Mein Kind darf scheitern – warum das wichtig für die weitere Entwicklung ist

„Das hat nicht geklappt!“ – fast kein Satz löst bei Eltern so schnell den Impuls aus, einzugreifen, zu trösten oder das Problem sofort zu lösen. Wir wollen unsere Kinder schützen, sie vor Enttäuschungen bewahren und ihnen viele Erfolgserlebnisse ermöglichen. Doch was ist, wenn genau das Gegenteil langfristig hilfreicher ist? Was ist, wenn Scheitern kein Rückschritt, sondern ein entscheidender Baustein für eine starke, resiliente Entwicklung ist?

Als Elementarpädagogin und Psychologin erlebe ich täglich, wie wertvoll es für Kinder ist, Erfahrungen des Scheiterns machen zu dürfen – begleitet, verstanden und reflektiert. Denn Resilienz, also die seelische Widerstandskraft, entsteht nicht durch ständige Erfolge, sondern durch den konstruktiven Umgang mit Herausforderungen.

Scheitern als Lernraum

Wenn ein Kind scheitert – sei es beim Klettern, beim Lösen eines Rätsels oder im sozialen Miteinander – passiert etwas Entscheidendes: Das Kind sammelt Erfahrungen.

Es spürt Frustration, vielleicht auch Wut oder Traurigkeit.

Gleichzeitig öffnet sich ein Raum, in dem das Kind lernen kann, mit genau diesen aufkommenden Gefühlen umzugehen.

Kinder, die erleben dürfen, dass ein Misserfolg nicht das Ende ist, sondern ein Teil des Weges, können mit der Zeit eine innere Haltung entwickeln: Ich kann es nochmal versuchen. Ich finde einen anderen Weg. Diese Haltung ist ein Kernbestandteil von Resilienz.

Warum wir Scheitern oft verhindern wollen…

Viele Eltern tragen unbewusst eigene Erfahrungen mit sich: Leistungsdruck, Angst vor Bewertung oder das Gefühl, nur dann wertvoll zu sein, wenn man „funktioniert“.

Diese Prägungen beeinflussen, wie wir auf unsere Kinder reagieren.

Wenn wir eingreifen, bevor ein Kind überhaupt die Chance hat, selbst eine Lösung zu finden, senden wir – meist ungewollt – eine Botschaft: Ich traue dir das nicht zu. Oder: Fehler sind etwas, das vermieden werden muss.

Doch Kinder brauchen genau das Gegenteil: Vertrauen in ihre Fähigkeiten und die Erlaubnis, Fehler machen zu dürfen.

Resilienz wächst durch Herausforderungen

Resilienz ist kein angeborenes Talent, sondern entwickelt sich durch Erfahrungen. Kinder brauchen sogenannte „bewältigbare Herausforderungen“ – Situationen, die sie fordern, aber nicht überfordern.

Ein Beispiel: Ein Kind versucht, einen Turm zu bauen, der immer wieder umfällt. Wenn wir sofort helfen oder den Turm selbst stabilisieren, nehmen wir dem Kind die Möglichkeit, eigene Strategien zu entwickeln. Lassen wir ihm jedoch Raum, selbst auszuprobieren, erlebt es vielleicht mehrere Misserfolge – aber irgendwann auch den Moment des Gelingens. Und genau dieser Moment ist besonders kraftvoll.

Das Kind lernt: "Ich habe das geschafft. Ich habe nicht aufgegeben."

Die Rolle der Eltern: Begleiten statt „retten“

Scheitern bedeutet nicht, Kinder allein zu lassen. Im Gegenteil: Unsere Begleitung ist entscheidend. Es geht darum, präsent zu sein, ohne sofort Lösungen vorzugeben.

Hilfreiche Haltungen und Äußerungen können sein:

  • Gefühle spiegeln: „Du bist gerade richtig enttäuscht, weil es nicht geklappt hat.“
  • Ermutigen statt bewerten: „Du hast es wirklich oft versucht.“
  • Offene Fragen stellen: „Was könntest du beim nächsten Mal anders machen?“

So unterstützen wir Kinder dabei, ihre eigenen Lösungswege zu entwickeln und Vertrauen in sich selbst aufzubauen.

 

Fehlerfreundlichkeit als Familienkultur

Kinder lernen nicht nur durch direkte Erfahrungen, sondern auch durch Vorbilder. Wie gehen wir selbst mit Fehlern um? Ärgern wir uns lautstark über uns selbst oder können wir sagen: „Das ist mir nicht gelungen, ich probiere es nochmal“?

Eine fehlerfreundliche Haltung im Alltag kann viel bewirken. Wenn Scheitern als normal und menschlich erlebt wird, verliert es seinen Schrecken.

Ein einfacher Satz kann dabei Wunder wirken: „Fehler sind Helfer.“

Langfristige Auswirkungen

Kinder, die lernen dürfen zu scheitern, entwickeln wichtige Fähigkeiten:

  • Durchhaltevermögen
  • Problemlösekompetenz
  • Selbstvertrauen
  • emotionale Stabilität

 

Diese Fähigkeiten sind viel wichtiger für eine weitere stabile Entwicklung als kurzfristige Erfolge oder perfekte Leistungen. Sie helfen Kindern, auch später mit Rückschlägen konstruktiv umzugehen – egal ob in der Schule, im Beruf oder in Beziehungen…

 

Wann Unterstützung wichtig ist

Natürlich gibt es Situationen, in denen Kinder Unterstützung brauchen – besonders wenn sie überfordert sind oder sich dauerhaft entmutigt fühlen. Resilienz bedeutet nicht, alles allein schaffen zu müssen.

Die Kunst liegt darin, sensibel abzuwägen: Braucht mein Kind gerade Hilfe – oder vor allem Vertrauen?

Ein Perspektivenwechsel

Vielleicht hilft es, Scheitern nicht als etwas Negatives zu sehen, sondern als Chance. Eine Chance, die Kindern ermöglicht, sich selbst kennenzulernen, die eigenen Stärken zu entdecken und an Herausforderungen zu wachsen.

Wenn wir unseren Kindern erlauben zu scheitern, geben wir ihnen etwas sehr Wertvolles mit: die Erfahrung, dass sie auch in schwierigen Momenten handlungsfähig bleiben.

Wir schenken ihnen die Zuversicht, dass sie ihr Leben gestalten können – mit all seinen Höhen und Tiefen.

 

Tipp der Redaktion:

Die heurige Internationale Pädagogische Werktagung von 15.-17. Juli 2026 in Salzburg beschäftig sich genau mit diesem Thema: WERT.schätzen

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