Handys weg, Gespräche her? Ein Selbstversuch mit Teenager
Als Familie ins Gespräch kommen. Oft gar nicht so einfach. „Stell dir vor, sie saßen zu viert da und jeder starrte in sein Handy! Sie haben kein Wort miteinander gesprochen. Während dem gesamten Essen!“ Mein bester Freund ist kinderlos. Völlig schockiert erzählte er mir von obiger beobachteter Situation. Nicht wissend, wie schwer es ist, auf Familienregeln zu bestehen und mit Teenagern ins Gespräch zu kommen.
Als PR- und Marketing- Texterin und Grafikerin sind PC und Handy buchstäblich mein Leben. Während mein Mann seine Wochen- und Fachzeitungen statt gedruckt nur mehr am Handy liest. Dennoch versuchen wir als Familie im Gespräch zu bleiben und bestimmte Regeln einzuhalten. So ist beim gemeinsamen Essen, bei Gesprächen oder Treffen mit Freunden kein Handy erlaubt. Vor allem jedoch ist uns wichtig Computer und Handy aktiv zu nutzen. Uns nicht nur berieseln zu lassen, sondern die Medien zu nutzen, um selbst kreativ zu werden.
Doch zugegeben, es wird von Jahr zu Jahr schwieriger mit unserem Teenager ein Gesprächsthema zu finden, das auch ihn interessiert und sich nicht nach aushorchen anfühlt. Am ehesten gelingt dies noch, wenn wir auf seine Hobbys eingehen.
Um ein wenig Abwechslung in unseren Gesprächs-Alltag zu bringen, probierte ich ein Karten-Frage-Spiel sowie 15 Challenges in Buchform aus.
Let's Talk! Das Fragespiel, das euch ins Gespräch bringt
Das Kartenspiel von Elma Van Vliet enthält 110 Frage- und Aktionskarten, die dazu anregen sollen als Familie ins Gespräch zu kommen. Gestaltet wurde es für Eltern mit Teenagern, um auch ohne Handy wertvolle Zeit miteinander zu verbringen.
Es gibt drei Arten von Karten. Fragekarten, die einem anderen Familienmitglied gestellt werden können, sowie Erzählkarten, die dazu einladen über sich selbst zu erzählen. Bei den Aktionskarten werden kleine Aufgaben für die gemeinsame Ausführung gestellt.
Der Selbstversuch mit meinem Mann und unserem Sohn fiel ehrlich gesagt nicht sehr überragend aus. Zuerst bockte mein Mann, der schon allein beim Gedanken an Vorstellungsrunden innerlich zumacht, während unser Teenager lapidare, humorvolle Antworten gab, um nichts von sich preisgeben zu müssen.
Dennoch kamen wir miteinander ins Gespräch und mein Sohn fühlte sich ernst genommen, da er konkrete Verbesserungsvorschläge machen konnte. Seiner Meinung nach sind alle Fragen ähnlich aufgebaut. Vor allem der Unterschied zwischen den Frage- und Erzählkarten war für uns alle nicht nachvollziehbar.
Viele der Themen gehen gleich in die Tiefe. Wie z. B. die Fragen, „Worüber machst du dir manchmal Sorgen? Was sollen wir tun, wenn wir uns in einer Sache nicht einig sind? Woran merkst du, dass sich jemand nicht wohlfühlt?“. Nicht gerade ideal für Jugendliche, die weder mit Freunden und schon gar nicht mit Eltern derartig offen reden. Die konkreteren Fragen, wie „Was würdest Du gerne einmal ausprobieren?“ oder „Welchen Song oder welches Stück könntest du nonstop hören?“ eignen sich besser und sollten ausgebaut werden. Mehr in Richtung „einander besser kennenlernen“ anhand bewusst oberflächlich gewählter Fragen nach Interessen. Nach Ländern, die noch bereist oder Dingen, die noch erlebt werden wollen, so die konstruktive Kritik meines Sohnes. So sahen wir das Spiel als Anregung, Fragen wie diese selbst zu erfinden und miteinander zu besprechen.
Vielleicht lag es auch daran, dass ich das gemeinsame Zusammensein „Frage- bzw. Kartenspiel“ genannt hatte und etwas komplett anderes erwartet wurde. Wahrscheinlich öffnen sich auch Mädchen leichter als Burschen im Teenager-Alter. Dennoch finde ich es wichtig, es versucht zu haben. Allein die Erfahrung, dass tiefere Themen kein Tabu sind, ist wichtig für mich. Als Zusicherung, „Wenn du einmal über etwas sprechen möchtest, sind wir für dich da!“.
