Loslassen lernen: Elternsein im Wandel
Es kommt mir vor wie gestern: Ich kümmerte mich um Windeln, ausreichend Schlaf und Kinderkrankheiten. Heute geht es um Schulwechsel und Matura. Doch was bedeutet das für mich?
Jede Phase im Leben als Elternteil hat seine Schönheiten
Und seine Herausforderungen. Nicht zuletzt auch seine Momente, an denen es schlicht zum Verzweifeln ist und man nicht mehr so reicht weiß, ob sich das alles stemmen lässt.
Angesichts dieser Umstände, dass jede Phase sowohl schön als herausfordern ist, kommt man kaum mehr damit nach, sich auf das Vergehen dieser Phase, das Übergehen in eine andere und auf die Zeit an sich zu konzentrieren. Statt auf den Prozess, haben Eltern ja verständlicherweise ihren Fokus auf das Hier und Jetzt, auf den Tag, auf die vielen einzelnen Momente und zahlreichen Hürden auf dem Weg zum Erwachsenwerden des Nachwuchses.
Obwohl ich mir dieser Tatsache bewusst bin, überrascht mich dennoch, wie schnell die Zeit vergangen ist. Mittlerweile haben wir eine Maturantin zuhause, die demnächst 18 Jahre alt wird.
War es nicht so, dass ich sie erst vor nicht allzu langer Zeit aus dem Krankenhaus abgeholt und im Maxi-Cosi nach Hause gebracht habe?
Irgendwie schon. Aber irgendwie natürlich auch nicht.
Zeit zum Loslassen
Damit einher geht eine Frage, die man sich unweigerlich stellt: War man zu wenig aufmerksam, zu sehr aufs Funktionieren ausgerichtet, zu sehr darauf, alles richtig zu machen, oftmals bis hin oder über die Belastungsgrenze hinaus?
Hätte man die Zeit, in der sie „klein waren“ mehr genießen sollen?
Oder ist es ohnehin normal, dass sich spätestens im Matura-Kontext das Gefühl einstellt, dass einem das eigene Kind gewissermaßen durch die Finger gleitet und es nicht und nicht gelingen will, sie zu fassen und zu verstehen?
Jetzt jedenfalls scheint es langsam Zeit zum Loslassen zu sein.
Zeit zum Zurückblicken und Momente Revue passieren zu lassen. Bewertungen sind in gewisser Weise müßig: Was schief und was gut gelaufen ist, mag vielleicht das Definieren, was die Tochter in ihrer Person ausmacht und prägt, doch es lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Allerhöchstens wäre es noch Zeit zum gemeinsamen Zurückblicken. Ob das mit einem sachlich-nüchternen Blick passiert oder nostalgisch-verklärt, liegt letzten Endes an der Präferenz und am Temperament der jeweils handelnden Akteure.
Doch was tun wir jetzt in dieser Phase, die sich am besten als Maturastress-Phase beschreiben lässt? Noch „genießen“, so sehr auch dieser Zeitraum von Herausforderungen und möglichen Verwerfungen geprägt sein wird? Womöglich. Auch hier wird man im Anschluss ein ambivalentes Gefühl haben.
Erleichterung und das Gefühl mehr „auszukosten“
Ersteres ein Gefühl der Erleichterung, dass man als Familie auch diese Phase recht gut und ohne größere Misstöne und Verwerfungen gemeistert hat. Andererseits wird man aber auch hier das Gefühl nicht loswerden, dass noch präsent dabei zu sein besser gewesen wäre. Sprich, wie hier bereits beschrieben: Es wäre wohl sinnvoller gewesen, mehr „auszukosten“, mehr zu begreifen, dass diese Phase wie fast alle anderen vorangegangenen Phasen Zeitraum sind, die so nicht wiederkommen.
Doch was ist jetzt mit der Eingangsfrage, die implizit formuliert wurde? Mache kleine Kinder kleine Sorgen und große Kinder großen Sorgen. Diese Frage kann ich so nicht beantworten. Die Fragestellungen werden womöglich komplexer, komplizierter. Dafür bekommt man aber mehr Schlaf und muss sich nicht mehr aufs bloße Befriedigen von unmittelbaren Bedürfnissen fokussieren.
Man hat zudem auch mehr Freiheiten und es ist oftmals mit der Aufgabe getan, den mittlerweile so gut wie erwachsenen Nachwuchs zu ermächtigen, Dinge selbst zu tun und ihm gegebenenfalls mit Rat und Tat dabei zur Seite zu stehen. Der Alltag funktioniert also bereits recht autonom, es ist nicht mehr unmittelbare Aufgabe von Vater oder Mutter, bei jedem Schritt dabei zu sein mit der Verantwortung, dass sich das Kind nicht anstößt, verletzt oder etwas in den Mund nimmt, was es nicht in den Mund nehmen sollte.
