Mein Kind hat Liebeskummer

„Liebeskummer lohnt sich“. Diese reife Aussage stammt nicht von einem bekannten Philosophen und auch nicht aus einem psychologischen Ratgeber, meine 18-jährige Tochter aber, hat sie geprägt, um ihre eigene Traurigkeit zu verarbeiten.

Wenn man vier Töchter hat, lernt man so einiges über Liebeskummer. Das Erste und Wichtigste: Er ist absolut ernst zu nehmen und niemals ins Lächerliche zu ziehen. Zu lieben ist immerhin unser stärkstes, unser menschlichstes und unser gottähnlichstes Gefühl. Also ist auch das Verliebstsein des Kindergartenkindes und die erste Beziehung der Dreizehnjährigen ernst zu nehmen und genauso ihr Kummer.

Wir Menschen sind aufeinander ausgerichtet, wir suchen einander, der größere Teil von uns sucht das andere Geschlecht.  So verliebte sich schon das Kindergarten-Mädchen in den Jungen aus der anderen Gruppe und will ihn unbedingt zur Geburtstagsparty einladen, auch wenn dort sonst nur Mädchen sind. Der arme Junge langweilte sich schrecklich. Aber das Geschenk, das er mitgebracht hatte, ein Teddy mit überdimensionalem Kopf, sitzt noch heute als treuer Begleiter auf dem Bücherregal im Jugendzimmer.

Unvergesslich ist mir der erste Liebeskummer der ältesten Tochter geblieben, denn darauf war ich einfach noch nicht vorbereitet.  Gerade war sie noch ein Kind und dann saß sie heulend auf der Stiege vor ihrem Zimmer.  Ihre Schwestern in tiefer – damals eher seltener- Solidarität vereint versuchten sie zu trösten.

Die Jüngste holte ein Stofftier herbei, die ältere Taschentücher  … Und zum Schluss saß auch ich noch auf der Treppe und habe mitgeweint.

Tränen flossen überhaupt öfter

Unerhörte Liebe, missglückter Anbahnungsversuch, Ärger über „so einen Trottel“, Vernunftgründe, die dagegen sprachen, räumliche Trennungen, Wut und Zorn … alles ist vorgekommen. Requisiten diverser Beziehungsversuche sammelten sich unter dem Bett, auf dem Balkon und im Keller; Tagebücher, getrocknete Rosen, verstoßene Geschenke, ein zerrissenes Ballkleid.  Fotos erschienen auf der Pinwand und verschwanden wieder.  Manch eine Telefonnummer plus der Nummer von seiner Mama –  „zur Sicherheit“-  ist heute noch in meinem Handyspeicher …, in dem der jeweiligen Tochter jedoch schon längst nicht mehr.

Ich weiß, dass ich sehr privilegiert war, meistens zu wissen, um wen es ging und was los war.

Liebeskummer mit der eigenen Mutter zu teilen,  ist einer der größten Vertrauensbeweise, den ein Kind einem schenken kann.

Und gleichzeitig ist es eine Bürde, die man als Mutter auch tragen muss. Es tut echt weh, wenn man zuschauen muss, wie das eigene Kind nichts essen will oder nachts im Schlaf aufheult. Es ist nicht immer einfach zu verstehen, warum jemand den Menschen, den man selber über alles gern hat, auf einmal unmöglich findet. Und es kann auch vorkommen, dass man das eigene Kind nicht mehr versteht, warum es jemanden, der so charmant und nett ist und mit der ganzen Familie gut auskommt, plötzlich nicht mehr ausstehen kann.  In letzterem Fall habe ich nur einmal versucht zu intervenieren und Wogen zu glätten … es war falsch.

Sich einzumischen war überhaupt immer der falsche Weg

Zumindest bei so junger Liebe, da es ja noch nicht um Kinder oder gemeinsamen Besitz ging.  Junge Menschen machen nun mal ein paar Mal den alten Poesie-Album-Reim durch: „Man ist sich fremd, man lernt sich kennen, man hat sich lieb, man muss sich trennen.“ Daran haben weder Facebook, noch Instagram noch WhatsApp, noch Chatfunktionen oder Dating-Apps etwas geändert.

Ich habe nur den Eindruck, es geht durch Social Media alles etwas schneller … aber das kann ein Vorurteil sein.

Immerhin eignen sich moderne Medien genauso dazu, die Tochter, die allein in einer fremden Stadt in der Studentenwohnung hockt, zu trösten und ihr zumindest virtuell nahe zu sein. Trösten ist überhaupt das Einzige, was einem letztlich als Mutter zu tun bleibt: zuhören, in den Arm nehmen oder sonst irgendwie nahe sein und „Ich hab dich lieb“ sagen … ganz, ganz oft.

Alles in allem

Ich muss meiner Tochter recht geben: Liebeskummer kann sich lohnen. Ich habe schwere Stunden mit traurigen Töchtern verbracht und war manchmal schlichtweg überfordert. Aber ich konnte ihnen meine Liebe zeigen, so tief und echt wie selten. Es war ein bisschen wie eine zweite Geburt: schmerzhaft, überwältigend und zugleich der  Beginn einer wunderbaren Freundschaft  zwischen einer jungen Erwachsenwerdenden und eine weiser werdenden Mutter.


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Ein Artikel von

Portraitfoto Kerstin Kordovsky

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