"Erziehung ist (k)ein Kinderspiel": Heilsame Tränen

Wie gegensteuern, wenn Übermut und Unfolgsamkeit zur schlechten Gewohnheit werden? Hier ein facettenreiches Fallbeispiel einer Großmutter:

Hannah, knapp 5, ist ein lustiges, aufgewecktes und selbstbewusstes Kind. Wie üblich holt sie Oma vom Kindergarten ab und dann gehen sie zum Spielplatz. Dort bekommt sie eine feine Jause und amüsiert sich mit ihren Spielkameraden.

Obwohl sie das nie ohne Erlaubnis tun darf, zieht sich Hannah die Schuhe aus und ihre weiße Strumpfhose ist im Handumdrehen schmutzig, ebenso ihr Kleid, weil sie sich auf den feuchten und schmutzigen Boden legt. Als Oma, die sich kurz um den großen Bruder gekümmert hat, dies bemerkt, ermahnt sie ihre Enkelin. Die Schuhe werden wieder angezogen. Doch nun fällt ihr ein, in das Blumenbeet zu steigen. Lächelnd präsentiert sie ihre erdigen Schuhe der Oma, als würde sie sich über diese lustig machen. Als weiteres Zeichen des Protests weigert sie sich, ihre Weste anzuziehen, obwohl es ziemlich kalt ist und sie schon einen leichten Schnupfen hat. Man hat es nicht weit nach Hause, deshalb möchte die Großmutter keine Szene daraus machen.

Als Papa nach Hause kommt, hat sich Hannah schon umgezogen. Oma berichtet ihm, welche Schwierigkeiten es heute mit seiner Tochter gab und er merkt an, dass sie auch in der Früh bockig und unfolgsam war, ein Trend, den man schon ein Weilchen bei Hannah bemerkt hat.

Besprechung unter vier Augen

Da nimmt er seine Tochter und geht mit ihr ins Schlafzimmer, um ungestört unter vier Augen mit ihr zu reden. Es gab keine lauten Worte, keine Drohungen und sicher auch keine Gewalt. Doch ganz bestimmt hat Papa ein ernstes Wort mit Hannah gesprochen. Laut heulend verlässt sie das Schlafzimmer und Papa schickt sich an, das Abendessen zuzubereiten. Sie lässt sich nicht beruhigen, sondern verstärkt ihr Geheule, das sich wie eine Mischung aus Frustration und Protest anhört, worauf sie Papa auffordert, zurück ins Schlafzimmer zu gehen und erst wieder herauszukommen, wenn sie sich beruhigt hat.

Wiedergutmachung anregen

Mit Zustimmung des Vaters schlägt Oma vor, sie könne herauskommen, wenn sie mithilft, die schmutzige Strumpfhose gemeinsam mit ihr zu waschen oder wenigstens dabei zuzuschauen. Keine Reaktion. Schade, denn das hätte die Sache entspannen können. Das Mädchen heult weiter und ruft nach der Mama, die erst etwas später nach Hause kommt. So bleibt sie allein im Zimmer, bis sie von sich aus wieder die Familiengemeinschaft aufsucht. Das passiert schon wenig später. Der Abend verläuft friedlich und entspannt, als wäre nichts gewesen.

Als Oma sich anschickt, nach Hause zu gehen, ist Mama schon mit Hannah im Bad und sie genießt es in der Badewanne. Oma schaut kurz hinein und sagt: „Hannah, ich bin dir nicht böse. Ich möchte nur, dass du mir in Hinkunft folgst. Bis morgen!“

Anerkennung und Ermutigung schenken

Zu ihrem Enkelsohn, 7, sagt sie vor dem Abschied: „Ich freue mich, dass du mir gefolgt hast, als es um das Nachhause Gehen ging.“ Auch Selbstverständlichkeiten gehören gewürdigt. Zu ihrem Schwiegersohn sagt Oma: „Das hast du gut gemacht!“ Auch Papas brauchen Ermutigung.

