29. Juli 2021

Die langsame Annäherung an unser Pflegekind


An einem Donnerstagmittag, völlig unerwartet, da erst zwei Wochen seit unserer „Freischaltung“ als Pflegeeltern vergangen waren, kam plötzlich der Anruf unserer Sozialarbeiterin: sie hätte da die Akte eines Kindes. Der Anfang eines Kennenlernens: Ein kleines Baby mit viel Geschichte ist nun Teil unserer Familie.

Nun ist seit meinem ersten Eintrag zum Pflegekind schon einige Zeit vergangen – eine turbulente, schöne, lehrreiche Zeit mit vielen Höhen, aber auch ein paar Tiefen. Ich versuche einmal, die ersten Tage nach dem plötzlichen, aber umso schöneren Anruf zu rekapitulieren:

An einem Donnerstagmittag, völlig unerwartet, da erst zwei Wochen seit unserer „Freischaltung“ als Pflegeeltern vergangen waren, kam plötzlich der Anruf unserer Sozialarbeiterin: sie hätte da die Akte eines Kindes, beim Durchlesen musste sie an uns denken, denn es sieht aus, als würden wir perfekt zu einander passen. Mit 4 Monaten war das Kind, ein kleines Mädchen, geringfügig älter als wir angegeben hatten (wir hatten bis 3 Monate angegeben), aber sonst passten wirklich alle Vermittlungskriterien. Am Telefon bekamen wir die ersten Informationen zum Kind – Gesundheitszustand, familiäre Verhältnisse, Abnahmegründe, Infos zur Krisenpflegefamilie, in der das Kind seit der Abnahme lebte.

Kleine Kinder unter 3-4 Jahren werden nach einer Kindesabnahme durch das Jugendamt in Krisenpflegefamilien betreut, bis entschieden ist, wie weiter vorgegangen wird – gibt es eventuell Verwandte, die das Kind aufnehmen können? Soll es in einer Langzeitpflegefamilie kommen? Wie ist die Situation der Herkunftsfamilie, welche Besuchskontakte soll es zwischenzeitlich, bis zur Festsetzung durch das Pflegschaftsgericht, geben? Größere Kinder verbringen diese Zeit (meist ein paar Wochen bis maximal Monate) in einem Krisenzentrum, wo sie mit anderen Kindern in ähnlicher Situation zusammenleben und betreut werden.

Das erste Treffen findet mit der Sozialarbeiterin statt

Wir waren bereits bei den Erzählungen verliebt in das kleine Mäuschen, das trotz seines zarten Alters schon so viel erlebt hatte und machten Termine für die nächsten Schritte: das ist zuerst einmal ein Treffen mit der betreuenden Sozialarbeiterin und im weiteren ein Treffen mit den leiblichen Eltern. Bei dem ersten Treffen bekommt man umfassende Informationen zum Hintergrund des Kindes, zur Vorgeschichte und eine Prognose, wie es mit der Familie weitergehen wird. Anschließend lernt man die leiblichen Eltern kennen.

Es ist überhaupt kein Problem, zu sagen, dass man sich die Situation nicht zutraut.

Dieses Treffen ist sehr wichtig. In den wenigsten Fällen wird eine herzliche Freundschaft entstehen, aber es muss möglich sein, mit den leiblichen Eltern eine tragfähige Arbeitsbeziehung herzustellen. Sind einem diese also extrem unsympathisch oder kann man mit dem, was sie den Kindern (an)getan haben, gar nicht leben, dann sollte man jetzt besser die Reißleine ziehen. Es ist überhaupt kein Problem, zu sagen, dass man sich die Situation nicht zutraut. Es kommen – leider – ständig neue Kinder, die ein Zuhause brauchen und es zeugt von Reflektiertheit, wenn man weiß, dass man einer Situation nicht gewachsen ist.

Aus diesem Grund bekommt man bis dahin auch nicht das Kind (und auch keine Fotos vom Kind) zu sehen – diese Situation muss nüchtern und rational entschieden werden. Es hilft keiner der beteiligten Parteien, wenn die Pflegeeltern mit dem Hintergrund des Kindes überfordert sind.

