Löwenzahn, Pusteblume, Kuhblume, Teufelsblume...

Löwenzahn. Ihr wisst warum er so heißt? Seine Blätter sind gezahnt wie das Maul eines Löwen! Früher, da muss ich noch sehr klein gewesen sein, dachte ich immer, Löwenzahn ist des Löwens Lieblingsspeise. Er hat aber noch weitere Namen. So ungefähr ein paar Hundert, glaub ich. Ich kenne nicht viele davon.

 

Meine Oma mochte ihn nicht. Vor allem nicht in ihrem Garten. „Der gehört ausgestochen!“, stellte sie immer fest, wenn ich vor einem verharrte und überlegte wann er wohl zum Pusten bereit sei.

 

Meine Eltern hatten keinen Garten, wir wohnten in einer Dienstwohnung im ersten Stock. Löwenzahn spielte da überhaupt keine Rolle.

 

Später, ich war jung aber bereits erwachsen, war ich, soweit ich mich erinnern kann, kaum auf gepflegten Wiesen unterwegs. Ich wollte in die Stadt, lebte in der Stadt, genoss die Stadt. Dass es ringsherum wenig grün gab, bemerkte ich wahrscheinlich nicht einmal.

Meine Gedanken beschäftigten sich nicht mit Löwenzahn.

Von der Stadt aufs Land

Dann, ich wohnte hoch oben auf einem Berg in Bayern, war um mich herum alles grün. Genau das Gegenteil kann man sagen. Löwenzahn war bei den umliegenden Bauern nicht sehr beliebt. Er war aber nur einmal im Jahr zum Pusten bereit, und zwar vor dem ersten Grasschnitt. Danach hatte der Löwenzahn nicht nochmal die Chance seine Blüten in kleine Zauberschiffchen zu verwandeln, mit denen seine Samen weite Strecken zurücklegen konnten.

Habt ihr schon mal eine Wiese mit vielen Löwenzähnen in flugbereitem Stadium beobachtet, in die der Wind hineinfährt? Nein? Noch nie gesehen, wie sich ein Strom an Pustesamen auf den Weg macht? Es ist wunderschön mitanzusehen! Ihr solltet euch unbedingt eine Wiese suchen die das zu bieten hat!

Diese Blume hat etwas Magisches an sich, wenn man sie denn Blume nennt.

Nennt man die Pflanze jedoch Unkraut, hat sie etwas Unbarmherziges an sich.
Du hast wenig Chance gegen sie. Sie kommt jedes Jahr und immer und immer wieder und siedelt sich an. Gleichgültig ob es dir recht ist oder nicht.

 

Unterschiedliche Gärten

Von der Rückseite unseres Hauses kann ich auf mehrere Gärten von Reihenhäusern sehen. Ich liebe zwei dieser Gärten besonders, sie sind für mich so gegenteilig, wie Tag und Nacht.

Wo der eine Nachbar den schönsten und perfektesten Rasen – was ist schon ein Golfrasen – sein Eigen nennen möchte, da ist auch nicht ein einziger klitzekleiner Grashalm ein paar Millimeter höher gewachsen als die anderen – ist gleich nebenan, ein kleiner Zaun trennt die Grundstücke, ein wilder Garten. Einer, in dem das Gras erst spät im Mai geschnitten wird, eine Wiese, die wächst wie sie will - auf der alle möglichen Blumen zu sehen sind.
Löwenzähne dürfen stehen bleiben und vermehren sich. Vor vielen Woche hatte er geblüht, es war so wunderbar gelb in des Nachbars Garten!

Manchmal frage ich mich ob der Nachbar mit dem perfekten Rasen den wilden Garten nebenan bemerkt und ob es deswegen Streit gibt.

Als ich mit meiner Familie hier eingezogen bin, gab es wenig Löwenzahn in unserem Garten. „Der gehört ausgestochen!“, sagte meine Mutter zu mir, wenn sie auf Besuch war und wir durch den Garten schlenderten. So ein paar Löwenzahnblüten störten mich jedoch nicht.

Meine Tochter liebte Löwenzahn und manchmal kamen ein paar Blätter davon in den Salat.

Die Ideen unserer Tochter

Eines Tages, sie musste gleich aus der Schule nach Hause kommen und ich hatte das Gartentor im Blick, sah ich sie: Sie pustete mit einer herzallerliebsten Glückseligkeit die Samen von großen Löwenzahnblüten.

