Die Kraft der Vergebung - Teil2/2
Im ersten Teil >>Die Kraft der Versöhnung Teil1/2 habe ich über Vergebung als mutige Entscheidung des Herzens geschrieben. In diesem 2. Teil möchte ich aufzeigen, warum Versöhnung oft schwerfällt, wie das REACH-Modell dabei helfen kann und weshalb Loslassen letztlich ein Geschenk ist – vor allem an uns selbst.
Ein Alltagskonflikt
Es ist ein friedlicher Montagnachmittag. Mein siebenjähriger Sohn spielt seelenruhig in seinem Zimmer mit seinem Holzzug. Heute ist er an der Reihe, sich am Haushalt zu beteiligen. Er muss den Geschirrspüler ausräumen, freilich noch mit meiner Hilfe. Ich gebe ihm noch ein wenig Zeit und beobachte ihn. Ich zögere etwas mit meiner Aufforderung, weil ich weiß, dass er anfangs immer genervt darüber ist und manchmal auch laut wird dabei. Endlich wage ich es, ihn an seine Aufgabe zu erinnern. Die Folge meiner Aufforderung ist heute tatsächlich ein ordentliches Geschrei. Es entwickelt sich ein heftiger Streit zwischen uns. Ich lasse mich auf Diskussionen mit ihm ein und er erlaubt sich unschöne Worte. Irgendwann gehe ich stinksauer zurück in meine unordentliche Küche, um mich erstmals zu beruhigen. Mein Sohn merkt nun, dass ich richtig verärgert bin. Nach etwa zwei Minuten höre ich wie er leise den Gang entlang trippelt, die Tür aufmacht und wartet. Wir schauen uns an. Er zieht reumütig mit seinem treuherzigsten Blick seine Mundwinkel tief nach unten und flüstert mit ernster Miene: „Mama, es tut mir leid!“
Schnelle Versöhnung
Mein Sohn ist jemand, der nie lange etwas nachträgt oder schmollt! Er ist schnell im Vergeben und möchte sich immer rasch versöhnen. Etwas anders als meine Töchter.
Nicht allen Menschen fällt es also leicht sich zu versöhnen oder (rasch) zu vergeben - woran immer das liegen mag. Natürlich hängt es auch mit der Tiefe der Verletzung zusammen!
Das REACH-Modell
Als Hilfe auf dem Weg zur Vergebung entwickelte Dr. Everett Worthington (Virginia Commonwealth University) das sogenannte REACH-Modell, eine evidenzbasierte Methode aus der Positiven Psychologie. Es unterstützt Menschen dabei Vergebung zu lernen, Bitterkeit abzubauen und Resilienz aufzubauen. Es handelt sich um ein strukturiertes 5-Schritte-Programm, das sowohl auf zwischenmenschliche Verletzungen als auch auf Selbstvergebung angewendet werden kann.
#1. Schritt: R - Recall the hurt (Sich an die Verletzung erinnern)
- Was genau ist geschehen?
- Was konkret hat die Person mir angetan?
#2. Schritt: E – Empathize (Empathie aufbringen)
- Welche Gründe könnte diese Person gehabt haben?
- In welchem Zustand war sie wohl gerade?
#3. Schritt: A – Altruistic gift (Vergebung schenken)
- Ich erinnere mich wie gut es mir tat, als mir jemand vergeben hat.
- Ich will mich für Vergebung entscheiden!
#4. Schritt: C – Commit (Festlegen)
- Ich habe mich entschieden zu vergeben!
- Ich kann meine Vergebung öffentlich festlegen oder ein Zertifikat schreiben.
#5. Schritt: H – Hold on (Dranbleiben)
- Ich widerstehe den Versuchungen, das Alte aufzuwärmen!
- Ich ersetze die negativen Gedanken durch gute und wohlwollende.
Vielleicht hast du meinen ersten Teil über die Kraft der Vergebung gelesen. Dort erzählte ich von Corrie ten Boom, einer Holländerin, welche das KZ Ravensbrück überlebt hat. Nach einem Vortrag über ihre schrecklichen Erlebnisse stand sie plötzlich ihrem Peiniger gegenüber. Der ehemalige Wächter streckte ihr die Hand zur Vergebung entgegen. Nach einem Stoßgebet und mit viel innerer Willenskraft konnte auch Corrie schließlich „ihre Hand heben“…
Das REACH-Modell meint genau dies: „Die Hand ausstrecken“ zu der Person hin, welche uns emotional verletzt hat!
Corrie ten Boom erzählt in ihrer Biografie „Die Zuflucht“ auch, dass sie nach dem Krieg ein Heim für Naziopfer eröffnet hat. Sie erlebte dort, dass jene, die vergeben konnten, innerlich frei wurden, egal welche körperlichen Schäden sie hatten. Jene, die an ihrer Bitterkeit festhielten, blieben jedoch Invaliden.
Unvergebenheit führt irgendwann zu Bitterkeit im Herzen. Und bittere Wurzeln haben das Potential andere und sich selbst zu schädigen. Wenn du nicht vergibst, trägst du einer anderen Person etwas nach. Und wenn du jemanden etwas nachträgst, dann frage dich: „Wer trägt die drückende Last?“
Willst du immer noch an einer Unvergebenheit festhalten? Willst du diese Last wirklich tragen oder frei werden davon?
Ich möchte dich heute ermutigen, dass du diese Fastenzeit nutzt um ehrlich zu dir zu sein und zu prüfen, wo du jemandem noch nicht vergeben hast. Sprich mit einer Person deines Vertrauens darüber. Schreibe alles auf einen „Schuldschein“ auf was dir angetan wurde und was es dich gekostet hat. Du darfst vor Gott klagen! Lass auch deinen Gefühlen freien Lauf. Und dann prüfe dein Herz, ob du in der Lage bist diesen „Schuldschein“ zu zerreißen und zu vergeben. Wenn ja, sprich in einer stillen Stunde die Vergebung laut aus. Halte in Folge an der Vergebung fest und du wirst mit der Zeit spüren, wie ungute, belastende Gefühle verschwinden und innere Wunden heilen.
Vergebung ist ein Geschenk. In erster Linie für dich selbst. Also lass los!
