Anders fühlen, anders wahrnehmen: ein Blick auf Autismus bei Kindern
Viele Kinder im Autismus Spektrum verarbeiten Sinnesreize, soziale Informationen und Veränderungen anders als neurotypische Kinder. Geräusche, grelles Licht, Menschenmengen oder soziale Interaktionen sind anstrengender und nicht so selbstverständlich. Für Eltern ist das oft schwer einzuordnen, in früher Kindheit wollen sie manches Verhalten möglicherweise noch als Entwicklungsschübe erklären und trotzdem bleibt vielleicht etwas, das nicht in das restliche Bild passt.
Dieser Artikel soll einen Einblick geben, was hinter dem Autismus Spektrum steckt, wie sich Wahrnehmung unterscheiden kann und das Verstehen der autistischen (Er-)Lebenswelt fördern.
Was Autismus bedeutet
Das Autismus Spektrum ist keine einheitliche Erscheinung, die sich bei jeder autistischen Person auf dieselbe Art und Weise äußert. Die Art der Wahrnehmung und der Wahrnehmungsverarbeitung als auch die Merkmale sind sehr individuell und unterscheiden sich deutlich von neurotypischen Mustern.
Im Alltag können sich diese Unterschiede in verschiedenen Bereichen zeigen. Sie betreffen vor allem soziale Interaktion, den Umgang mit Sprache, sensorische Erfahrungen, das eigene Körpergefühl und teilweise auch die motorische Entwicklung.
Wichtig dabei ist, dass Autismus keine Frage der Erziehung ist und auch keine Entscheidung des Kindes. Es beschreibt eine Art und Weise, wie das Gehirn Reize verarbeitet und auf die Außenwelt reagiert.
Wie sich Autismus im Alltag zeigen kann
Viele Merkmale zeigen sich bereits im frühen Kindesalter, manchmal mehr und manchmal weniger.
- Manche Kinder vermeiden Körperpflege, weil sie sehr empfindlich auf sensorische Reize reagieren. Der Übergang von „Ich bin trocken“ zu „Ich bin nass und muss mich dann noch mit einem Handtuch abtrocknen“ kann überwältigend sein.
- Eingeschränktes Essverhalten aufgrund unerwarteter Konsistenzen, Beschaffenheiten und Geschmack von Essen kann starken Stress oder deutliche Ablehnung auslösen. Viele Menschen im Autismus Spektrum haben ihr „Safe Food“, Essen, das immer gleich schmeckt, aussieht und viel Verlässlichkeit mit sich bringt.
- Es können sich stereotype Bewegungen zeigen, wie etwa Wippen, Händeflattern oder wiederholte Bewegungen mit Gegenständen. Dieses sogenannte Stimming kann helfen in Stresssituationen das Nervensystem zu regulieren. Manche dieser Anzeichen sind sofort erkennbar manche können aber auch weniger offensichtlich sein.
- Auch die Kommunikation kann anders sein. Manche Kinder vermeiden Blickkontakt oder zeigen wenig Mimik, haben Schwierigkeiten Ironie oder Doppeldeutigkeiten zu verstehen oder das Sprechen bleibt ganz aus.
- Viele entwickeln ein tiefes Wissen in bestimmten Interessensgebieten und beschäftigen sich über lange Zeit sehr intensiv mit diesem einen Thema.
Nicht jedes Kind zeigt alles und nicht jedes Verhalten bedeutet sofort automatisch Autismus. Es ist immer ein Zusammenspiel aus verschiedenen Merkmalen.
Kein Spektrum wie eine Linie
Viele Menschen stellen sich das Autismus Spektrum wie eine Linie vor, von „wenig betroffen“ bis „stark betroffen“. Dieses Bild stimmt so aber nicht.
Viele verwenden zur Veranschaulichung die Metapher eines Kreises oder besser noch eines Tortendiagramms. Verschiedene Bereiche wie Kommunikation, soziale Interaktion, Reizverarbeitung, Routinen oder Selbstwahrnehmung stellen dabei die Tortenecken dar. Jede Tortenecke ist unterschiedlich stark ausgeprägt. So entsteht bei jedem Menschen ein eigenes Profil und kein Kind und kein Mensch im Spektrum ist wie der:die andere.
Sprichwort:
Kennst du eine:n Autisten/Autistin,
dann kennst du eine:n Autisten/Autistin.
Warum Autismus bei Mädchen oft übersehen wird
Auch Mädchen sind im Autismus Spektrum, doch sie werden oft später erkannt oder ihre Merkmale werden zunächst anders zugeordnet. Ein Grund dafür ist, dass sie schon früh beginnen, sich an gesellschaftliche Normen anzupassen um nicht aufzufallen.
