21. September 2020

Brauche ich so einen Geburtsvorbereitungskurs wirklich?

Brauche ich wirklich einen Geburtsvorbereitungskurs? - meinefamilie.at

Warum selbst Hebammen einen Geburtsvorbereitungskurs besuchen, worum es geht und wie ich den richtigen Kurs für mich wähle.

Da schwangere Frauen in Beratungen immer wieder die Frage stellen, ob sie denn einen Geburtsvorbereitungskurs brauchen, beleuchte ich dieses Thema heute ausführlich. Dieser Blog dient hoffentlich als kleine Orientierungshilfe. Denn je nach geplantem Geburtsmodus, also ob Kaiserschnitt oder spontane, vaginale Geburt, sind verschiedene Aspekte zu beachten.

Gerade beim ersten Kind sagen mir die Frauen häufig, sie sind unsicher, weil sie eigentlich keine Ahnung haben, was auf sie zukommt oder wie eine Geburt theoretisch ablaufen wird. Sie hören von allen Seiten diverse Horror-Geschichten und sind je nach Typ mehr oder weniger verängstigt.

Liebe Schwangere, hört keine Horrorgeschichten

Gerade ich als Hebamme sehe es sehr kritisch, wenn in der Familie aufgetrumpft wird, wer denn bisher die schlimmste Geburt zu erleiden hatte. Da finde ich es viel besser und schöner anzuhören, wenn zwar alle erzählen, aber die Horror-Szenarien ausgelassen werden und halbwegs neutral berichtet wird.

Der Satz „Das ist zwar anstrengend und man kommt an die Grenzen, aber man schafft es immer irgendwie und am Ende wird alles wunderbar“ gefällt mir persönlich besser als „Ich würde nie wieder ein Kind kriegen.“

Wichtig ist zu betonen: Angstmache hat in der Vorbereitung nichts verloren. Liebe Schwangere – Wenn euch jemand mit schlimmen Szenarien, Erlebnissen oder Horror-Geschichten schocken will – Ohren zu und weghören. Das sind Ausreißer oder Einzelfälle und in manchen Fällen sind sie definitiv überzogen. Denn die Statistik gibt mir ohne Vorurteile und ganz neutral recht, dass der Großteil der Geburten rund läuft und komplikationsarm.

Wer Bescheid weiß, hat weniger Angst

Ungeachtet der verschiedenen Meinungen rund ums Thema Gewalt in der Geburtshilfe (Darum geht es hier nicht! Das ist ein völlig anderes Thema), sollte uns allen bewusst sein, dass aufgeklärte Frauen, die eine Ahnung davon haben, was auf sie zukommt und welche Möglichkeiten sich ihnen bieten, besser mit Wehen und der Geburt zurechtkommen.

Aufgeklärte Frauen, die eine Ahnung davon haben, was auf sie zukommt, kommen mit Wehen und der Geburt besser zurecht.

Daher ist es zumindest bei der ersten Geburt auf jeden Fall sinnvoll, sich zu informieren. Ein Geburtsvorbereitungskurs ist hierfür eine gute Möglichkeit, da er individuell auf die persönlichen Bedürfnisse angepasst ist oder es zumindest werden kann.

Die meisten Frauen wollen einfach wissen, was ungefähr auf sie zukommen wird, um etwas die Angst davor zu verlieren. Das ist ein sehr guter Beweggrund und absolut nachzuvollziehen. Mir ginge es wohl genauso in dieser Situation.

Verschiedene Geburtsvorbereitungskurse für Frauen oder Paare

Es gibt verschiedene Kurse, die sich auf die verschiedenen Bedürfnisse von Frauen konzentrieren. Die Krankenhäuser bieten meist Gruppen-Kurse mit 8 – 15 Paaren oder Frauen als Teilnehmerinnen an. Hebammen-Ordinationen haben meist Kurse in kleineren Gruppen-Zahlen und mit vielen Hebammen kann man sich auch einen Einzel-Geburtsvorbereitungskurs ausmachen, also nur Sie mit oder ohne Partner. Je nachdem wie individuell ihre Wünsche sind, ist dabei für jeden Typ etwas dabei. Möchten Sie also möglichst viele „Gleichgesinnte“ kennenlernen oder lieber etwas privater an die Sache heran gehen? Sie haben die Qual der Wahl.

Geburtsvorbereitungskurs bei geplantem Kaiserschnitt?

„Ich bekomme ja ohnehin einen geplanten Kaiserschnitt, also brauche ich keinen Kurs, bei dem ich Atmen lerne oder wie ich mich während der Wehen verhalten kann.“

Das ist so nur teilweise richtig. Wissen Sie genau, wie so ein Kaiserschnitt abläuft, also eine Sectio caesarea, wie die Ärzte sagen? Hier ist vielleicht ein spezifischerer Kurs sinnvoller, das gebe ich zu, aber auch in dieser Situation gibt es einiges zu besprechen.

