Rituale: Kraftquelle für Abschiede

Geht es uns gerade gut im Leben, schieben wir den Tod oft weit weg. Ist Karfreitag, ein Tag wie jeder andere? Zu bedrohlich hängt er am Himmel. Doch Lebensübergänge und Abschiede im Alltag bewusster zu begehen, kann helfen, im Ernstfall mit der Trauer besser umgehen zu können, ist Trauerbegleiterin Lisi Weihs überzeugt.

Im Gespräch mit Trauerbegleiterin Lisi Weihs.

Wer Lebensabschnitte bewusst begeht, hat es im Ernstfall leichter mit der Trauer um einen geliebten Menschen umzugehen, so die Erfahrung von Weihs. Bereits die Kleinsten kennen Abschiede. Und sei es nur der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule. „Rituale sind dabei starke Ressourcen, die uns helfen können.“, erzählt Lisi Weihs.

Rituale geben Sicherheit.

Ich kann sie bei unterschiedlichen Anlässen anwenden. Sei es „nur“ das Ende eines Lebensabschnittes, der Tod eines Haustieres oder gar der Verlust eines geliebten Menschen. „Die Vorgehensweise an sich, ein erprobtes Ritual hat immer die gleiche Methodik. Ich kenne es und weiß, wie ich meiner Familie oder mir selbst helfen kann.“, plädiert Weihs für mehr Rituale im Leben. 

Rituale – Kraftquelle zwischen Abschied und Neubeginn

Gemeinsame Rituale helfen am Übergang zwischen Abschied und Neubeginn. Fünf Dinge sind in dieser Phase besonders wichtig:

  • Bewusst Abschied nehmen
  • Erinnerungen schaffen
  • Individualität zulassen
  • Gemeinsamkeiten suchen
  • Positives ins Leben integrieren

 

Bewusst Abschied nehmen

Auch Lebensabschnitte bewusst zu beenden hilft, dieses einschneidende Erlebnis innerlich besser verarbeiten zu können. Wir alle kennen die von Kindergarten oder Elternvertretern organisierten Abschiedsfeiern. Doch auch Familien-Rituale, wie das gemeinsame Frühstück am ersten oder das gemeinsame Eis essen am letzten Schultag helfen, sich den neuen Lebensabschnitt bewusster zu machen.

Erinnerungen schaffen

Erinnerungen werden oft als sentimental oder nostalgisch abgetan. Und dennoch machen sie einen Teil unserer Identität aus. Vor allem für das Selbstwertgefühl unserer Kinder leisten sie einen wertvollen Beitrag. Auch helfen sie, eine innere Verbindung zum vergangenen Lebensabschnitt oder dem geliebten, verlorenen Haustier/Menschen zu behalten.

So ist das gemeinsame Ansehen von Fotoalben oder Freundschaftsbüchern ein gutes Mittel, um sich an die gemeinsame Zeit der Kindheit zu erinnern. Sogar mein mittlerweile 14-jähriger Sohn holt sich oft die Jahresbücher vom Gymnasium heraus, um sich vor Veranstaltungen wie Ski-Kursen Informationen zu holen oder sich an schöne Feiern und Ausflüge zu erinnern.

Auch kleine Abschiedsgeschenke wie Freundschaftsarmbänder, Schlüsselanhänger mit Symbolen oder Fotos als Lesezeichen erinnern an alte Kindergarten- bzw. Schulfreunde und geben das Gefühl, weiter von der besten Freundin begleitet zu werden, auch wenn sich die Wege trennen.

Trauer ist individuell

Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen läuft dagegen sehr individuell ab. „In der Trauer sind Erinnerungen nicht für jeden das Allheilmittel.“, so Lisi Weihs. Manche möchten überall Fotos aufstellen, die an den geliebten Menschen erinnern. Andere bevorzugen gar keine Erinnerungen, da diese zu schmerzhaft sind. Andere Trauernde sind wieder in Sorge, spezifische Eigenheiten des geliebten Menschen zu vergessen.

Erinnerungs-Box

Hier hilft die Erinnerungs-Box, eine Schachtel, in der Erinnerungen gesammelt werden. Fotos, Briefe, Eintrittskarten von gemeinsamen Aktivitäten, Geschenke oder Symbole, die an die Gruppe, den Menschen, den Lebensabschnitt erinnern. Sie bieten den Vorteil, dass man sie nicht sofort anschauen muss. Dennoch stehen sie zur Verfügung, wenn später das Bedürfnis danach besteht. Vielleicht sind sie auch nur am Anfang der Trauer wichtig, aber ich habe sie, wenn ich sie brauche.

Gemeinsamkeiten suchen

Was hat unsere Freundschaft ausgemacht? Kann ich einen Teil davon weiter in mein Leben integrieren? Orte zu besuchen oder Aktivitäten zu unternehmen, die vorher nur gemeinsam begangen wurden, kann positive Gefühle der Erinnerung auslösen. So besuchte ich noch öfter unsere ehemalige Kindergärtnerin, während sich mein Sohn schon bald zu „alt“ dafür fühlte.

Positives ins Leben integrieren

  • Was war das Besondere der Kindergartenzeit im Unterschied zur Schule?
  • Kann ich diese „Freiheit ohne Zwänge“ weiter in mein Leben integrieren?
  • Und sei es nur eine freie Spielzeit am Nachmittag, ohne Kurse wie Flöte oder Ballett? Oder vielleicht das Kipferl am Heimweg?


Fragt doch einmal eure Kinder, was für sie die wichtigste prägende positive Erinnerung an den alten Lebensabschnitt ist. Überlegt gemeinsam, wie ihr diese in euer Leben integrieren könnt. 

Lisi Weihs - Psychosoziale Beraterin
Dipl. Lebens- und Sozialberaterin, Systemisches Coaching, Trauerbegleitung
Spezialisierung - Abschied, Verlust und Trauer

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