Sie beobachten sehr genau, was von ihnen erwartet wird und entwickeln Strategien um möglichst unauffällig zu wirken. Sie imitieren Verhalten und unterdrücken eigene Impulse um sich in sozialen Situationen anzupassen. Dieses Maskieren kostet viel Energie und bleibt oft lange unbemerkt.
Nach außen wirken diese Kinder vielleicht angepasst. Innerlich sind sie jedoch häufig erschöpft oder überfordert.
Was das Nervensystem überlastet
Die Verarbeitung von Reizen ist ein wichtiger Punkt, wenn es um das Autismus Spektrum geht. Viele Kinder nehmen ihre Umwelt intensiver und ungefilterter wahr.
Vereinfacht kann man sich das wie bei einem Filter vorstellen. Neurotypische Gehirne haben einen Filter der Reize abschwächt und aussortiert, ob sie es wert sind eine Stressreaktion auszulösen oder nicht. Bei Menschen im Autismus Spektrum filtert dieser Filter anders, er schwächt Reize nicht so stark ab, diese treffen dann intensiver auf das Nervensystem. Im Laufe des Tages kommen in Summe also viel mehr und stärkere Reize im autistischen Nervensystem an.
Meltdown, Wutanfall und Shutdown verstehen
Ein Meltdown ist keine Trotzreaktion sondern eine unwillkürliche Stressreaktion des Nervensystems auf zu viele Reize und/oder Überforderung. Das Kind verliert die Kontrolle, kann sich nicht mehr regulieren und ist häufig auch nicht mehr ansprechbar. Es geht dabei nicht darum, etwas zu erreichen oder durchzusetzen. Meltdowns sind unabhängig von Entwicklungsphasen und können in jedem Alter auftreten.
Einen Shutdown könnte man als das Gegenteil eines Meltdowns beschreiben. Statt einer sichtbaren Reaktion zieht sich das Kind stark zurück und wirkt wie erstarrt.
Ein Wutanfall hingegen ist meist zielgerichtet. Er entsteht oft aus Frust, Ärger oder wenn Bedürfnisse wie das Streben nach Autonomie nicht befriedigt werden und kann von der Reaktion und der Umgebung beeinflusst werden. Ist das Ziel erreicht, hört der Wutanfall meist auf oder wird schwächer. Oft werden Wutanfälle einer bestimmten Phase der kindlichen Entwicklung zugeschrieben.
Was Kinder in solchen Momenten brauchen, ist Sicherheit, weniger Reize, Ruhe und das Gefühl nicht zusätzlich unter Druck zu stehen.
Vorbeugen statt reagieren
Viele belastende Situationen entstehen nicht plötzlich, sondern bauen sich über den Tag auf. Deshalb hilft es, wenn man Überforderung früh erkennt und versucht zu vermeiden. Das kann bedeuten, dass man Reize bewusster dosiert, Übergänge vorbereitet und vor allem Strategien wie Stimming zulässt, damit sich das Kind selbst regulieren kann.
Stärken im Autismus Spektrum
Bei all den Herausforderungen, die das Autismus Spektrum scheinbar mit sich bringt, geraten die Stärken oft in den Hintergrund. Dabei bringen viele Kinder besondere Fähigkeiten mit. Sie können sehr genau wahrnehmen, arbeiten oft präzise, entwickeln tiefe Interessen und ein beeindruckendes Wissen in ihren Spezialgebieten. Viele Kinder im Spektrum werden als sehr ehrlich, direkt und verlässlich erlebt. Haben sie ein Umfeld, das sie versteht und das Raum schafft, fördert das ein positives Selbstbild und hilft ihnen ihre Stärken zu erkennen und zu entfalten.
Was Kinder im Autismus Spektrum wirklich brauchen
Vor allem eines: Verständnis.
Wenn Eltern und Bezugspersonen beginnen, sich zu informieren und die Zusammenhänge zu erkennen, verändert sich oft der Blick auf das Kind. Verhalten wird dann nicht nur mehr bewertet sondern kann eingeordnet werden und das kann beide Seiten entlasten.
Hilfreich sind klare Strukturen mit verlässlichen Abläufen, ein achtsamer Umgang mit Reizen und Unterstützung durch Fachpersonen, denn nicht jeder hat den gleichen Weg.
Kinder sollen erleben, dass sie richtig sind, so wie sie sind.
Dieser Artikel soll keinesfalls eine Diagnostik oder ein Gespräch mit einer Fachperson ersetzen.