Ein kleines Nachspiel

Als Oma ihre Enkelin am nächsten Tag abholt, sagt ein kleiner Bub zu ihr: „Hannah hat dich nicht mehr lieb!“ worauf Oma Hannah in die Augen schaut und zu ihr sagt, was auch der Pädagoge, der jedes Kind persönlich verabschiedet, hören kann: „Gestern hatten wir ein Problem, aber ich habe dich trotzdem lieb!“

Die Oma ist froh, dass der kleine Junge diese Bemerkung gemacht hat, denn so weiß sie, wie ihre Enkelin fühlt und sie bekam Gelegenheit, ihre Einstellung und Liebe zu bestätigen. 

Innere Verarbeitungsprozesse zulassen und fördern

Es ist normal, dass Kinder ihre Erlebnisse aus ihrer Sicht beschreiben, das muss nicht immer von Objektivität und Einsicht geprägt sein. Das müssen wir zulassen und aushalten, es ist ein wichtiger Teil des Verarbeitungsprozesses. Seien wir nicht böse, sondern vielmehr dankbar, denn so wissen wir, woran wir sind, und können kompetent darauf reagieren. Wenn Kinder alles in sich hineinfressen, dann kann es problematisch werden, denn wenn Konflikte unter der Oberfläche ablaufen, verlieren wir den Kontakt zu ihnen.

Kinder müssen wissen, dass wir sie lieben, auch wenn sie manchmal schwierig sind.

Rückblickende Gedanken

Reue oder Protest?

Hat Papa Hannah nach der Besprechung fest in die Augen geschaut und sie umarmt? Das wäre wahrscheinlich hilfreich gewesen, um Einsicht und Reue zu fördern, und vielleicht die vielen Tränen zu vermeiden, beziehungsweise dessen Schwerpunkt auf Reue zu verlagern.

Ernste Worte können heilsam sein.

Manchmal können ernste Worte heilsam sein. Die Tatsache, dass Hannah so heftig reagiert hat, ist ein Zeichen, dass die Botschaft bei ihr angekommen ist, anders als bei so manchen netten, freundlichen Ermahnungen zuvor.

Vorsicht! Standpauke und Belehrungen können zu innerem Widerstand führen

Deshalb ist es wichtig darauf zu achten, dass wir keine langen Moralpredigten halten, nicht zu lange und belehrend auf das Kind einreden, sondern freundlich, kurz und prägnant, den Fokus auf Fakten, Verständnis und Einsicht legen.

Entschuldigung anregen, aber nicht erzwingen

Wichtig wäre es, dass Papa anregt, dass sich Hannah bei der Oma entschuldigt und diese ihre Entschuldigung annimmt. Der Zwischenfall soll ja keinen negativen Einfluss auf die Beziehung zwischen dem Kind, dem Vater und der Großmutter ausüben.  

Jedoch sollte eine Entschuldigung nicht erzwungen werden. Wenn das Kind dazu noch nicht bereit ist: „Mir ist es wichtig. Denk darüber nach!“ um zum passenden Zeitpunkt darauf zurückzukommen. Höchstwahrscheinlich wird das Kind schon von sich aus zur Oma gehen und sagen: „Oma, es tut mir leid!“  Als Antwort könnte ein schlichtes Danke!“ oder „Ich freue mich, dass du das einsiehst!“ passen. Es soll sich gut anfühlen, wenn man sich entschuldigt.

Christen kennen es aus der Beichte: Auf Reue folgen Schuldbekenntnis und die Bitte um Vergebung. Der Priester spricht uns im Namen Christi von unseren Sünden frei und wir fühlen uns danach erleichtert und befreit.

Nachbesprechung unter Erwachsenen

Es wäre empfehlenswert, wenn sich die Erwachsenen Zeit nehmen, diesen Vorfall zu besprechen, um einander Feedback zu geben, Erwartungen auszudrücken und gemeinsame Strategien abzusprechen.

Maria Neuberger-Schmidt

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