Auch wurde uns bewusst, dass wir bereits sehr viel miteinander reden. Zumindest war dies der Kritikpunkt meines Mannes. Er wolle nicht künstlich Themen erklären, die er mir in konkreten Situationen sowieso ehrlich mitteilt.
Viele Fragen eignen sich meiner Meinung nach fast besser für 8-12-jährige Kinder, Jungschargruppen oder Erstkommunionsrunden. Die persönlich gehaltenen Fragen regen dazu an, sich auf einer tieferen Ebene besser kennenzulernen. In einem Alter, in dem Kinder noch gerne aus sich herausgehen und von ihrem Alltag erzählen, kann ich mir dies gut vorstellen. Vor allem wenn man als Gruppenleiterin nach dem bewussten Auswählen bestimmter Themen mit gutem Beispiel vorausgeht und von sich erzählt. Auch wenn beim ersten Mal nicht gleich viel zurückkommt. Meiner Erfahrung nach wird dieses Vorschuss-Vertrauen angenommen und in Krisenzeiten genutzt. So erfuhr ich z. B. als Elternsprecherin im Gymnasium von einem sehr heiklen Problem in der Klasse und konnte dieses anonym an die Direktion weiterleiten.
Auch als Ehe-Vorbereitung kann ich mir die Frage-Karten gut vorstellen. In einem Rahmen, in dem jeder bereit ist über sich und die Beziehung zu reflektieren und gemeinsame Lösungen zu finden. Wie z. B. bei der Frage, „Vervollständigt den Satz: Liebe ist …“, „Überlegt euch gemeinsam eine neue Hausregel.“, „Was bedeutet zuhause für dich?“ oder „Fühlst du dich manchmal nicht ernst genommen?“.
Familien-Challenges im Praxistest
Bildschirmzeit aus. Familienzeit an - Challenges und Abenteuer ohne WLAN, die eure Familie unschlagbar machen.
Im Buch für Familien mit Teenagern werden konkrete Aufgaben gestellt, die als Challenge gemeinsam gemeistert und erlebt werden können. Jedem der 15 Kapitel ist dabei eine eigene Aufgabe gewidmet. Besonders praktisch finde ich den freigehaltenen Platz nach jedem Kapitel, um die gemachten Erfahrungen niederschreiben und festhalten zu können. Ähnlich wie in einem Tagebuch.
Vor allem das Erstellen einer Familienplaylist hat es meinem Teenager angetan. Während wir bei anderen Themen, wie dem kurzen Familientreffen zum Planen der Woche, dem gemeinsamen Kochen oder gemütlichen Einrichten der Wohnung feststellen mussten, dass wir dies schon lange machten. Einen Yes-Day hat jeder von uns an seinem Geburtstag und auch die Foto-Alben gestalten wir gemeinsam. Viel Neues entdeckten wir nach der ersten Begeisterung nicht mehr darin.
In vielen Punkten erscheint mir auch das Buch nicht Altersgerecht, sondern eher für Familien mit Volksschul-Kindern geschrieben. Genauso passt es aufgrund der kurzen Einführung in das jeweilige Thema und die Möglichkeit der Dokumentation meiner Meinung nach gut für eine Runde von FreundInnen im Volksschul-Alter oder Pfadfinder-, Jungschar- und Erstkommunion-Gruppen.
Vor allem die fünf Kapitel „Überraschungswoche“, „Kleine Aufmerksamkeiten“ und „Kleine Glücksmomente“ sowie „Let´s move it“ und „Energy Boost“ eignen sich in leicht abgewandelter Form sehr gut für die Adventszeit oder die Karwoche.
Vielleicht nicht für Teenager
FAZIT: Für meine Familie mit einem Teenager-Burschen waren sowohl Karten als auch Buch ein totaler Reinfall. Buch und Kartenset bieten jedoch sehr gute Impulse zur Vorbereitung von Gruppenstunden in der JIL- und MARRIAGE ENCOUNTER Gemeinschaft sowie in der Jungschar und Erstkommunionsvorbereitung. Genauso zur Ehe-Vorbereitung oder für Familien mit jüngeren Kindern, die regelmäßig „Familienkonferenzen“ abhalten.
