Mein Vorschulkind spielt nur. Reicht das als Vorbereitung für die Schule?

Kennst du das? - Die letzten Ferienwochen brechen an, der Schulstart naht – dein Kind ist bald ein Schulkind. Ein großer Übergang, für alle! Und plötzlich schleicht sich vielleicht eine Unruhe ein, wenn du dein spielendes Kind siehst. Sind wir genug vorbereitet? Sollten wir nicht vielleicht mehr üben? Sollten wir unser Kind irgendwie „vorbereiten“? Kann es alles, was es brauchen wird?

Ich weiß noch so gut: als meine Tochter letztes Jahr in die Schule kam, hatte sie bei den Schnuppertagen in ihrer Schule eine kleine Hausübung mitbekommen, und zwar sollte sie eine Tigerente ausmalen (da sie in die „Tigerenten-Klasse“ kommen würde). Den ganzen Sommer lag diese Tigerente, unangetastet – obwohl meine Tochter sehr gerne malt – auf der Kommode im Wohnzimmer, quasi als „Mahnmal“. Je mehr ich sie erinnerte, umso mehr wurde die Tigerente gemieden. Ich weiß noch so gut, wie ich anfangs ganz entspannt mir, aber mit fortschreitenden Wochen immer mehr bei einem Gedanken ertappte: „Na das fängt ja super an! Meine Tochter wird die Einzige sein, die bereits am Schulanfang ihre Hausübung nicht gemacht hat.“ (Da denke ich mir gerade: Wer bereitet uns eigentlich auf den Schulanfang vor? – Auch sehr spannend!)

Dieser Impuls, den ich in mir spürte, und den du vielleicht auch kennst, ist eigentlich ein zutiefst menschlicher. Er kommt aus der Liebe und aus dem Wunsch, alles richtig zu machen. Und aus dem Wunsch, dass es das eigene Kind leicht haben wird. Dieser Wunsch wird uns sicherlich die gesamte Schulzeit begleiten und nicht immer wird er sich mit dem Verhalten unseres Kindes decken.

Und das ist gut so:

Denn es ist der Weg unseres Kindes, und nicht unserer.

Wir dürfen natürlich da sein, aber wir dürfen (in der Regel) auch von Anfang an lernen, uns immer wieder zu entspannen und in die Entwicklung unseres Kindes zu vertrauen. Denn wenn dein Kind jetzt, in den Wochen vor seinem allerersten Schulstart vor allem eines macht, nämlich spielen, macht es alles richtig! Denn genau das, und einige andere Punkte, die wir uns im Artikel anschauen, ist gerade die beste Vorbereitung, die du ihm mitgeben kannst.

Was im Spiel wirklich passiert

Wenn dein Kind spielt, übt es all das, was es später auch in der Schule braucht: Es verhandelt Regeln mit anderen Kindern, es hält aus, wenn der Turm zusammenfällt, es bleibt lange (oder immer länger) bei einer Sache, die es interessiert, es schlüpft in Rollen, es löst Konflikte, es probiert etwas so oft, bis es klappt. Von außen sieht das nach „nur spielen“ aus, es ist aber pures Lernen. Die Welt der Kinder findet im Spiel statt.

Und Freude ist die Grundlage für alles.

Wenn dein Kind mit Freude bei der Sache ist, bleibt es dran, traut sich mehr zu, speichert Erfahrungen tiefer ab, als wenn es unter Druck etwas „leisten“ soll. Das gilt fürs Spielen genauso wie fürs Lernen. Im Vorschulalter lässt sich das ohnehin kaum trennen. Ein schulbereites Kind ist also nicht unbedingt das Kind, das schon möglichst viel kann. Es ist vor allem das Kind, das neugierig ist und mit Freude in die Welt geht.

Was wir sehr wohl (spielerisch) tun dürfen


Verantwortung und Selbstständigkeit fördern

Was wir sehr wohl tun dürfen, ohne gleich in Überaktionismus zu verfallen ist, unserem Kind nach und nach Verantwortung und Selbständigkeit zuzutrauen. Aufgaben selbständig lösen können, für etwas verantwortlich sein, sich eine Zeit lang konzentrieren, mit anderen zusammenarbeiten. All das ist wichtiger, als sich auf Buchstaben und Zahlen zu konzentrieren, weil es die Grundlage für alles andere bildet. Und all das übt dein Kind diesen Sommer ganz spielerisch mit – zum Beispiel so:

  • Gib ihm kleine Aufträge beim Einkaufen.
  • Lass es eine kleine Sommeraufgabe ganz allein übernehmen – etwa eine Woche lang die Blumen gießen als „Pflanzen-Expertin“.
  • Mach es zum/zur „Ausflugsmanager:in“: Es packt seinen eigenen Rucksack und denkt mit, was für den Ausflug gebraucht wird.
  • Spielt gemeinsam Schule, besorgt die Schulsachen zusammen, geht oder fahrt mehrmals den Schulweg ab – vielleicht mit einem Eis als kleinem Ritual dabei.

