Krise meistern: Was zwei Bücher uns mitgeben können
Wenn Deine Liebsten plötzlich schwer krank werden und du neben deiner Sorge auch noch den Alltag stemmen musst. Wenn alte Verhaltensmuster plötzlich nicht mehr hilfreich sind und du nur mehr Ohnmacht fühlst Angesicht der Ausweglosigkeit. Wenn Du dich verändert hast, aber die Welt weiterlebt, als wäre nichts geschehen.
Ausgehend von ihrer persönlichen Lebensgeschichte zeigt Carolin Oder in ihrem Buch >> "Plötzlich Krise- Was jetzt? Sieben Wege zur inneren Stärke mit dem GENAUSO-Prinzip" Wege aus der Krise auf, die ihr persönlich geholfen haben. Im Roman >>„Jetzt gerade ist alles gut“ erzählt Stephan Schäfer von seinem bewussteren Leben im „Hier und Jetzt“ nach einer schweren Blutvergiftung.
Was ist eine innere Krise und wie entsteht sie?
„Eine innere psychische Krise entsteht einfach ausgedrückt, wenn ein Mensch vor einer Lebensaufgabe steht, für die ihm die Bewältigungsstrategien fehlen.“, schreibt Carolin Oder. Selbst Mutter eines Sohnes mit Öpeys-Dietz-Syndrom sowie eines Sohnes mit Epilepsie, beschreibt sie aus der Praxis sieben Impulse für mehr innere Stärke in schweren Lebenskrisen.
Der Versuch einer Antwort auf die Frage, „Wie schafft ihr das bloß alles?“.
Ihr wahrhaft schweres Schicksal macht die Autorin mehr als glaubhaft. Dennoch ist mir persönlich die Schilderung der detaillierten Lebensgeschichte auf ganzen 132 Seiten ein wenig zu umfangreich. Trotz des guten Hintergrundgedankens, ihre sieben Bewältigungsstrategien mit Beispielen aus der Praxis zu verbinden. Geht es uns gerade nicht gut, sind wir selbst oft sehr sensibel und dünnhäutig, so meine Erfahrung.
Das Leid anderer kann gerade in solchen Phasen zu viel sein.
Dennoch finde ich mich in vielen Punkten der angebotenen Impulse wieder und kann den Buchteil mit dem „GENAU SO“ Prinzip wärmstens weiterempfehlen.
GENAU SO wie …
- G – Geht nicht, gibt´s nicht
- E- Emotionen zeigen
- N- Netzwerk stärken
- A- Akzeptanz üben
- U- Ungewissheit eingehen
- S- Selbstliebe praktizieren
- O- Optimismus leben
G – Geht nicht, gibt´s nicht
Als Macher Persönlichkeit liegt der Fokus von Oder stets auf dem Aspekt, der gerade gut läuft im Leben. Dennoch kennt sie Phasen von Verzweiflung und Selbstmitleid gut. Ein erster Schritt, um aus der Opferrolle herauszufinden, ist für sie das Verstehen des Problems an sich. Im Sinne von „Wissen ist Macht“ eignet sie sich so viel Informationen wie möglich an. Um so über mögliche Handlungsalternativen eine Lösung zu finden. Der entscheidende Schritt dabei ist für sie, die Verantwortung für die entstandene Situation selbst zu übernehmen, anstatt im Sumpf des Selbstmitleids zu versinken. Dabei geht sie jede persönliche Herausforderung, wie z. B. unzählige Operationen am offenen Herzen ihres Sohnes wie einen Businessplan an.
Informieren, Ziel festlegen, Lösung suchen, Umsetzungsplan aufsetzen, Rückschau halten.
Informationen einzuholen sind auch für mich immer der erste Schritt, um aus einer gefühlten Ohnmacht heraus in eine neue Handlungsfähigkeit hineinzukommen. Seien es Gespräche mit Freundinnen oder KollegInnen, Anrufe bei passenden Hilfseinrichtungen oder kostenlose Erstgespräche bei qualifizierten Fachleuten. Andere Blickwinkel helfen mir jedes Mal neu, um aus der gefühlten Enge auszusteigen und neue Wege gehen zu können.
