Schulwechsel: Was ich damals gerne gemacht hätte

Unsere Tochter (14) hat die Schule gewechselt und damit auch ihre inhaltliche Ausrichtung. Eine Möglichkeit, die ich so früher nicht hatte.

Vater Beamter. Mutter Hausfrau. Der Bursch sollte es also später einmal im Rahmen der Möglichkeiten gut haben: Solide Ausbildung, wirtschaftliches Grundwissen, später einmal in einen sicheren beruflichen Hafen einlaufen und dort bestenfalls auch sein Leben lang bleiben.

Dass ich entgegen meiner eigentlichen Interessen – die ich damals natürlich fairerweise gesagt auch selbst noch nicht ganz genau benennen konnte – machte ich also eine wirtschaftlich-kaufmännische Schule und trat alsbald danach in die Fußstapfen meines Vaters.

Das ging ein paar Jahre gut, dann folgte aber der abrupte Kurswechsel.

Doch um diesen soll es hier gar nicht gehen. Sondern vielmehr um Wahlfreiheit und Selbstbestimmung und um einen Zeitgeist, der sich grundlegend gewandelt hat. Ohne die Vergangenheit zu verteufeln und die Gegenwart zu glorifizieren, lässt sich doch sagen, dass im Hier und Jetzt einfach – trotz aller Krisen und sonstigen Ungewissheiten – deutlich mehr möglich ist. Aber vielleicht ist es noch nicht einmal das: Wir leben in Zeiten des Individualismus und der Selbstbestimmung, in denen sich jede Person frei entfallen können soll. Dass das auch Grenzen hat und oft an der Realität des Arbeitslebens zerschellt: Stimmt. Aber dennoch ist die Diagnose zutreffend im Grundbefund.

Familie und Netzwerk

Unsere Tochter ist also auch in diesen Zeitgeist hinein geboren, der auch zur Folge hat, dass Eltern der Selbstbestimmung ihrer Kinder auch so manches opfern. Zeit, Geld, Geduld, Freizeit sind nur einige Aspekte davon. Das soll keine Kritik an diesen Umständen sein. Denn: Natürlich ist der Nachwuchs das höchste Gut und für diesen tut man zu Recht alles im Bereich des Möglichen.

Traditionen sind nicht mehr so wichtig wie früher.

Mit Ausnahme von manchen Ärzte-Haushalten scheint es nicht mehr grundsätzlich so zu sein, dass die Sprösslinge unbedingte in die Fußstapfen der Mutter oder des Vaters treten müssen. Quasi Familientradition und Familienehre. Solche Machtmechanismen – seien sie im Familienkreis direkt und explizit ausgesprochen oder wirken sie auch lautlos aber nicht minder mächtig im Hintergrund – können oftmals zu großem Glück oder auch zu großem Unglück führen.

Glück und Unglück, Freiheit und Wahlmöglichkeit

Sie können glückliche Menschen hervorbringen, weil die Entscheidung über Berufs- und Schullaufbahn weitestgehend abgenommen werden, man sämtliche elterliche Netzwerke und Beziehungen zur Verfügung hat und folglich weniger um die berufliche Anerkennung kämpfen muss als wenn man sich gewissermaßen neu erfindet. Auf der anderen Seite wiederum sind es die Freiheiten, die auch Unsicherheit bedeuten: Hinter diesen Unsicherheiten versteckt sich Glück, weil man weiß, es allein geschafft und vollbracht zu haben. Mehr oder weniger. Das Risiko zu scheitern ist aber nicht gering.

Was hat das nun aber alles mit dem Schulwechsel unserer Tochter zu tun?

Eben, dass ich natürlich nicht mit Neid, aber doch aus einer gewissen Distanz mit Erstaunen auf all die Möglichkeiten blicke, die sie hat. Sie soll glücklich sein, sie soll sich selbst verwirklichen, sie soll ihre eigenen Erfahrungen machen und schließlich ihre eigene berufliche Zukunft definieren. Zugleich verfügt sie über ein solides elterliches Netz: Wenn nicht alles gelingt, dann hegen wir keinen Groll gegen sie. Schon gar nicht würden wir sagen, dass wir es von Anfang an besser gemacht haben. Es ist, wie es ist.

Alle Türen und Möglichkeiten stehen offen. Das ist auch gut so.

Hätte ich es damals so oder ähnlich gewollt? Ja, möglicherweisen. Es waren andere Zeiten und meine Eltern waren und sind andere Menschen. Wir versuchen es nicht unbedingt besser – das wäre eine Wertung – aber zumindest anders zu machen. Mit mehr Freiheit, mehr Geduld, mehr Selbstbestimmungsmöglichkeiten. Ob unser Weg der richtige ist, wird sich weisen. Vielleicht sind es auch zu viele Freiheiten, zu viele Möglichkeiten, so wenig Vorbestimmung?

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