Wenn Liebe zur Überfürsorge wird: Warum Kinder Grenzen und Konsequenzen brauchen

„Erziehung ist (k)ein Kinderspiel!“: Wenn Liebe eine falsche Dynamik annimmt und wir aus Schwäche oder Schuldgefühlen die Unarten unserer Kinder entschuldigen.

Hier ein Fallbeispiel: Peter ist 8 Jahre alt und seine Mutter ist alleinerziehend. Sein Vater besucht ihn nur selten, wenn er gerade dazu aufgelegt ist und wenn sich der Bub „ordentlich“ benimmt. Seine Mutter ist froh, wenn er überhaupt kommt. So gerne hätte sie ihm eine „richtige“ Familie mit einem Vater, mehreren Geschwistern und ein schönes Heim geboten und nun sieht alles ganz anders aus. Es belastet sie, dass dies nicht gelungen ist und es ist, als würde sie es als ihr eigenes persönliches Versagen betrachten.

Die Mutter will das Beste für ihr Kind, tut was sie kann, und schenkt Peter ihre ganze Zuneigung und Aufmerksamkeit. Sie erzieht ihn partnerschaftlich und voller Wertschätzung, doch achtet sie nicht auf die „Ordnungen der Liebe“ und die Ebenen des Respekts. Sie will ihn schließlich nicht unterdrücken.

Er hat alle Rechte, sie alle Pflichten.

In der kleinen Wohnung hat sie weder Raum noch Zeit für sich selbst. Peter hängt an seiner Mutter und ist mit seinen 8 Jahren ohne sie ziemlich hilflos.

Aus Mitleid wird alles entschuldigt

Gleichzeitig ist Peter rücksichtslos und fordert sie immer öfter zum Machtkampf heraus. Sobald Peter ein Problem hat, wird sie weich. Er hat sich weh getan? „Du armes Kind!“ Er schlägt seine Mitschüler? „Man hat ihn schließlich provoziert“. Die Lehrerin tadelt ihn: „Sie sollte doch Verständnis haben, weil...“  Er hat keine Freunde? „Die sind egoistisch und böse“.

Das Drama des Kindes: einerseits Ablehnung durch Vater, Freunde, Lehrer, andererseits falsche Kompensation durch die Mutter. Sie setzt ihm zu wenige Grenzen, löst all seine Probleme und nimmt ihn auch dann in Schutz, wenn er im Unrecht ist.

Halt statt Nachgiebigkeit

Wie kann sich die Mutter aus dieser „Teufelsspirale“ wieder befreien? Sie muss aufhören, sich für alles verantwortlich und zuständig zu fühlen. Sie muss sich abgrenzen und auch für sich selbst sorgen. Peter braucht mehr Widerstand und Halt statt Überfürsorge und Nachgiebigkeit.

Zwei Dinge gilt es zu unterscheiden: Es ist wichtig, Verständnis für das Kind zu haben und es nicht ins „böse Eck“ zu stellen. Kinder müssen immer die Solidarität ihrer Eltern spüren können, auch und gerade dann, wenn sie "schlimm" sind. Aber deshalb darf man die Dinge nicht verharmlosen, sondern muss sie beim Namen nennen und angemessen reagieren.

Kritik ertragen und Konsequenzen spüren lernen

Peter muss auch Kritik ertragen lernen, statt darauf mit „du Blöde“ der Mutter oder der Lehrerin gegenüber zu reagieren. Er muss mit den Folgen seines Tuns konfrontiert werden, mit Konsequenzen und nötigenfalls auch mit Strafe. Wenn ihm die von Schuldgefühlen geplagte Mutter all das „ersparen“ will, nimmt sie ihn in Wirklichkeit nicht ernst und legt damit erst recht den Grundstein für seine derzeitigen und künftigen Schwierigkeiten.

Den eigenen Anteil erkennen helfen

Die Mutter muss Peter hinführen, auch die Bedürfnisse anderer und vor allem ihre eigenen zu respektieren und den persönlichen Anteil am jeweiligen Problem zu erkennen.

  • Wohlwollend Fragen: Eine Möglichkeit wäre: „Erzähl mir, wie es dazu gekommen ist“ - offen und wohlwollend fragen, damit der Bub nicht in Abwehr geht, sondern die Möglichkeit hat, selbst zur Einsicht zu gelangen.
  • Aussagen hinterfragen: Weiters muss sie hinterfragen helfen („Kannst du dir erklären, warum die Lehrerin gerade dich zum Direktor geschickt hat?“)  Die Mutter darf sich nicht mit „Weil sie mich nicht mag“ zufriedengeben, sondern muss weiter konfrontieren: „Was war denn der Anlass und was hast du dazu beigetragen?“  
  • Solidarität & Konsequenzen: Sie muss Solidarität aber auch Konsequenz zeigen, zum Beispiel „Komm, ich begleite dich, damit du die Angelegenheit mit der Lehrerin und dem Hans klären und die Dinge wieder in Ordnung bringen kannst.“

 

Die Verantwortung nicht abnehmen

Die Zusammenarbeit der Eltern und Erzieher ist gerade in solchen Fällen ganz besonders wichtig. Wenn Peter kritisiert wird, darf die Mutter es nicht als ihr eigenes Versagen sehen, sonst reagiert sie wie er, mit Abwehr statt mit Einsicht. Sie sollte zwar um Verständnis für ihr Kind werben, aber ihm nicht die Verantwortung abnehmen und bereit sein, die erforderlichen Maßnahmen mit den anderen Bezugspersonen abzusprechen und durchzusetzen. Eine Familientherapie und begleitende therapeutische Maßnahmen für das Kind wären in solchen Fällen ebenfalls nötig.

Gefahr der Abhängigkeitsspirale

Wenn wir überfürsorglich sind, Kinder klein halten und alles entschuldigen, legen wir den Grundstein für ihr künftiges Scheitern am Leben, das sich aus und mangelndem Selbstbewusstsein, Empathie und Konfliktfähigkeit, gemischt mit einer guten Portion Egoismus zusammensetzt.

Eines Tages wird Peter die eigene Mutter beschimpfen, die ihn nicht angemessen auf das Leben vorbereitet hat. Und gerade das hat sich kein Kind verdient.

Selbstkritisch Feedback einholen

Als Erziehungsperson selbstkritisch Verantwortung zu übernehmen ist gut, aber tappen Sie dabei nicht in die Falle der Schuldgefühle!

Vertrauen in die Kompetenzen und den guten Kern Ihres Kindes

Was hilft ist vor allem das Mutter Vertrauen der Mutter in ihr Kind: Es hat einen guten Kern und wird lernen, sich den Problemen und Herausforderungen seines Lebens zu stellen, wenn sie es zulässt.

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Ein Artikel von

Portraitfoto Maria Neuberger-Schmidt

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