Neurodivergent und genau richtig! Wenn Kinder anders denken

Neurodivergenzen begegnen mir in meiner Arbeit als Familienberaterin, in der Arbeit mit Kindern und Erwachsen genauso häufig wie im Alltag. Trotzdem sind sie für viele Eltern noch mit Unsicherheit, Sorge und vor allem von der Gesellschaft mit Vorurteilen verbunden.

In diesem Artikel möchte ich erklären und aufklären, was Neurodiversität und Neurodivergenz bedeuten, wie sie sich, vor allem bei Kindern, zeigen können und wieso sie auf keinen Fall etwas Negatives sind, das es gilt zu ignorieren oder wegzuwünschen.

Begriffsklärung

Was bedeutet eigentlich Neurodiversität und was ist der Unterschied zu Neurodivergenz?

Die beiden Begriffe werden oft durcheinandergeworfen oder als Synonyme verwendet, dabei meinen sie nicht wirklich dasselbe.

Neurodiversität beschreibt die Tatsache, dass menschliche Gehirne unterschiedlich funktionieren. So wie wir verschiedene Körpergrößen, Haar- und Augenfarben oder Persönlichkeit haben, so denken, fühlen und lernen wir auch unterschiedlich. Neurodiversität beschreibt also die Vielfalt unserer Gehirne.

Von Neurodivergenzen sprechen wir, wenn ein Gehirn anders arbeitet als das, was unsere Gesellschaft als neurotypisch bezeichnet. Das neurodivergente Gehirn verarbeitet Informationen anders und nimmt die Welt anders wahr als ein neurotypisches Gehirn. Zu den Neurodivergenzen gehören zB AD(H)S, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie oder Hochbegabung, nur um einige zu nennen.

Ein paar Unterschiede

Neurotypische Gehirne: filtern Reize oft automatisch, können ihre Aufmerksamkeit oft relativ flexibel steuern, verarbeiten Informationen meist linear (Schritt für Schritt), können Gefühle und Impulse leichter regulieren, können mit spontanen Veränderungen oft besser zurechtkommen, …

Neurodivergente Gehirne: filtern Reize weniger stark (Licht, Geräusche, Berührungen, …), erleben Aufmerksamkeit anders und können den Fokus schwieriger halten, wenn etwas uninteressant ist, denken oft vernetzt, Gedanken springen mehr hin und her, erleben Gefühle häufig intensiver, Übergänge sind oft sehr herausfordernd, sie brauchen im Alltag mehr Energie für scheinbar einfache Aufgaben, …

Der größte Unterschied liegt jedoch nicht im „Kann ich – kann ich nicht“, sondern im Wie. Neurodivergente Gehirne funktionieren nicht schlechter, sondern anders, sie benötigen andere Rahmenbedingungen, mehr Verständnis und weniger Anpassungsdruck von unserer neurotypischen Gesellschaft.

Neurodivergenzen gab es schon immer

Manchmal höre ich den Satz: „Früher gab es das auch alles nicht.“ Und ich denke mir jedes Mal Nein. Früher hatten wir nur keine Worte dafür und keine Möglichkeiten genauer hinzusehen. Außerdem waren frühere Erziehungsmethoden darauf ausgerichtet zu entsprechen und nicht aufzufallen.

Mein liebster Vergleich, den ich einmal gehört habe: „Wieso diagnostizieren wir heute mehr Neurodivergenzen? Aus dem gleichen Grund, warum wir mehr Sterne sehen, seit das Teleskop erfunden wurde.“ Die Sterne waren schon immer da, wir konnten sie nur nicht sehen. Manche sehen wir auch heute noch nicht.

Heute haben wir mehr Wissen, bessere Diagnostik und ein anderes Verständnis von Entwicklung. Das macht Neurodivergenzen nicht zur Modediagnose sondern es macht sie sichtbar.

Sogar Albert Einstein hatte große Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben und würde heute vermutlich eine Legasthenie Diagnose bekommen. Was auch zeigt, dass Neurodivergenzen gemeinsam auftreten können. In seinem Fall wohl Legasthenie und Hochbegabung. Seine Art zu denken hat die Welt verändern und genau das zeigt, welches Potenzial in neurodivergenten Gehirnen steckt.

