf mein Nachfragen hin ließ sie sich entlocken, dass sie sich nicht zur Schule traue. Ich habe sie nach Hause begleitet. Ihrer Mutter hat mir dann erzählt, dass ihre Tochter seit Wochen ein Mobbing-Opfer sei und die ganze Familie rat- und hilflos sei. Als Journalistin hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Nach vielen Gesprächen habe ich mich schließlich entschlossen, ein Buch darüber zu schreiben, um betroffenen Kinder und Eltern etwas Hilfe zu geben.
Haben Sie selbst Erfahrung mit Mobbing gemacht? Als Betroffene, Beobachterin oder in Ihrer beruflichen Tätigkeit?
Ich selbst habe keinerlei Mobbingerfahrung machen müssen. Aber ich habe zwei mittlerweile erwachsene Kinder, war viele Jahre im Schulvorstand und habe in der Klasse eines meiner Kinder einen aufwühlenden Mobbingfall mitbekommen. Es betraf den Mitschüler meines Sohnes. Der Vater erzählte auf diversen Elternabenden mit Tränen in den Augen über die schlimmen Erfahrungen seines Sohnes und bat uns Eltern jedes Mal eindringlich um Hilfe. Ich habe die Freunde meines Sohnes zu Hause darauf angesprochen, an ihre Empathie appelliert, hatte auch immer das Gefühl, sie erreicht zu haben. Wir haben auch in der Schule darüber gesprochen, den psychologischen Dienst involviert, aber richtig gebracht hat es alles nichts. Der Junge war bis zum Abitur ein Außenseiter.
Ich denke nicht, dass wir eine wesentliche Umkehr im Verhalten der Mitschüler dieses Jungen erreicht haben. Das war eine Erfahrung, die mich bis heute berührt.
Die Beispiele, die sie in ihrem Buch anführen, sind sie fiktiv?
Nein, sie sind real. Ich habe für das Buch über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg immer Gespräche geführt und viele Kinder und deren Eltern hilflos weinen gesehen, es war erschütternd.
Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Ursachen für Mobbing unter Kindern und Jugendlichen?
Mobbing entsteht selten aus dem Nichts. Meistens steckt dahinter ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Gruppendynamik, Unsicherheit, fehlende soziale Kompetenzen, das Bedürfnis, sich auf Kosten anderer stark zu fühlen und von eigener Schwäche abzulenken.
Oft sind die Mobber die eigentlich Unsicheren.
Zugehörigkeit und Anerkennung spielt immer eine große Rolle. Schon im Kindergarten suchen Kinder nach Anerkennung. Wer etwas besonders gut kann, will gesehen und gelobt werden und genießt die begehrte Position. Aber er will sie auch behalten, grenzt dafür notfalls andere aus und an wem kann man seine Macht demonstrieren? Genau, an denen, die aus der Masse herausstechen, durch ihr Aussehen, durch besonders schlechte oder gute Leistungen, durch ihr Verhalten, das armselig, elitär, auf jeden Fall anders ist.
Wer „draufhaut“ wird zum Leader und andere machen mit, weil sie ihn dafür bewundern, aber auch, um nicht dasselbe Schicksal zu teilen.
Dazu kommen gesellschaftliche Fehlstrukturen, die auch die Familien vorleben: mangelnde Empathie und wenig Respekt anderen gegenüber.
Vereinfacht ausgedrückt: Mobbing entsteht dort, wo Machtverhältnisse kippen und niemand rechtzeitig eingreift.
Warum fällt es vielen Betroffenen schwer, sich Hilfe zu holen?
Das hat mehrere Gründe. Scham, sich als Außenseiter zu outen, Angst vor den Konsequenzen, nämlich noch mehr von den Tätern ertragen zu müssen, und Hilflosigkeit, weil man keine Vorstellung hat, wie Hilfe aussehen kann.
Dazu kommen Enttäuschungen. Ausgelöst durch Lehrer, die nicht hinsehen, weil sie überlastet sind und Eltern, die bei Signalen nicht nachfragen, weil sie das Mobbing nicht einschätzen können und oft auch nicht den Mut haben, sich damit auseinanderzusetzen.
