„Erziehung ist (k)ein Kinderspiel!“: Selbstbestimmung beim Essen
Essen was auf den Tisch kommt? Wie viel Selbstbestimmung ist angemessen? Manche Kinder sind beim Essen schwierig. Sie essen dieses nicht und jenes nicht. Die gemeinsamen Mahlzeiten können so zu mehr Stress als Freude führen.
Familie Berger hat zwei Kinder, Manuel, fünfeinhalb und Lisa, zweieinhalb. Die Eltern bemühen sich um gesundes Essen, die gemeinsamen Mahlzeiten sind ihnen wichtig. Selbstbestimmung, gerade beim Essen, ist ihnen ebenfalls wichtig.
Die Speisen werden in der Mitte des Tisches serviert, zum Beispiel Reis, Gemüse, eine Fleischspeise und Salat. Die Kinder können selbst wählen, was und wieviel sie von einer Speise essen wollen.
Mit 20 Monaten wollte Lisa nicht mehr in ihrem Hochstuhl sitzen. Deshalb kauften die Eltern schon sehr früh einen Hochpolster, den man auf einem ganz normalen Stuhl befestigen kann. Das Problem: Beide Kinder springen zwischendurch auf und wollen spielen. Auch sitzt Lisa viel lieber auf Mamas Schoß als auf ihrem Sessel. Mama kommt dann aber meist selbst nicht zum Essen und es wird viel herum gepatzt.
Alles wie die Eltern
Beide Kinder möchten dieselben flachen Teller haben wie die Eltern, doch dabei tun sie sich schwer, die Speisen auf den Löffel oder auf die Gabel aufzuladen. Sie haben auch schon ein eigenes Besteck, Kindermesser inklusive. Die Kinder wollen alles selbst nehmen und schneiden. Dann stochern sie auf dem Teller herum, weil sie sich schwer tun beim Schneiden und dabei den Appetit verlieren. Wenn die Eltern helfen wollen oder eine Speise vorschlagen, heißt es meist „Selber, selber!“ oder „Nein, das mag ich nicht!“ Was diese Kinder immer gerne essen, sind Pizza, Pasta, Obst und natürlich Süßigkeiten. Die Gemüsesuppe wird meist abgelehnt. Manche Speisen essen sie an diesem Tag, aber nicht an jenem. Viel Essen landet auf dem Boden. Viele Eltern kennen es!
So kommt es, dass das kleine Mädchen manchmal mit leerem Magen zu Bett geht und etwas später hungrig aufwacht. Dann bekommt sie ein Butterbrot mit Erdnussbutter, das geht fast immer. Für Mama bedeuten die unterbrochenen Nächte enormen Schlafentzug, weil sie oft danach auch nicht gleich wieder einschlafen kann.
Dieselben Kinder essen die Mittagsmahlzeit im Kindergarten ziemlich problemlos.
Wie kann man sich das erklären?
Mangelernährung: Die Geschmacksnerven verkümmern
Durch die auf solche Weise entstehende einseitige Nahrung stellen sich die Geschmacksnerven auf nur wenige Speisen ein und das Kind entwickelt Widerstand gegenüber Neuem. Es kann ihm sogar zunehmend an Vitaminen und Mineralstoffen fehlen. Der Trend zur Fertigkost mit den künstlichen Geschmacksverstärkern verstärkt diesen Trend, der die Essgewohnheiten bis ins Erwachsenenalter präget.
Essen, was auf den Tisch kommt, hat nichts mit Zwang zu tun
Nach Ende der Karenz, bis Eintritt in den Kindergarten, übernahm die Großmutter den Job als Tagesmutter, knapp vor dem ersten bis nach dem zweiten Geburtstag. Da gab es gesunde Hausmannskost, viel Gemüse und Gemüsesuppe, etwas Fleisch und abwechselnd Reis, Kartoffel, Hirse, Gerste oder Quinoa als Beilage, im Mixer zerkleinert oder mit der Gabel zerdrückt. Und nie gab es Probleme beim Essen. Die Kinder saßen im Hochstuhl, das Lätzchen um den Hals, ließen sich füttern, aßen aber zunehmend gerne auch mit dem eigenen Löffel.
