Medienfrei am Morgen – wie wir einen neuen Start in den Tag gefunden haben

Der Morgen vor der Schule ist bei vielen Familien eine Herausforderung. Besonders dann, wenn Kinder neurodivergent sind und Übergänge schwerfallen. Ich möchte erzählen, warum Medien bei uns lange ein Hilfsmittel waren, weshalb wir sie am Morgen trotzdem hinterfragt haben und was uns stattdessen wirklich geholfen hat.

Wenn der Fernseher am Morgen zum Helfer wird

Kinder vor den Fernseher zu setzen, gilt für viele als absolutes No Go. Ratgeber, Studien und wenn wir uns ehrlich sind auch die eigene innere Stimme sagen es, dass das nicht die optimale Lösung ist. Ja, auch ich weiß, dass eine dauerhafte Beschallung durch Medien nicht förderlich für die Kinderpsyche ist. Vor allem nicht gleich in der Früh. Während wir es tagsüber gut schaffen darauf zu verzichten, war doch der Morgen eine Zeit, in der Tablet, Handy oder Fernseher erlaubt waren.

Ich weiß, wie hilfreich Medien sein können.

Besonders für neurodivergente Kinder. Fernsehen kann Rückzug bedeuten, bekannte Inhalte sind vorhersehbar, es entspannt, hilft oft beim Fokussieren und bei der Selbstregulation. Genau deshalb hat es sich bei uns eingebürgert, dass in der Früh vor der Schule Medien erlaubt waren.

Die Kinder waren beschäftigt. Wir Eltern konnten in Ruhe der Morgenroutine nachgehen. Und trotzdem hatte das Ganze für mich einen bitteren Beigeschmack. Weil da diese leise Stimme war, die gesagt hat, dass Bildschirmzeit gleich nach dem Aufstehen gar nicht ideal ist.

Der Wunsch nach Veränderung und die erste große Skepsis

Also stand irgendwann fest, wir wollen etwas verändern. Nicht von heute auf morgen radikal, sondern gemeinsam und erklärend. Wir haben uns zusammengesetzt und den Kindern erklärt, warum wir es in der Früh lieber ohne Handy, Tablet oder Fernseher probieren möchten. Und wie ein Morgen auch anders ablaufen könnte.

Überrascht hat uns die Reaktion der Kinder natürlich nicht. Die Begeisterung blieb aus. Unser Bedürfnis, nach - nennen wir es mal geistiger Gesundheit - traf nicht gerade auf Wohlgefallen. Aber wir konnten uns darauf einigen, es zumindest zu probieren, mit Übergang in den Ferien.

Als ich die Kinder fragte, was sie stattdessen machen könnten, kam erst einmal wenig. Das war irgendwie auch klar, denn wenn Strukturen wegfallen, braucht es oft Hilfe, um neue Ideen zu entwickeln. Also habe ich mich auf den Weg nach Inspiration gemacht und bin im Buchhandel gelandet.

Zeichnen lernen als neue Morgenroutine

Ganz nach dem Growth Mindset Motto „mit viel Übung kannst du in allem gut werden“, habe ich ein Zeichenlern Buch für Kinder ausgesucht. Dazu gab es für jedes Kind einen eigenen Block. Mir war wichtig, dass ihre Werke nicht auf einzelnen Zetteln verschwinden (typisch für unseren Haushalt), sondern dass sie ihren Fortschritt sehen können.

Zuhause angekommen war ich ziemlich stolz auf meine Idee. In meiner Vorstellung hatten sie Spaß daran und konnten bestimmt schon nach einer Woche Fortschritte erkennen. Die Realität war dann erst einmal eine Frage, die mich kurz ausgebremst hat: „Müssen wir das machen?“

Sie haben es ausprobiert, zwei mal. Für mich wieder ein Lernen und erinnern daran, dass neue Routinen wachsen dürfen und Zeit brauchen.

Eigene Ideen entstehen lassen

Nach ein paar Tagen kam dann etwas sehr Wertvolles von ihnen selbst. Sie wollten in der Früh gemeinsam Gesellschaftsspiele spielen. Spiele wie UNO, Schiffe versenken oder Abalone die kurz genug und überschaubar für den Morgen waren.

Und das hat überraschend gut funktioniert. Es gab weniger Streit, als ich erwartet hätte. Sie waren miteinander beschäftigt und der Übergang Richtung Schule war auch entspannt. Das hat mich ermutigt, weiterzudenken.

Ich habe mich gefragt, was sie auch alleine spielen könnten. So bin ich auf Denk und Logikspiele gestoßen, die speziell dafür gemacht sind, selbstständig gespielt zu werden und noch dazu ein Growth Mindset fördern.

Spiele für den Morgen

Ein Spiel auf das ich gestoßen bin, heißt „Ran an die Nüsse“. Dabei helfen Kindern Eichhörnchen ihre Nüsse in Löchern zu verstecken. Klingt simpel, ist es aber nicht. Die Kinder müssen räumlich denken, planen und verschiedene Lösungswege ausprobieren. Das Spiel fördert Konzentration, Problemlösefähigkeit und kreatives Denken. Die Schwierigkeit steigert sich mit jeder Aufgabe und die Kinder können selbst entscheiden, wie schwer es sein darf. Gleichzeitig ist die Aufgabe klar begrenzt und vorhersehbar. Genau das hilft unseren Kindern am Morgen sehr. Wenn dich das Spiel auch interessiert, findest du hier es hier.

Vier Wochen später und ein ehrliches Fazit

Nach vier Wochen ohne Medien am Morgen kann ich sagen, es hat funktioniert. Auch meine Kinder sagen, dass es gut klappt. Sie diskutieren weniger und der Übergang vom Zuhause sein zum in die Schule gehen fällt beiden leichter.

Bei mir als Mama hat sich dieses ungute Gefühl, meinen Kindern schon am Morgen „nichts gutes zu tun“ eingestellt, was mich auch ein Stück weit beruhigt. Gleichzeitig weiß ich, dass Medien nicht grundsätzlich schlecht sind.

Es gibt nicht den einen richtigen Weg für alle Familien. Schon gar nicht für Familien mit neurodivergenten Kindern. Was hilft, ist hinschauen, ausprobieren und gemeinsam entscheiden. Veränderung darf langsam sein und sie darf sich auch gut anfühlen. Medienfrei am Morgen war für uns eine positive Veränderung. Nicht weil Medien schlecht sind, sondern weil unsere Kinder etwas gefunden haben, das ihnen besser tut.

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Ein Artikel von

Portraitfoto Melanie Scheucher

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