Erst im zweiten Schritt lernt man das Kind kennen

Ist man nun aber überzeugt, dass die Umstände passen und man mit dem Hintergrund des Kindes gut leben kann, dann kommt der große Moment: das Kind wird vorgestellt. Dazu kommt die Krisenpflegemutter mit dem Kind ins Jugendamt und dort lernt man das Kind kennen. Wir haben uns sofort in die zuckersüße Maus verliebt. Für sie war es aber scheinbar nicht so ganz Liebe auf den ersten Blick: bei unserem ersten Treffen hat sie geweint. Grund dafür dürfte allerdings die fremde, einschüchternde Umgebung gewesen sein, denn bereits bei unserem nächsten Treffen wurden wir mit einem freundlichen Lachen begrüßt.

Das Kind soll langsam an seine neue Familie gewöhnt werden und erst umziehen, wenn es eine Beziehung zu den neuen Eltern entwickelt hat und sich sicher genug fühlt. Man muss bedenken, dass das Kind bereits einen Beziehungsabbruch hinter sich hat.

Dieses nächste Treffen fand allerdings erst statt, nachdem wir noch einmal ein Gespräch mit der Sozialarbeiterin hatten und dabei für alle Beteiligten klar war, dass wir uns sicher sind, dieses Kind in unsere Familie aufnehmen zu wollen. Im Anschluss daran wird mit der Krisenpflegemutter ein Anbahnungsplan gemacht: das Kind soll langsam an seine neue Familie gewöhnt werden und erst umziehen, wenn es eine Beziehung zu den neuen Eltern entwickelt hat und sich sicher genug fühlt.

(c)iStock

Man muss bedenken, dass das Kind bereits einen Beziehungsabbruch hinter sich hat – bei Abnahmen durch das Jugendamt ist es nicht zu verhindern, dass dieser meist sehr abrupt und übergangslos ist. Deshalb soll dieser zweite, notwendige Beziehungsabbruch (von der Krisenpflegemutter zur Langzeitpflegefamilie) möglichst sanft von Statten gehen. Über einen Zeitraum von 1-2 Wochen verbringt man immer mehr Zeit mit dem Kind. Die Krisenpflegemutter beobachtet die Interaktion und berichtet dem Jugendamt vom Fortgang. Merkt sie, dass es zu keiner Beziehungsentwicklung kommt oder etwas nicht passt, dann kann sie ihre Zweifel an das Jugendamt weitergeben und gegebenenfalls wird die Anbahnung angebrochen.

Neue Familienkonstellation

Für uns stand beim ersten Besuch bei der Krisenpflegefamilie erst einmal das Kennenlernen zwischen unserer älteren Tochter und dem Baby am Programm. Wir haben unsere Tochter so gut es geht auf die Ankunft der neuen Schwester vorbereitet – das ist natürlich eine größere Herausforderung, als wenn das ältere Kind die Schwangerschaft der Mutter miterlebt. Mit guter Literatur und vielen Gesprächen über Geschwister und die unterschiedlichen Wege, wie Familie entstehen kann, haben wir sie, denke ich, so gut es ging vorbereitet. Tatsächlich hatte sie sich schon sehr auf eine kleine Schwester gefreut – sie hat sich spezifisch eine Schwester gewünscht, und so ein Glück – es kam eine Schwester!

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Eine Woche lang war somit eine langsame Anbahnung geplant. Sie wurde bei uns dann pandemiebedingt etwas verkürzt und ehe wir uns versahen, waren wir eine vierköpfige Familie. Unsere Große blieb die erste Woche bei uns daheim, damit sie sich nicht ausgeschlossen fühlte, wenn sie in den Kindergarten gebracht wurde, während die kleine Schwester daheim die volle Aufmerksamkeit bekam. Wir haben uns diese erste Woche auch bewusst frei genommen von Besuchen, damit wir uns erst einmal als Familie aneinander gewöhnen konnten und unsere kleine „Neue“ nicht gleich verwirrt wurde durch eine Überzahl an neuen Familienmitgliedern. Am Ende der Woche stand dann das Osterfest, das wir in pandemiebedingt sowieso sehr enger Runde mit der Kernfamilie verbrachten.

Etwa zwei Monate lang dauert die Eingewöhnungszeit in der neuen Familie, bevor es den ersten Besuchskontakt zu den leiblichen Eltern gibt. Was es mit diesen sogenannten „biographischen Kontakten“ auf sich hat und warum Biographiearbeit so wichtig ist, werde ich in meinem nächsten Blogeintrag bearbeiten (der hoffentlich diesmal nicht so lange auf sich warten lässt wie dieser).


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