 

Dem Kind Bilder für das Neue geben

Für uns ist Schule etwas Bekanntes. Für unser Kind ist sie etwas völlig Neues – ganz neu.

Es hat keine Referenzen, auf die es sich stützen kann.

Genau deshalb braucht es Sicherheit, indem es sich auf etwas einstellen kann: Wie sieht ein Schultag ungefähr aus? Was passiert in der Pause? Wo ist das Klo? Für diese Dinge innere Bilder zu haben, kann helfen, Sicherheit zu gewinnen. Die inneren Bilder könnt ihr durch das Lesen von Büchern oder das Spielen (z.B. mit Kuscheltieren) erzeugen – vielleicht gab es bei euch sogar Schnuppertage in der Schule, das hilft auch gut.

Was dein Kind selbst am meisten beschäftigt, sind oft ganz andere Fragen als deine: Finde ich Freunde? Ist die Lehrerin nett? Darf ich Fehler machen? Nimm genau diese Fragen ernst – das ist wertvoller als jede Übungsmappe.

Und eine kleine Bitte dabei: Achte auf Sätze wie „Das müssen wir jetzt noch machen, weil das geht dann nicht mehr, wenn du in die Schule gehst.“ Sie bauen unbewusst Druck auf und malen die Schule als Ort, an dem etwas endet, statt als Ort, an dem etwas Neues beginnt.

Lass die Ambivalenz da sein

Ein Schulstart ist für dein Kind nicht nur Vorfreude. Es ist auch Abschied – vom Kindergarten, von vertrauten Bezugspersonen, von einem Alltag, den es gut kennt. Neben Neugierde und Aufregung darf also auch Trauer da sein, oder ein „Ich will eigentlich gar nicht.“ Oder Wutanfälle, Frust, Angst.

Wenn du all das da sein lässt und gemeinsam mit deinem Kind darüber sprichst, fühlt es sich verstanden – statt allein mit einem Gefühlscocktail, den es selbst noch nicht einordnen kann.

Ambivalenz gehört dazu – bei einer Veränderung sind alle Gefühle normal.

Den ersten Schultag planen

Der erste Schultag darf für dein Kind besonders sein – er muss aber kein großes Event werden. Je größer du feierst, desto mehr kann es auch verunsichern. Wie wenn wir unseren neuen Job am ersten Arbeitstag mit allen Freunden und Verwandten feiern – aber noch gar nicht wissen, was auf uns zukommt.

Frag gerne dein Kind, was es an dem Tag gerne machen möchte und wer dabei sein soll. Meine Tochter hat sich beispielsweise ein großes Familienfest gewünscht, weil sie es bei anderen Kindern aus unserer Familie miterlebt hat. Wir haben das Fest dann nicht am ersten Schultag, sondern schon eine Woche vor Schulbeginn gefeiert.

Der Tag selbst ist meist genug, es braucht keinen großen Ausflug und kein Familienfest. Und auch bei der Kleidung gilt: lieber das, worin sich dein Kind wirklich wohlfühlt, als das schöne Outfit, das auf den Fotos gut aussieht.

Darf mein Kind jetzt also „einfach spielen“?

Ja!

Wenn dein Kind diesen Sommer vor allem spielt, tobt, sich langweilt und kleine Abenteuer erlebt – dann macht es genau das Richtige. Nicht das Können macht ein Kind schulbereit, sondern das Vertrauen, dass es Neues bewältigen kann. Und dieses Vertrauen wächst nirgends so gut wie im freien Spiel und in einer Begleitung, die Sicherheit gibt, ohne die Kontrolle zu übernehmen.

Podcasttipp

Wenn du mehr zum Thema hören möchtest: in der Folge 47 unseres Podcasts „Willkommen im Familiennest" sprechen wir ausführlich über den Schulstart im Familiennest und wie wir unsere Kinder dabei gut begleiten können.
Hören kannst du unseren Podcast überall da, wo es Podcasts gibt!

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Ein Artikel von

Portraitfoto Barbara Grütze

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