Doch auch die Eigenwahrnehmung spielt eine Rolle. Wer wegen seines Gewichtes gehänselt wird, fühlt sich oft selbst nicht wohl in seiner Haut und versteht die Reaktion. Er gibt sich die Schuld an den Hänseleien und Kränkungen. Viele Opfer denken: „Es geschieht mir recht. Ich bin ja auch zu dick, zu dünn, zu hässlich, zu dumm, zu arm …“
Oft wird es als Schwäche empfunden, sich Hilfe zu suchen.
Betroffene empfinden also doppelte Scham. „Ich kann nicht einmal in der Schule bestehen, ich bin wirklich nichts wert. Wenn ich mich weg ducke, merken es vielleicht noch nicht alle, wie schlimm ich bin. Dann sehen mich wenigstens die Geschwister, die Eltern, die Lehrer noch anders.“
Welche Rolle spielen digitale Medien beim Cybermobbing und wie können Eltern hier aktiv werden?
Das Internet ist kein neuer Tatort, sondern eine Bühne für bekannte Verhaltensmuster, allerdings mit anderen Werkzeugen: Likes, Kommentare, Gruppenchats. Was früher nur auf dem Pausenhof passierte, ist heute rund um die Uhr sichtbar, und zwar für alle und jedermann und niemand kann sich davor schützen. Ein beleidigender Post oder ein peinliches Foto verbreiten sich innerhalb von Sekunden und bleiben im Netz sichtbar, dauerhaft.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch eine aufgeklärte Mediennutzung. Welche Inhalte sind okay? Was passiert, wenn man etwas Gemeines sieht oder selbst betroffen ist?
Doch was können Eltern tun, wenn sie Cybermobbing wahrnehmen? Tipp: Screenshots sichern, Beweise sammeln, auch hier gemeinsam mit Schulen reagieren.
Warum ist Wertschätzung Ihrer Meinung nach das „Zauberwort“ im Kampf gegen Mobbing?
Mobbing entsteht dort, wo Menschen andere Menschen entwerten.
Es würde nicht passieren, wenn wir den anderen achten und respektieren, wenn wir ihn wertschätzen.
Wertschätzung bedeutet, sein Kind, einen Mitschüler, seinen Kollegen, einfach jeden so anzunehmen, wie er ist. Dabei muss man natürlich man nicht alles gut finden.
Kritik gehört dazu, aber in einer Form, die den anderen nicht verletzt.
Wertschätzung verändert den Umgang miteinander und auch die Dynamik in Gruppen. Sie stärkt den Selbstwert, macht empathisch und fördert Zivilcourage. Deshalb ist es für mich das „Zauberwort“.
Ein Kind, dass sich angenommen fühlt, ist stark, hat nicht das Bedürfnis, andere kleinzumachen und ein starkes Kind wird auch selten ein Mobbingopfer. Stark sein schreckt ab!
Wer sich gesehen fühlt, hat weniger Angst, Fehler zu machen und mehr Mut, einzuschreiten, wenn jemand anderem Unrecht passiert.
Wie kann man Kindern Wertschätzung vermitteln, ohne sie zu verwöhnen?
Das sind zwei Paar Schuhe. Übermäßig Verwöhnen heißt, ich erfülle meinem Kind alle Wünsche. Wertschätzung bedeutet, ich gebe ihm das Gefühl: Du bist wichtig, auch wenn du nicht perfekt bist.
Ich lobe meint Kind nicht nur, sondern ich zeige Interesse an ihm, frage nach: „Das ist ein tolles Ergebnis. Erzähle bitte, wie du das geschafft hast.“ Diese Frage zeugt von echtem Interesse. Das Kind erzählt seinen Weg zum Erfolg und das wird es stark machen.
Ein Kind muss sich angenommen fühlen, dann kann es wachsen und eben stark werden.
Lob ist kurzfristig, aber Wertschätzung ist langfristig.
Ich bin nicht nur stolz auf deine Leistung, ich sehe dich als Ganzes, dein Bemühen, deine Aktivität. Wichtig ist, das ehrliche Lob und die Grundhaltung der Wertschätzung zu verbinden - unabhängig von Noten, Verhalten und Erfolg.
Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Schule? Wie wird dort mit Mobbing umgegangen?
Die Schule hat die Schlüsselrolle.
Sie ist der Ort, an dem das Mobbing entsteht und sie ist auch der Ort, an dem es gestoppt werden kann.
Beziehungen und Hierarchien bilden sich in Klassengemeinschaften. Wenn Lehrkräfte und Schulleitungen aufmerksam sind und klar handeln, kann Mobbing früh erkannt und gestoppt werden. Leider wird oft weggeschaut. Das bestärkt die Täter und lässt die Opfer allein.
Es gibt klare Konzepte wie Streitschlichter-Programme und Präventionswochen. Schulen können auch eine Kultur des Hinsehens fördern, mit Klassenregeln, Projekten für soziale Kompetenz, festen Ansprechpartnern. Allein die Gewissheit, dass es so etwas gibt, stärkt potenzielle Opfer und lässt die Täter vorsichtig sein.
Und welche Rolle spielt die Familie? Was raten Sie Eltern, deren Kind gemobbt wird?
Die Familie ist der wichtigste Schutzraum für ein Kind.
Zuhause entscheidet sich, ob ein Kind sich öffnet oder schweigt und aushält. Eltern können Mobbing nicht immer verhindern, aber sie können den Unterschied machen, ob ein Kind sich allein oder getragen fühlt.
Eltern müssen eine offene Gesprächskultur und Verständnis zeigen und sich um Hilfe kümmern und das auch vermitteln, so früh wie möglich. Die Botschaft muss sein: „Wir finden einen Weg, verlass dich darauf!
Kinder müssen wissen: ich kann alles zeigen, man hört mir zu, reagiert. Hier geht es nicht um Kontrolle, sondern um Vertrauen.
Mobbing ist ein Gruppenproblem. Es geht um systematisches Ausgrenzen und das erfordert ein kollektives Handeln, gemeinsam mit Lehrkräften, Schulleitungen und Beratungsstellen.
Mobbing-Erfahrungen können sehr belastend sein. Lässt es sich verhindern, dass diese Erfahrungen das spätere Leben dauerhaft belasten?
Mobbing kann tiefe Spuren hinterlassen, aber wenn Kinder und Jugendliche erleben, dass sie früh Hilfe bekommen und dass ihr Umfeld reagiert, dass sie ernst genommen und unterstützt werden, dann wechselt das Gefühl der Ohnmacht in Selbstvertrauen.
Wichtig ist, die Erfahrungen nicht zu verdrängen, sondern zu verarbeiten, mit Gesprächen, auch professionellen, und der Botschaft, dass das, was passiert, nichts über meinen Wert aussagt.
Langfristig können Mobbing-Betroffene gestärkt aus der Situation gehen, weil sie eine hohe Sensibilität für ähnliche Situationen entwickeln und deshalb als Erwachsene nicht noch einmal in die Ausgrenzungsfalle schliddern.
Gibt es gesellschaftliche Veränderungen, die Sie sich wünschen, um Mobbing nachhaltig zu bekämpfen?
Ja unbedingt, denn Mobbing ist kein individuelles Problem, sondern ein Ergebnis unserer Gesellschaft.
Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir das als Erwachsene vorleben.
Wir müssen zeigen, dass es in unserem Alltag nicht nur um Erfolg, Perfektion und Leistungsdruck geht, sondern auch um Mitfühlen und Hinsehen. Wir müssen zeigen, dass wir Menschen akzeptieren, die anders sind und dass wir aufeinander zugehen. Wertschätzung sollte ein gesellschaftlicher Grundwert sein, eine Haltung. Doch davon sind wir leider noch weit entfernt.
Was wünschen Sie sich für unsere Kinder?
Wenn es um Wünsche geht, darf man groß denken. Ich wünsche mir, dass alle Kinder ausreichend stark sind, um Angriffen standzuhalten und ausreichend stark sind, sich nicht durch Ausgrenzen, Gewalt und Niedertracht über andere erheben zu müssen. Letztlich sind auch Täter Opfer.
Was wir tun können ist Hinsehen und Einschreiten. Das geht sofort.
