Neue Eltern Generation: Wie wir lernen, Gefühle zu begleiten, die wir selbst nie haben durften

Wir sind Millennials. Die Generation, die gelernt hat möglichst nicht aufzufallen, nicht zu laut, nicht zu fordernd, möglichst angepasst und brav. Das war das Ziel unserer Eltern. Wir haben gelernt Angst vor Autoritäten zu haben, unsere Bedürfnisse zu ignorieren und unsere Gefühle zu unterdrücken. Früher war alles besser? Wohl kaum.

Psychische und körperliche Symptome versuchen alle unterdrückten Gefühle auf die Oberfläche zu bringen.

Wir spüren – etwas stimmt nicht. Etwas muss raus.

Und wir können uns erinnern, wie gerne wir im Arm der Eltern gelegen hätten, wenn uns unsere Gefühle zu viel wurden und wie oft wir weggestoßen wurden mit den Worten „reiß dich jetzt zusammen!“. Vielleicht stehen die Eltern der Millennial-Generation, deshalb nun an einem besonderen Punkt. Viele von uns wollen es anders machen, während wir gleichzeitig merken: Uns selbst hat nie jemand beigebracht, mit Gefühlen umzugehen. Nicht mit Traurigkeit. Nicht mit Wut. Nicht mit Überforderung. Und ganz sicher nicht mit Angst.

Trotzdem – oder gerade deshalb – wollen wir es anders machen. Wir wollen Cycle Breaker sein. Wir wollen den Kreislauf durchbrechen und unseren Kindern etwas mitgeben, das wir selbst schmerzlich vermisst haben: emotionale Begleitung, Sicherheit und Verständnis.

So sind wir aufgewachsen

Viele Millennial-Eltern kennen Sätze wie diese nur zu gut:

  • „Heul nicht, sonst gibt es gleich etwas zu heulen!“
  • „Stell dich nicht so an.“
  • „Dafür brauchst du doch keine Angst haben.“
  • „Jetzt reiß dich mal zusammen.“
  • „Geh in dein Zimmer und komm zurück, wenn du dich beruhigt hast!“

 

Gefühle galten als Schwäche. Besonders starke Gefühle waren unbequem für unsere Eltern, für Lehrkräfte, für das ganze Umfeld. Also haben wir gelernt, sie runterzuschlucken, wegzulächeln oder zu ignorieren.

Wir haben gelernt zu funktionieren, brav zu sein, Leistung zu bringen.

Was wir nicht gelernt haben: Uns selbst zu regulieren, unsere Emotionen wahrzunehmen, sie auszuhalten und liebevoll damit umzugehen. Viele von uns tragen diese ungelösten Gefühle bis heute in sich – als innere Anspannung, Überforderung, Wutausbrüche oder das Gefühl, ständig „zu viel“ oder „nicht genug“ zu sein.

Wir wollen es anders machen – für unsere Kinder

Heute wissen wir mehr. Über Bindung. Über Trauma. Über die Entwicklung des kindlichen Gehirns.

Wir wissen:

Kinder müssen ihre Gefühle nicht kontrollieren – sie müssen sie lernen zu regulieren.

Und das geht nur in Beziehung. Wir wollen unsere Kinder begleiten anstatt zu bestrafen. Wir wollen verstehen statt abwerten.

Wir wollen sagen:

  • „Ich sehe dich.“
  • „Dein Gefühl ist okay.“
  • „Ich bin bei dir.“

 

Wir wissen:

  • Ein wütendes Kind ist kein respektloses Kind, sondern ein überfordertes Nervensystem.
  • Ein trauriges Kind ist nicht manipulativ, sondern braucht Halt.
  • Ein weinendes Kind ist nicht schwach, sondern zeigt Vertrauen.

 

Die große Herausforderung: Wir begleiten etwas, das wir selbst nie gelernt haben. Und hier wird es ehrlich schwierig. Denn wie sollen wir etwas vorleben, das wir selbst nie erfahren haben?

