Toleranz lernen – zwischen Idealismus und Realität

Kinder sehen keine Hautfarbe und sind auch sonst toleranter als Erwachsene. Aber stimmt das überhaupt? Und wenn ja: Was bedeutet das für Kind-Eltern-Gespräche?

Wir als Familie haben unterschiedlichste Freunde.

Egal ob es Hautfarbe, Herkunft, Gesellschaftsstand oder Geschlechtsidentität betrifft. Von daher sind wir eigentlich der Meinung, dass Toleranz bzw. das Verständnis für unterschiedlichste Lebensweisen, Lebensarten und unterschiedlichste kulturelle Hintergründe fast schon „automatisch“ auf unsere Kinder übergeht.

Grenzen der Toleranz

Aber ist es wirklich so einfach? Und sind wir wirklich so tolerant und weltoffen, wie wir uns selbst gerne sehen? Und: Sind nicht auch Grenzen der Toleranz eigentlich gut? Heißt also: Sollte es nicht natürliche Grenzen dafür geben, was eben nicht mehr tolerierbar ist und wo man ganz klar sagen muss, dass etwas zu weit geht und nicht mit – wie auch immer diese genau aussehen – unseren „westlichen Werten“ kompatibel ist?

Gespräche am Frühstückstisch

Am Frühstückstisch entspinnen sich jedenfalls immer wieder Gespräche mit unseren Mädels (13 und 17 Jahre alt) über solche oder artverwandte Themen. Manchmal sind es auch kontrovers geführte Gespräche. Unsere Große vertritt dabei gerne „linke“ Thesen und nimmt – stark vereinfacht gesagt – an, dass alle Personen, egal welcher Herkunft und welcher Weltanschauung, eigentlich integrierbar sind. Man müsse nur die Bemühungen verstärken. Gerne halte ich dann – schon aus Prinzip – dagegen: Es gebe Grenzen der Integration und ganz sicher auch Personen, deren Weltanschauungen, Ansichten und ultrakonservative Ansichten unsere Gesellschaft überfordern und damit der Sache nichts Gutes tun.

Jung vs. alt

Und damit kommt wieder eine beliebte These ins Spiel: Junge Menschen sind idealistisch, ältere Menschen hingegen verhärtet in ihren Ansichten. Das mag sein, aber so einfach ist es aus meiner Sicht nicht. Es braucht den Diskurs, den Austausch, das Dazwischen. Es gilt Ansichten herauszufordern, und zwar auf beiden Seiten.

Der feurigen Naivität der jungen Menschen gilt es rationale Abgebrühtheit entgegenzustellen.

Das heißt: Die Ansichten der Jungen herauszufordern und sich selbst auch nicht unbeirrt und starr zu geben. Gut möglich nämlich, dass genau der idealistische Eifer von jungen Menschen etwas in Bewegung bringt und die kalte Ratio doch noch zum Auftauen kommt. So geschieht Austausch!

Toleranz ist kein Automatismus!

Doch zurück zur Sache: Als Familie sind wir tolerant, weltoffen, wollen aber insgesamt nicht alles hinnehmen. Aber nicht deshalb, weil wir nicht tolerant oder weltoffen wären, sondern weil wir der Meinung sind, dass Toleranz auch zu weit gehen kann und sich damit ins Gegenteil verkehrt.

Wer alles toleriert, toleriert auch intolerante Ansichten!

Wer allzu offen für alles ist, der wird wohl oder übel auch Strömungen und Weltanschauungen offen begegnen, deren Ziel es ist, genau diese propagierte, offene Gesellschaft in Frage zu stellen.

Was wir unseren Kindern also beibringen wollen: Seid offen, aber lasst es nicht zu, dass eure Offenheit ausgenutzt oder gar, dass kollektive Offenheit und falsch verstandene Toleranz Schritt für Schritt zu einer Gesellschaft führt, in der Toleranz und Offenheit keine entscheidenden Leitkategorien sind.

Lasst es nicht zu, dass es sich zum Schlechten hin verändert, nur, weil man allzu Gutes wollte!

Fazit

Jedenfalls bin ich überzeugt, dass auch in Zukunft mehr oder weniger tiefgründige Gespräche am Frühstückstisch geben. Und ich bin überzeugt, dass diese oftmals auch schwierigen Gespräche fruchten werden. Denn fast noch wichtiger als Toleranz ist die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Positionen so umzugehen, dass man ihnen wahlweise etwas entgegen halten kann, dass sie entkräftet oder sie wahlweise geschickt unterfüttert und ihnen damit zu Aufwind verhilft.

Wichtig auch stets zu hinterfragen, wo man selbst steht.

Nichts ist schlimmer als eine Person, die ihre eigene Position unterhinterfragt und unreflektiert einfach so in den Raum stellt. Wenn wir einen kleinen Beitrag dazu leisten können, dass unsere Mädels ein wenig anders agieren, dann haben wir uns unserer Sicht schon viel erreicht.

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