E- Emotionen zeigen
Lösungs- und Umsetzungspläne zu schmieden sind jedoch nur schwer möglich, wenn wir gerade von Emotionen wie Trauer oder Wut überschwemmt werden. Was mir dabei hilft, ist, mir gezielt Zeiten und Orte zu erlauben, wo ich Emotionen zulasse. Das hilft mir, wenigstens halbwegs konzentriert im Moment funktionieren zu können. Weil ich weiß, es gibt einen Ort/eine Zeit, an der sich die innere Anspannung lösen darf. Und seien es nur zehn Minuten vor dem Schlafengehen, in denen ich mir erlaube, unkontrolliert zu zittern. Oder irische Musik, die mir hilft, aufgestaute, zurückgehaltene Tränen zu lösen.
Wichtig seien aber auch Menschen, bei denen wir unsere authentischen Gefühle zeigen können, so Caroline Oder. Vor allem, wenn wir dazu neigen, uns in Krisenzeiten unter Kontrolle zu halten und gar keine Emotionen zuzulassen. Die eigene Familie eignet sich meiner Erfahrung nach nur schwer, da sie meist selbst betroffen ist. Am meisten helfen mir hier Gespräche mit FreundInnen sowie anderen betroffenen Frauen, die wissen, um was es geht und solche Situationen bereits gemeistert haben.
N- Netzwerk stärken
Auch Caroline Oder verbindet den oft vorbelasteten Begriff „Netzwerken“ nicht mit Businesstreffen, sondern mit einem Netzwerk an Menschen, die uns helfen, „die emotionale Last“ gemeinsam zu tragen. Ihren Tipp, über seinen Schatten zu springen, sich verletzlich zu zeigen und um Hilfe zu bitten, kann ich nur bestätigen. Als ich nach einer Operation kurzfristig Unterstützung beim Haushalt und der Kinderbetreuung benötigte, war ich erstaunt über die Hilfsbereitschaft. Erkannte an den Reaktionen aber auch, wie schambehaftet es in unserer Gesellschaft ist, um Hilfe zu bitten und diese anzunehmen. Dabei würde ich diese oft gerne zurückgeben.
Doch auch Selbsthilfegruppen sowie bezahlte Experten und Fachleute helfen enorm, wenn es darum geht, schnelle Lösungen finden zu müssen, so die Erfahrung von Caroline Oder. Wichtig sei jedoch, auch DANKE zu sagen und dieses Netzwerk in Nicht-Krisenzeiten gut zu pflegen.
Auch Stephan Schäfer greift diesen Punkt auf. Im Roman „Jetzt gerade ist alles gut“ erzählt er von den Erkenntnissen eines Glücksforschers, der zufällig gemeinsam mit ihm in der Bahn saß. „Jeder, so erklärte er mir, sollte ohne lang Nachdenken zu müssen, mindestens zwei Personen spontan nennen können, die ihm in der Not helfen würden.“ Dieser Satz des Glücksforschers sei bei ihm besonders in Erinnerung geblieben, so Schäfer. Genauso die Erkenntnis, dass nicht Gesundheit, Wohlstand, beruflicher Erfolg oder Liebe die größten Glücksbringer seien, sondern einzig und allein menschliche Beziehungen.
A- Akzeptanz üben
Unter Akzeptanz versteht Caroline Oder NICHT eine schwierige Situation gut zu finden, die Hände in den Schoß zu legen und sich damit abzufinden, sondern diese einfach nur bewusst als derzeit nicht änderbar anzuerkennen. Was ihr dabei hilft, ist im Hier und Jetzt zu leben sowie sich vom Anspruch des Perfektionismus zu verabschieden. Ganz im Sinne von „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“, dem berühmten Zitat von Reinhold Niebuhr.
