5. März 2020

Die „Bindungsanalyse“ als Methode der vorgeburtlichen Beziehungsförderung

die „bindungsanalyse“ als methode der vorgeburtlichen beziehungsförderung

Im Gespräch mit Mag. Christine Loidl, MSc DSA und Frau Christine Kautnik, DSA, von der aktion leben österreich.

Gerade in der Schwangerschaft werden Frauen sehr stark von außen bestimmt, Vorgeburtliche Untersuchungen, damit verbunden ärztliche Empfehlungen und die Ratschläge „Wohlgesinnter“ stehen im Vordergrund.

Bindungsanalyse unterstützt Schwangere dabei zu sich und ihrem Kind zu finden. Es kann bereits vor der Geburt ein tiefer Kontakt zum Kind aufgebaut werden, der sich positiv auf die Weiterentwicklung des Kindes und die Beziehung zwischen Mutter und Kind auswirkt.

Während bei anderen Angeboten, wie z.B. einer Begleitung durch eine Doula, der Fokus auf den Bedürfnissen der Frau liegt, geht es in der Vorgeburtlichen Beziehungsförderung vor allem um die Beziehung zum ungeborenen Kind. Darum, dieses als eigenständiges Wesen anzuerkennen.

Besonders bei traumatisch verlaufenen früheren Schwangerschaften wird die „Bindungsanalyse“ als sehr heilsam erlebt. Früh- oder Fehlgeburten, Abbrüche oder Geburtstraumata können verarbeitet, und ein unbelasteter Erstkontakt zwischen Mutter und Kind hergestellt werden. Es gibt zahlreiche berührende Momente.

So zum Beispiel die Augenblicke, wenn Schwangere, die Kinder verloren haben – nach Gefühlen von Trauer, Angst und Schuld – erleichtert feststellen, dass diese immer in ihrem Herzen bleiben werden.

Dadurch kann das neue Kind erstmals als eigenständiges Wesen willkommen geheißen werden.

Aber auch bei belastenden Erlebnissen in der aktuellen Schwangerschaft, eignet sich die „Bindungsanalyse“ als Unterstützung. Laut Studie zeigte sich nach über 3000 bindungsanalytisch begleiteten Schwangeren, eine deutlich verringerte Frühgeburtsrate von 0,02 % (normal bis zu 11%), Kaiserschnitt-Rate von 6% (normal bis zu 30%) sowie keine postpartale Depression der Mutter mehr (normal 12-15%).

Wie kann ich mir eine Bindungsanalyse-Einheit vorstellen?

Die sogenannten „Babystunden“ bieten Raum und Zeit für eine entspannte Begegnung zwischen Mutter und Kind. In einem ersten Schritt geht es darum sich selbst und den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen. Anzukommen, den Fokus auf das innere Erleben zu richten. Kontakt zu dem Ungeborenen aufzunehmen und auf eine Reaktion des Kindes warten zu dürfen.

So unterschiedlich wir Menschen sind, so vielfältig ist auch das Erleben der Schwangeren. Manche Frauen erleben das erste Herantasten zueinander in Bildern oder Farben, die vor dem geistigen Auge erscheinen. Andere spüren die Reaktion des Kindes unmittelbar auf der körperlichen Ebene. Auch Gefühle können aufsteigen, jede Wahrnehmung ist erlaubt und hat ihren Platz.

Die „Bindungsanalyse“ im Rahmen des Beratungsangebotes der Aktion Leben

Alle Beraterinnen der aktion leben in Wien sind von der Grundausbildung Diplom Sozialarbeiterinnen mit Zusatzausbildungen wie einem Psychologiestudium oder der Ausbildung zur Psychotherapeutin. Zusätzlich haben einige Beraterinnen den Fortbildungslehrgang „Vorgeburtliche Beziehungsförderung“ absolviert und können diese Methode bei Bedarf in ihre
Beratung miteinfließen lassen.