Wenn Eltern spüren, dass etwas anders ist

Viele Eltern spüren früh, dass ihr Kind irgendwie anders ist.

Vielleicht ist es sehr sensibel, schnell überfordert, hat große Schwierigkeiten mit Übergängen oder vielleicht fällt Lernen trotz vielem Üben schwer.

Wichtig ist mir an dieser Stelle zu sagen, dass einzelne Verhaltensweisen nicht automatisch bedeutet, dass ein Kind neurodivergent ist. Kinder sind unterschiedlich, auch in ihrer Entwicklung. Gleichzeitig lohnt es sich, sich für das Thema zu öffnen, wenn ein Kind leidet, es ständig Streit gibt, es oft nicht verstanden wird oder es mit anderen Personen immer wieder aneckt.

Gerade Mädchen werden dabei oft übersehen, weil man fälschlicherweise davon ausgeht, dass vor allem Jungs von diesen neurologischen Besonderheiten betroffen sind. Das stimmt nicht. Außerdem zeigen sich Neurodivergenzen bei Mädchen oft anders und werden auch noch häufig übersehen. AD(H)S ist zum Beispiel sehr mit unruhigem Verhalten und dem typischen „Zappelphilipp“ assoziiert. (Dieser Begriff ist übrigens schon überholt und in neurodivergenten Kreisen nicht mehr sehr beliebt.)

Bei Mädchen äußert sich AD(H)S oft komplett anders. Sie sind gut angepasst, verträumt, weniger laut und gleichzeitig spielt sich alle Unruhe innerlich ab. Autistische Mädchen wiederum sind Meisterinnen im Maskieren (nicht auffallen). Sie beobachten, passen sich an und fallen lange nicht auf. Das kostet unglaublich viel Energie und führt oft erst spät zu einer Diagnose, im schlimmeren Fall zu Falschdiagnosen.

Warum Vermutungen und Diagnosen entlasten können

Viele Auffälligkeiten können auf Neurodivergenzen hinweisen, jedoch bedeutet es nicht immer gleich, dass ein Kind diese auch hat. Wenn du merkst, dass etwas nicht rund läuft, dann nimm dieses Gefühl ernst, tausche dich mit Pädagog:innen aus oder suche das Gespräch mit Fachpersonen. Informiere dich bei vertrauenswürdigen und qualifizierten Quellen.

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Dieses Buch berührt mich jedes Mal, weil es genau das vermittelt, was Kinder brauchen. Du bist gut, so wie du bist.

An dieser Stelle möchte ich betonen, dass eine Vermutung und auch eine Diagnose, das Kind und sein Verhalten nicht verändern. Sie geben eine Erklärung, wieso Dinge sind wie sie sind, sie können Verständnis fördern für Verhaltensweisen, für die es vorher keine Zuordnung gab. So eine Erklärung kann unglaublich entlastend für alle sein.

Wie Eltern unterstützen können

Das Wichtigste ist Verständnis.

Für das Kind, für eure Situation und die neurologische Besonderheit. Eltern sind nicht „schuld“ an einem neurodivergenten Kind. Neurodivergenzen können nicht durch Erziehung entstehen.

Das Kind ist nicht schwierig, es hat Schwierigkeiten. Wenn wir aufhören, Kinder verändern zu wollen und anfangen ihre Bedürfnisse zu verstehen, entsteht echt Unterstützung.

Hilfreich sind vor allem klare Strukturen, Vorhersehbarkeit und ein Umfeld, das Stärken sieht, statt Defizite.

Neurodivergenzen sind keine Schwächen.

Sie sind Teil menschlicher Vielfalt. Es gab sie schon immer und sie werden bleiben. Was sich ändern darf, ist unser Blick als Gesellschaft und als Eltern darauf.

Ein neurodivergentes Kind muss nicht repariert werden. Neurodivergent zu sein bedeutet, die Welt auf eine besondere Weise zu sehen.

In den nächsten Artikeln werde ich auf einzelne Neurodivergenzen genauer eingehen und erklären, wie sie sich zeigen und wie du dein Kind konkret unterstützen kannst.

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Ein Artikel von

Portraitfoto Melanie Scheucher

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