U- Ungewissheit eingehen
Gerade in Zeiten der Herausforderung neigen wir dazu, uns so viel Sicherheit und Stabilität wie möglich zu verschaffen, so Caroline Oder. Nach vielen Reisen und längeren Aufenthalten in anderen Ländern erkannte sie jedoch den unterschiedlichen Umgang mit dem Eingang von Risiken in verschiedenen Kulturen. Basierend darauf ermutigt sie uns mit den Worten, persönliche Weiterentwicklung geschehe nur mit dem Eingang gewisser Risiken. Diese Lebensweisheit gab ihr den Mut, ihren Sohn trotz schwerer Krankheit sein eigenes Leben leben zu lassen. Was ihr dabei hilft, ist die Vorwegnahme vielfältigster Handlungsalternativen sowie Wenn-dann-Strategien.
S- Selbstliebe praktizieren
Selbstfürsorge und Eigenliebe sind für Caroline Oder die Grundlage jeder zwischenmenschlichen Beziehung an sich. Angelehnt an den Spruch „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“, der jedoch oft nur auf den ersten Teil bezogen interpretiert wird. Gerade in Krisen ist die Selbstvernachlässigung oft vorprogrammiert, so Caroline Oder. Doch wir können nicht helfen, nicht geben, wenn wir selbst am Ende unserer Kräfte sind. Lernen Hilfe anzunehmen sei der erste Schritt, um für unsere Familie da sein zu können, plädiert Oder. Auch ich erkannte vor ein paar Jahren, dass ich nur gesunden kann, wenn ich auf mich schaue. Auch wenn das hieß, meiner Familie und Freunden mehr zumuten zu müssen.
O- Optimismus leben
Positiv zu denken sei kein esoterisches Gelaber, betont Caroline Oder. Wissenschaftliche Richtungen wie positive Psychologie oder Quantenphysik belegen den Einfluss positiver Einstellungen auf unser Wohlbefinden und Verhalten. Sich über die eigenen Bedürfnisse klar zu werden und sich diese selbst zu erfüllen, sei eine Kraftquelle in herausfordernden Situationen.
Auch die Verhaltenstherapie besagt, dass unsere Gedanken unser Verhalten sowie unsere Gefühle positiv beeinflussen. Dies durfte ich in einer schweren Lebenssituation bereits selbst positiv erleben.
GENAU SO …
Vor allem die Kombination aus allen genannten Ansätzen ist meiner Erfahrung nach wichtig. Das Einholen von Informationen hilft mir persönlich am meisten, wieder handlungsfähig zu werden. Gepaart mit der Erkenntnis, ich bin nicht allein mit diesen Problem. Positives Denken und das Organisieren von Hilfe ohne das Zulassen eigener Gefühle dient jedoch lediglich der Verdrängung dieser. Mit der Gefahr, dass sich unsere Emotionen erst recht machtvoll an die Oberfläche drängen. Als gern organisierender Helfer-Typ lebe ich in einem Freundeskreis, der selbst großen Wert auf positives Denken lebt. Doch die Wichtigkeit auch einmal authentisch sein zu dürfen, mit all meinem Schmerz, der eigenen Wut und Eigenschaften, die nicht unbedingt zu meinen Werten passen, wurde mir erst in einer sehr schmerzlichen Lebenssituation bewusst. All diese Maßnahmen greifen ineinander. Eine ohne der anderen ist wertlos und überfordert uns meist. Und es gibt Tage, an denen Selbstliebe und Akzeptanz, nur das ehrliche Eingeständnis ist, dass wir noch nicht so heil sind, wie wir möchten.
Doch rückblickend stimme ich mit Stephan Schäfer überein, wenn er sagt: „Wissen Sie, was mir oft auffällt an Menschen, die solche Erfahrungen machen? Ihre Fähigkeit, sich neu zu definieren. Sie gehen durch ein dunkles Tal und kommen oft mit einer völlig neuen Perspektive daraus zurück. Es ist nicht mehr das Leben wie vorher, aber es ist trotzdem ein Leben, vielleicht sogar ein intensiveres.“