Die Oma erklärte, was da so alles auf dem Teller war, oder erzählte dazu eine lustige Geschichte. Es schmeckte so gut, dass sie manchmal Bedenken hatte, ob sie die Kinder nicht überfüttere, weil die Kinder meist noch etwas mehr haben wollten. Dann wurden Mund und Hände abgewischt, die Kinder wurden gelobt und durften wieder spielen gehen oder sie wurden fertig gemacht zum Mittagsschlaf. Später lernten sie sagen: „Danke für das gute Essen, darf ich bitte aufstehen?“ Kein Kind wurde gezwungen, etwas zu essen, was es einmal nicht wollte, aber die Kinder kamen gar nicht auf die Idee, auf alles mit Nein zu reagieren.
Als die Kindergartenzeit kam, und die Eltern die Mahlzeiten übernahmen, wurde das Essen nach und nach zum Problem, obwohl auch sie schmackhaft und gesund kochten. Die Kinder wurden „pickig“. Die fröhliche Atmosphäre wurde oft durch die kindlichen Launen getrübt.
Selbstbestimmung an die entwicklungspsychologische Reife des Kindes anpassen
Diese Eltern erziehen ihre Kinder mit hohen Idealen der Selbstbestimmung und Selbständigkeit, sind sehr unterstützend und zugewandt. An sich wunderbar. Doch wo ist der Haken?
Die guten Routinen: Eltern bestimmen das Was, Wann und Wo
Das Kind wächst damit auf, genauso wie mit dem Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, mit Wärme und Kälte und den Gesetzen der Schwerkraft. Es liegt an uns zu lernen, uns daran anzupassen. Genauso bestimmen Eltern den Tagesrhythmus, die Essgewohnheiten, was erlaubt ist und was nicht.
Früher haben die Eltern, meist die Mütter, das Essen ausgeteilt und jeder aß, was auf dem Teller war. Wer mehr wollte, dem wurde nachgereicht, soweit vorhanden. Kinder durften auch einmal etwas übriglassen, grundsätzlich aber war Aufessen angesagt.
Sichere Führung gibt dem Kind Halt
Bis zum dritten Lebensjahr sollten die Kinder ganz selbstverständlich daran gewöhnt werden, zu tun, was die Eltern vorgeben, sei es beim Essen, Anziehen, Frisieren oder Zähneputzen. Diese richten sich nach den Fähigkeiten und Bedürfnissen, aber auch Vorlieben der Kinder. Das gilt auch beim Essen. Es geht um die freundliche und sichere Führung des Kindes, die ihm Halt und Sicherheit gibt, weit davon entfernt, dem Kind etwas aufzuzwingen. Es darf seine Wünsche und Vorlieben äußern, sei es beim Essen oder bei anderen Dingen.
Das Kind darf auch Nein sagen, aber nicht reflexartig, bei allem und jedem.
Dieses Verhalten findet man bei Kindern, die mit Selbständigkeit überfordert werden. Dies scheint bei Manuel und Lisa der Fall zu sein.
Die Autonomie- oder Trotzphase
Klein Lisa ist mit ihren 30 Monaten schon länger darin angekommen. Deshalb müssen ihre Eltern lernen, ihren Drang nach Selbstständigkeit einfühlsam zu begleiten und auf freundliche Weise auch einmal Nein zu sagen. Lisas unangemessene Wünsche oder reflexhafte Widerstände dürfen nicht mit echter Reife verwechselt werden.
Kinder, die sich dem Willen der Eltern unterordnen, lernen Dankbarkeit und Respekt. Sie hören auf ihre Eltern und diese auf sie. So entsteht Urvertrauen, eine gesunde Erdung und der kindliche Entdeckergeist kann sich fröhlich entfalten.
Maria Neuberger-Schmidt
