Zwischen Abschied und Neubeginn - Müdigkeit rund um den Jahreswechsel
Wir sind müde. Erschöpft. Das Jahr hat sich abgenutzt, das neue Jahr beginnt erst langsam. Es ist eine Zeit des Kraftschöpfens.
Ja, es stimmt. Zeit in dem Sinn, wie wir sie kennen, ist eine menschliche Konstruktion. Jenseits von dieser Konstruktion befindet sich lediglich unverrückbare Konstanten wie Tag und Nacht. Ob wir allerdings die Zeit in Minuten, Stunden, Tage, Woche, Monate und Jahre einteilen, ist letzten Endes willkürlich. Es ist auch vorstellbar – wenn auch schwierig – ohne diesen Rahmen zu leben.
Wie wir aber auch beispielsweise in einem Rechtssystem und in westlichen Breitengraden weitestgehend in einem kapitalistischen System leben – auch diese Systeme lassen sich natürlich, wenn auch ebenfalls wenig gewinnbringend hinterfragen – leben wir schlicht und einfach in diesem Zeitsystem. Es prägt uns. Und es macht auch Sinn.
So mag es zwar den dunkleren und kürzeren Tagen mit weniger Sonnenstunden rund um den Jahreswechsel geschuldet sein, dass sich mehr Menschen melancholisch und erschöpft fühlen, aber das ist nicht der einzige Grund. Der Grund ist auch der Jahresverlauf. Wie der 1. Jänner einen Aufbruch symbolisiert, sind die letzten Tage des Jahres Zeiträume des Loslassens, des Reflektieren, des Zurückblickens und des Sich-Neu-Ausrichtens.
Gewissermaßen hat sich das Jahr bis dahin „abgenutzt“, es ist gelebt, auch ein wenig abgelebt. Jetzt ist es irgendwie schon zu spät, Neues anzufangen. Dieser Zeitraum ist eine Art Zwischenraum, der sich auch so anfühlt. Ein Zeitraum, mit dem man nicht so recht etwas anzufangen weiß, jedenfalls nichts, was mit großartiger Initiative, Aufbruch und Neubeginn zu tun hat.
Wie anders da schon das neue Jahr, das dennoch meist zaghaft beginnt. Der ewige Kreislauf der Jahre nimmt erst langsam Fahrt auf. Die Kinder haben noch Ferien. Der Schulalltag und der Berufsalltag hat uns noch nicht vollständig wieder. Eher geht es – in beruflicher Hinsicht – um Abschlüsse, um letzte Klärungen der Altlasten der letzten Jahre. Vielleicht ist man in den Tagen zuvor auch auf die Idee gekommen, so manches nachzuschärfen oder auch im Detail zu verändern. Denn diese Details zählen: Es die Grundpfeiler eines Jahres, der immer mehr und mehr Fahrt aufnimmt. So lange, bis es so schnell ist, noch nachzujustieren.
Bei all diesen Überlegungen, aber was heißt das für uns als Familie? Es heißt für uns, dass wir in dieser Zeit auch versuchen zur Ruhe zu kommen, nachzudenken, zu reden, uns neu auszurichten. Auch zu schauen, was passt und was nicht. Denn zu leicht schleifen sich über die Zeit stets Muster ein. Muster, die so verinnerlicht sind, dass wir sie gar nicht mehr bemerken und fast schon als naturgegeben annehmen.
Dabei ist es gar nicht leicht, diese Zeit zu finden, diese „Leerstellen“ zu erschaffen, die man zum Teil neu füllen kann. Die Tage vor Weihnachten mit den Einkäufen, den vielen Besorgungen, den Verpflichtungen mit den jeweiligen Familien des Partners waren stressig, durchaus kräftezehrend. Somit verbringen wir als Familie – jeder für sich oder auch mal gemeinsam – auch oftmals ganz „sinnlose“ Tage, an denen fast gar nichts gemacht wird, außer gespielt, Filme geschaut oder gelesen. Tage, die wir zuhause sind. Die wir genießen. Danach folgen auch Tage, an denen wir uns als waschechte Tiroler auch regelrecht auf die Skipisten beginnen müssen.
Danach – gewissermaßen wenn die Langweile nach all diesen Aktivitäten und diesem Leerlauf kommt – kommt die Reflexion. Die Zeit der hier bereits beschriebenen Neuausrichtung. Dabei hilft uns der Jahreskreislauf, der gewissermaßen vorgibt, wann diese Zeit richtig und reif ist. Nämlich um den Jahreswechsel. Konstruktion hin oder her, die Ausrichtung danach macht Sinn und uns als Familie auch einen gewissen Rahmen, den wir dadurch nicht selbst schaffen müssen. Die Müdigkeit, die Erschöpfung nach einem vollen Jahr, stellt sich gewissermaßen von selbst ein. So sehr haben wir diesen Jahreskreislauf verinnerlicht. Und das ist wohl auch gut so.