Für das Baby im Bauch ist so ein Kaiserschnitt ungefähr so, als ob man Sie um 4 Uhr morgens mit Licht, Lärm und Kälte aus dem Tiefschlaf holt. Also sehr unangenehm.

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Auch Babypflege ist Inhalt eines Geburtsvorbereitungskurses. © iStockphoto.com

Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Kind und sich selbst vorzubereiten. Patientinnen mit primärem Kaiserschnitt brauchen Infos zum Ablauf und der Zeit danach. Auch das Stillen und die Babypflege sind Teil eines Vorbereitungskurses.

Den richtigen Geburtsvorbereitungskurs wählen

Achten Sie bei der Auswahl des Geburtsvorbereitungskurses auf folgende Kriterien:

  • Der/ die KursleiterIn sollte ausreichend qualifiziert sein – also Fachpersonal (im Idealfall Hebamme oder Physiotherapeutin etc.)
  • Klar definierte Leistungen – Dauer, Umfang und Preis
  • Festgelegte TeilnehmerInnen-Zahlen
  • Eine objektive Aufklärung und Infos ohne Ängste zu schüren, sondern deren Abbau in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Respekt sollte bleiben, die Angst darf sich gerne abbauen. Normalerweise machen uns ja unbekannte Dinge und Situationen viel nervöser als bereits Bekanntes. Daher sollte so ein Kurs dazu dienen, den Paaren die Angst zu nehmen, Informationen liefern und Inhalte vermitteln. Die Paare sollten sich am Ende gut vorbereitet fühlen, wissen, was in etwa auf sie zukommen wird und was sie alles machen können:

Die Paare oder Frauen sollten nach dem Kurs…

  • die verschiedenen Methoden zur Schmerzbewältigung kennen
  • wissen, welche Positionen eingenommen werden können, wo und wann welche hilfreich ist
  • erfahren, wann das Krankenhaus aufzusuchen ist
  • richtig atmen können auch unter Wehenbelastung
  • wissen, wie sich ein Baby auf den Weg macht, wie dieser aussieht, welche Drehungen und Beugungen notwendig sind und wie genau wir diesen Vorgang unterstützen können
  • geburtsvorbereitende Maßnahmen kennen, um sich die Geburt zu erleichtern oder zu beschleunigen

Selbst, wenn wir Hebammen schwanger sind, machen wir einen solchen Geburtsvorbereitungskurs, denn wenn man selbst in der Situation ist, ändert sich plötzlich der Blickwinkel. Man ist ja nun auf „der anderen Seite“ und selbst betroffen. Außerdem wollen wir natürlich auch unseren PartnerInnen nicht die Chance entgehen lassen, sich weiterzubilden, um eine bessere Unterstützung im Kreißzimmer zu sein.

Vorbereitungskurse für das 2. oder 3. Kind

Auch für das 2. oder 3. Kind gibt es spezielle Vorbereitungskurse und Angebote, also für Mehrgebärende die speziell darauf abzielen, die erneute Geburt noch intensiver wahrzunehmen oder Aspekte zu verändern, die letztes Mal nicht nach Wunsch verlaufen sind. Selbstwahrnehmung und Selbstwirksamkeit, ebenso wie das Gefühl der Kontrolle sind starke Elemente jeder Geburt und wirken sich unmittelbar auf das Empfinden der Gebärenden aus.

Zusätzlich werden Kurse angeboten, die speziell auf Atmen abzielen, wie das Hypnobirthing, oder ganz gezielt auf die körperliche Vorbereitung eingehen. Für Frauen, die etwas Ausgefallenes wollen, gibt es Geburtsvorbereitung im Wasser.

Das Angebot ist also abwechslungsreich und es sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Suchen Sie beispielsweise unter www.hebammen.at. Natürlich können Sie jederzeit Ihre betreuende Hebamme oder Geburtsklinik um eine Empfehlung bitten.

Tipp der Redaktion: In Zeiten des Abstandhaltens werden vereinzelt Geburtsvorbereitungskurse online abgehalten! Erkundigen Sie sich bei Ihrer Hebamme.



EIN ARTIKEL VON
  • Stephanie Miesbauer

    Als ausgebildete Kindergarten- und Früherziehungspädagogin arbeitete ich zuerst einige Jahre in der Krabbelstube. Seit 2013 bin ich nun als Hebamme für Mutter und Kind im Einsatz - zuerst in Linz, seit März 2019 in Wien. Der zusätzliche Master of Advanced practice midwifery folgte 2016. Ich bin sowohl im Krankenhaus tätig als auch freiberuflich und decke somit von der Schwangerenbetreuung, über die Geburt bis hin zur Nachsorge alle Bereiche ab.


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