Erziehung ist (k)ein Kinderspiel - Geschwisterrivalitäten: „Die hat mehr als ich!“
Im Bemühen, es allen Kindern recht zu machen, werden Eltern manchmal ganz schön vor den Karren geschwisterlicher Eifersucht gespannt und durch das unschuldige, aber geschickte Erzeugen von Schuldgefühlen von ihren Kindern manipuliert.
Jan (7) und Julia (5) sind stets eifersüchtig darauf bedacht, nicht zu kurz zu kommen: „Die hat neue Schuhe und ich nicht!“, „Der darf zu seinem Freund gehen und ich nicht!“, „Mit mir schimpfst du, wenn ich Mist mache und mit ihr nicht!“ Jedes Stück Torte wird zu einem Problem. Das Familienklima wird durch ständiges nervenaufreibendes Geplänkel beeinträchtigt. Von geschwisterlicher Eintracht ist selten etwas zu spüren: Oft vermitteln Jan und Julia das Bild von Erzrivalen. So sehr sich die Eltern bemühen, sie sind stets in der Zwickmühle, es allen recht zu machen.
Sich nicht in den Karren kindlicher Rivalitäten einspannen lassen
So paradox es sich auch anmuten mag: oft ist die Lösung das Problem! Wie ich das meine? Gerade weil diese Eltern sich so sehr bemühen, es allen recht zu machen, heizen sie den Konkurrenzkampf damit erst richtig an! Wo steht geschrieben, dass jedes Kind gleich viel haben muss? Nach dem Gießkannenprinzip? Dass man jedes Kind gleich behandeln muss? Dass Eltern immer gerecht sein müssen? Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!
Absolute Gerechtigkeit gibt es nicht!
Wichtig ist das für Kinder spürbare Bemühen der Eltern um Gerechtigkeit. Das kommt an erster Stelle. Trotzdem kommt man manchmal an seine Grenzen und kann Kindern ruhig auch sagen „Das Leben ist ungerecht. Ich schaffe das nicht!“ Oder: „Das Wetter ist auch nicht alle Tage gleich. So ist es auch bei mir: Einmal habe ich einen guten Tag, ein anderes Mal bin ich nervös oder angespannt. Daher reagiere ich auch nicht immer gleich.“
Die Not des Kindes erkennen
Nach so einer schnippischen Ansage, die dazu dient, kindlichen Vorwürfen entgegenzutreten, ist es jedoch wichtig, die dahinter liegende Not des Kindes zu erkennen:
- „Was stört dich wirklich daran?“
- „Fühlst du dich benachteiligt, wenn ich deinem Bruder erlaube, mit der Hausübung später zu beginnen?“
- „Findest du, ich war damals strenger zu dir, als jetzt mit ihr, als sie (10 Jahre) zu spät nach Hause kam?“
Zeigen Sie Verständnis, suchen Sie nach Lösungen und entschuldigen Sie sich auch einmal, aber lassen Sie sich nicht von spitzfindigen Anschuldigungen manipulieren. Vielleicht ist auch eine Familienkonferenz angesagt, wo jeder seine Wünsche, Beschwerden, Anfragen einbringen kann, ernst genommen wird und man gemeinsam nach Lösungen sucht.
Individuelle Bedürfnisse achten
Es kommt nicht darauf an, dass Sie Ihre Kinder gleich behandeln, sondern dass Sie individuell und wertschätzend auf sie reagieren und ihre Bedürfnisse und Gefühle ernst nehmen. Statt darüber zu streiten, wer mehr hat, sollte die Frage lauten: „Wie viel brauchst du? Jedes Kind darf sich nehmen, bis es satt ist.“ Dann erübrigt sich der Vergleich.
Oder: „Mehr davon gibt es nicht: einigt euch, wie ihr es aufteilen wollt!“
Dann sind nicht die Eltern für die Lösung verantwortlich, sondern die Kinder selbst. Die Eltern achten lediglich auf faire Spielregeln. Bei der Torte hat sich bewährt: der eine teilt, der andere wählt.
Konfliktpotenzial schon im Vorfeld neutralisieren
Lassen Sie Eifersüchteleien erst gar nicht aufkommen lassen, indem Sie wertschätzend informieren: „Dein Bruder braucht wieder eine neue Hose, weil seine zu klein geworden ist. Verstehst du das?“ oder „Deine Schwester braucht eine neue Brille, du aber nicht. Fühlst du dich benachteiligt?“ Da bekam ich zur Antwort: „Ist schon OK, liebe Mama. Ich weiß, wir haben nicht so viel Geld.“ Manchmal gab es stattdessen eine kleine Belohnung, zum Beispiel ein neues Notizbuch, als Zeichen von Anerkennung aber nicht als Anspruch.
Kindern ist es vor allem wichtig, nicht übergangen zu werden.
Kinder müssen spüren, dass ihre Bedürfnisse und Bemühungen nicht als Selbstverständlichkeit abgetan werden. Außerdem kann man Kinder schon früh in Problemlösungen einbeziehen und sie dadurch zu Partnern machen.
Großherzigkeit zumuten
Ihre Regel könnte lauten: „Ich will euch zu Fairness und Großzügigkeit erziehen und nicht zu kleinlichen Egoisten. Deshalb wünsche ich mir, dass ihr es einander gönnt, wenn einer einmal einen Vorteil hat und der andere nicht, ohne vor Neid zu erblassen.“