Auch in Tirol und Kärnten wird die Bindungsanalyse von der aktion leben angeboten. Stehen keine Ressourcen mehr zur Verfügung oder wohnen Sie in einem anderen Bundesland stellt die aktion leben österreich gerne den Kontakt zu anderen Anbieterinnen her.

Aktion leben unterstützt vielfach schwangere Frauen mit extremer Vorbelastung. Hier gilt es oft wichtige Basics wie Wohnort, Arbeitssituation und damit verbunden, finanzielle Notwendigkeiten zu klären, bevor eine Bindungsanalyse überhaupt Sinn macht. Dann jedoch vermag sie die Beziehung zwischen Mutter und Kind deutlich zu vertiefen und eventuelle Entwicklungsstörungen, ausgelöst durch vorgeburtliche Stressfaktoren, zu verringern, wenn nicht gar zu verhindern.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine Bindungsanalyse?

Der ideale Einstieg in die Bindungsanalyse liegt zwischen der 15. und 20. Schwangerschaftswoche. Die Sitzungen finden regelmäßig/wöchentlich bis zur Geburt statt. Ab der 37. Schwangerschaftswoche findet im Rahmen einer speziellen Begleitung die Vorbereitung auf die Geburt statt. Mit einem Abschlussgespräch nach der Geburt endet die Begleitung durch die Bindungsanalytikerin.

Wo finde ich Bindungsanalytikerinnen?

Anbieterinnen in ganz Österreich sowie weitere Informationen finden Sie auf der Website www.bindungsanalyse.at oder unter www.aktionleben.at.

Was kostet eine Bindungsanalyse?

Die Bindungsanalyse wird derzeit noch nicht von der Krankenkasse übernommen. Aktion leben bietet sie ihren Klientinnen bei Bedarf kostenlos oder vergünstigt an.

Wie entstand die Methode der „Bindungsanalyse“?

In den 1990er Jahren entdeckten die Psychoanalytiker György Hidas und Jenö Raffai in Budapest einen direkten Zusammenhang zwischen der vorgeburtlichen Beziehung zum Kind und dessen weiterer Entwicklung. Daraus entwickelten sie die Methode der Bindungsanalyse. In ihrer Arbeit mit psychisch erkrankten Jugendlichen machten sie die Erfahrung, dass die Probleme der Jugendlichen in vorgeburtlichen Erfahrungen wurzelten.

Dies war die Geburtsstunde der „Bindungsanalyse“, in Österreich auch „Vorgeburtliche Beziehungsförderung“ genannt.

Dank der Pionierarbeit der aktion leben unterstützt vom Bundesministerium für Frauen, Familien und Jugend konnten erstmals zwei Ausbildungs-Lehrgänge in Österreich durchgeführt werden. Sowohl in Deutschland als auch in Ungarn ist die Bindungsanalyse bereits eine lang bewährte Methode der Begleitung schwangerer Frauen.

Die „Bindungsanalyse“ ist keine psychotherapeutische Methode. Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Im Sinne einer Qualitätssicherung wurde der Fortbildungs-Lehrgang „Vorgeburtliche Beziehungsförderung“ von der Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zertifiziert.

2016 wurde im Rahmen des Österreichischen Institutes für Familienforschung, an der Universität Wien eine Studie über die Bindungsanalyse erstellt. Sabine Buchebner-Ferstl und Christine Geserick dokumentierten darin Erfahrungen mit der Methode der Bindungsanalyse. Diese unabhängige Studie bestätigt die unmittelbare und positive Wirkung der Bindungsanalyse.



EIN ARTIKEL VON
  • Regina Magdalena Smrcka

    Vor meiner Karenz meines Sohnes war ich in der direkten Pflege, aber auch im Leitungsteam, für die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verantwortlich. Als Ausgleich dazu unterrichtete ich Kinderturnen. Derzeit vertrete ich als Texterin & Grafikerin EPUs bei ihrem Firmenauftritt. Jetzt unterstütze ich meinen Lebensgefährten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam haben wir einen Sohn.


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