Mut wächst leise: Wege, wie Eltern schüchterne Kinder unterstützen

Ein Text aus der Serie:„Erziehung ist (k)ein Kinderspiel!“

Wie können wir Kindern helfen, ihre Schüchternheit zu überwinden? Ein kleiner Moment im Supermarkt – und ein großes Gefühl von Überforderung. Was schüchterne Kinder wirklich brauchen, ist nicht Druck, sondern Verständnis. Dieser Beitrag zeigt, wie Eltern mit Geduld und emotionaler Annahme das Selbstbewusstsein ihres Kindes stärken können.

Die Wurstsemmel

Szene im Supermarkt, Feinkost: Der schüchternen Erwin, 7, möchte eine Wurstsemmel. Sein Vater meint: „Komm, stell dich an, ich hole inzwischen Milch.“ Als Erwin an die Reihe kommt, traut er sich nichts zu sagen und fängt an zu weinen. Sein Vater erscheint und sagt ungehalten: „Jetzt stell dich doch nicht so an. Sag doch endlich, was du willst.“ Jetzt verliert Erwin erst recht die Fassung. Die freundliche Verkäuferin errät die Not des Kindes: „Willst du vielleicht eine Wurstsemmel oder lieber eine Käsesemmel?“ Der Vater, geniert und ungehalten: „Geben Sie ihm eine Wurstsemmel, damit wir Ruhe haben!“

Das Problem? Die prägende Botschaft zwischen den Zeilen lautet eindeutig: „Du bist unfähig!“

Gefühle akzeptieren statt Ausreden

Ein anderer Vater oder Mutter würde vielleicht meinen: „Du brauchst dich doch nicht zu fürchten! Da kann doch nichts passieren!“ Oder: „Komm mach schon! Da ist doch nichts dabei!“

Auch solch „tröstliche“ Aussagen vermitteln die Botschaft

„du bist ein Trau-mich-nicht“.

Der Vater bestätigt durch seine mitleidige Reaktion das schwache Selbstbild des Sohnes. Durch solch gut gemeinte, ungeduldige oder ungehaltene „Sei nicht so...“ Aussagen erreichen Eltern das Gegenteil: Das Kind wird noch unsicherer, fängt womöglich an zu stottern – und ein schwer zu durchbrechender Kreislauf könnte seinen Anfang nehmen.

Schämen Sie sich nicht für die Schwächen Ihres Kindes!

Zu den eigenen Schwächen stehen ist in Wirklichkeit eine Stärke. Ihr Kind in seiner Schüchternheit oder anderen Schwäche zu akzeptieren, ebenso. Das baut auf, gibt emotionalen Halt.

Der Vater hätte einfach nur ein wenig Geduld gebraucht, um abzuwarten, bis Erwin die Frage der Verkäuferin auf seine Weise beantwortet. Er könnte auch nachfragen: „Hast du dich schon entschieden? Willst du eine Wurstsemmel mit Gurkerl?“

Lassen Sie Ihrem Kind die Zeit, die es benötigt, um für sich selbst zu sprechen, auch dann, wenn andere Kunden hinten angereiht sind. Meist geht es doch nur um Sekunden oder um wenige Minuten. Wenn Sie das Gespräch übernehmen, dann auch mit viel Taktgefühl. Das Wichtigste ist es, dem Kind emotionale Sicherheit zu geben.

Ernst nehmen und Verständnis zeigen

Wie alle Menschen, so sind auch Kinder von Natur aus verschieden. Es gibt die frechen und mutigen, die introvertierten und schüchternen, die lauten und die leisen. Wenn wir das Verhalten eines Kindes ändern und Entwicklung fördern wollen, müssen wir es zunächst einmal dort abholen, wo es gerade steht.

Das Kind braucht die Gewissheit, dass es so, wie es gerade ist, geliebt und angenommen wird - anstatt „Gefühle auszureden“, auch nicht zum Trost. Durch emotionale Annahme, Verständnis ohne Mitleid, lernt das Kind, zu sich selbst zu stehen und Kraft zur Überwindung seiner Schwierigkeiten zu finden.

Emotionale Annahme stärkt das Selbstbewusstsein des Kindes

Denn so vermitteln Sie Ihrem Kind: „Ich nehme dich ernst und trau dir zu, dass du damit klarkommst!“ Solche Botschaften bauen auf, denn sie enthalten „Vitamin C“ zur Stärkung des kindlichen Selbstbewusstseins.

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Ein Artikel von

Portraitfoto Maria Neuberger-Schmidt

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