Wenn unser Kind schreit, triggert das oft unser eigenes inneres Kind. Wenn unser Kind trotzt, fühlen wir uns hilflos und haben keinen anderen Weg außer zu drohen und Druck auszuüben. Wenn unser Kind weint, spüren wir plötzlich unsere eigene, nie geweinte Traurigkeit. Wir sollen ruhig bleiben, während in uns selbst alles laut wird. Wir sollen regulieren, obwohl wir selbst dysreguliert sind.

Wichtig ist zu wissen:

Das ist keine Schwäche.

Das ist eine enorme emotionale Leistung. Cycle Breaker zu sein bedeutet nicht, alles perfekt zu machen. Es bedeutet, hinzuschauen. Verantwortung zu übernehmen. Und den Mut zu haben, alte Muster zu hinterfragen – auch wenn es weh tut.

Was uns helfen kann: Tipps für Millennial-Eltern

  • Selbstmitgefühl statt Perfektionsdruck
    Du musst nicht immer ruhig bleiben. Du darfst Fehler machen. Entscheidend ist nicht die Perfektion, sondern die Reparatur. Ein ehrliches „Es tut mir leid“ wirkt stärker als jede perfekte Reaktion. Eine Erklärung „Mami ist einfach gerade überfordert und es liegt nicht an dir.“ hilft dem Kind oft einzuordnen, dass es an der Mama liegt und das Kind an sich nichts Falsches gemacht hat.
  • Eigene Gefühle ernst nehmen
    Wenn du getriggert bist, ist das ein Hinweis – kein Versagen. Frag dich: „Was wird gerade in mir berührt?“ Oft ist es etwas Altes. Wenn du genauer hinschaust, hast du eine Chance zu heilen. Du musst nicht die alten Wunden aufreißen. Du sollst sie nur nicht ignorieren, sondern reinigen und pflegen.
  • Co-Regulation vor Selbstregulation
    Kinder können sich nicht alleine beruhigen. Und ehrlich: Wir Erwachsenen oft auch nicht. Nähe, ruhige Stimme, Atmung – das sind keine „Verwöhnmethoden“, sondern neurobiologische Notwendigkeiten. Wenn du dir dessen bewusst wirst, fällt es dir leichter mit Verständnis und Empathie deinem Kind zu begegnen. Egal wie viel „Theater“ es macht.

 

Wissen entlastet

Zu verstehen, wie das Nervensystem funktioniert, warum Kinder ausflippen und warum das nichts mit Absicht zu tun hat, kann enormen Druck rausnehmen. Lese dich ein, suche nach Antworten, die du hättest in deiner Kindheit lernen sollen. Rede darüber mit deinen Kindern. Zeige Verständnis und Wissen.

Unterstützung annehmen

Therapie, Elternberatung, Austausch mit anderen Eltern – du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Cycle Breaker zu sein ist harte emotionale Arbeit. Aber sie kann so heilsam sein, wenn du dich auf diesen Weg begibst.

Wir heilen, während wir begleiten

Vielleicht ist das die größte Wahrheit:

Während wir unsere Kinder begleiten, beginnen wir selbst zu heilen.

Wir lernen, Gefühle zu benennen. Wir lernen, sie auszuhalten, sie zu fühlen. Wir lernen, dass wir nicht kaputt sind – sondern geprägt. Und jedes Mal, wenn wir unserem Kind das geben, was wir selbst gebraucht hätten, schreiben wir ein kleines Stück Geschichte neu.

Nicht perfekt. Aber mutig. Und mit ganz viel Herz. Jedes Mal, wenn wir unser Kind im Arm halten, anstatt es von uns wegzustoßen, halten wir auch unser inneres Kind im Arm und geben ihm Raum den eigenen Gefühlen Ausdruck zu geben. Denn nein, es war früher nicht alles besser. Und wir dürfen auch unsere Kindheit im Nachhinein noch ein wenig reparieren und gleichzeitig unseren Kindern wichtige Tools an die Hand geben. Damit diese im erwachsenen Alter wissen, wie man mit eigenen Gefühlen umgeht.

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