Und zwar genau und zielgerichtet auf unsere Wiese!
Komisch, dachte ich. Hat meine Tochter Pusteblumen gesammelt und vorsichtig bis nach Hause getragen, um sie mir zu zeigen? Und nun pustet sie ohne mir Bescheid zu geben?

Warum machte sie sich solche Mühe den Löwenzahn Heim zu tragen?
Pusten konnte sie ja überall!

„Ich wünsche mir Kaninchen“, sagte sie nur, und pustete weiter.

Erst später am Nachmittag wurde ich darüber informiert, dass Kaninchen nun mal am liebsten Löwenzahnblätter fressen und wenn sie sich dann vom Christkind Kaninchen wünscht, dann würden im Frühling zumindest die Löwenzahnblätter schon mal bereit sein.

 

Seitdem hat sich unser Garten verändert

Heuer ist der zweite Sommer nach dem Gepuste, der Löwenzahn ist überall!

„Ich sollte ihn ausstechen“, dachte ich im Frühling laut. „Auf keinen Fall!“, bettelte mein großer Sohn, „ich möchte unbedingt Löwenzahngelee kochen!“

Löwenzahngelee? Dazu benötigt man ja eine ganze Menge gelber Blüten. Woher willst du die nehmen? Wie soll das gehen, fragte ich mich.

Wir beratschlagten lange und ausgiebig. Auf jedem Weg im Umkreis von einigen Kilometern wurden Wiesen und der darauf befindliche Löwenzahnstatus begutachtet. Jedoch welche Wiesenblumen konnte man getrost pflücken? Die auf den gedüngten Wiesen? Wohl eher nicht. Auf der Hundewiese? Keine gute Idee.

 

Aus Nachbars wunderbaren Garten?

Ehrlich gesagt, ich dachte darüber nach ihn zu fragen. Jedoch, so gut kennen wir uns nicht.

"Hallo, Herr Nachbar, ich sehe sie haben so einen wunderbaren Löwenzahnbestand und nun wollte ich sie höflich fragen ob es ihnen etwas ausmachen würde, wenn mein Sohn und ich auf ihrem traumhaft hohen Rasen herumlatschen und ihre schönen Blüten abzupfen. Den zertrampelten Rest können sie ja dann zeitnah mähen bevor das zerdrückte Gras zu schimmeln anfängt."

Ich habe es nicht getan.

 

Die Lösung präsentierte sich ganz von selbst

Es war fast schon einfach. Der Löwenzahn ist nicht nur Blume oder Unkraut. Er ist, wie ich schon erwähnte, eine ganz besondere Pflanze.

Erst regnete es, die Blüten waren kaum zu sehen. Dann kamen drei sonnige Tage. Kaum schien die Sonne, wurden die Blüten sichtbar.


„Siehst du Mama!“, grinste mein Sohn, als er mir ein volles Tablett mit gelben Löwenzahnblüten zeigte. Kaum hatte er die Blüten von allem Grün und den Stängeln befreit, ich gebe zu, es dauerte mehr als eine Weile, da schimmerte es schon wieder gelb auf der Wiese. Also gingen wir nochmal in den Garten und pflückten wieder die Blüten ab.

Das Ganze wiederholten wir auch am nächsten Tag.

Ihr werdet es nicht glauben, das Ergebnis lässt sich sehen: Fast dreißig, mittelgroße Marmeladengläser, sind voller Löwenzahngelee!

Was für eine wunderbare Blume! Ich werde sie nicht ausstechen. Ich lasse das Unkraut stehen!

Unser Löwenzahngelee ist ein Gedicht! So wird’s gemacht:

  • 1 Stück Vanilleschote
  • 100g Löwenzahnblüten
  • 500ml Wasser
  • 600g Gelierzucker
  • 2 EL Zitronensaft

 

Sämtliche grüne Blätter der Löwenzahnblüten entfernen, bis nur mehr die gelbe Blüte übrigbleibt. 500ml Wasser aufkochen und die Blüten darin blanchieren. Danach abseihen und ausdrücken. Den Saft auskühlen lassen. Nun mit 600g Gelierzucker, Zitronensaft und der ausgekratzten Vanilleschote erwärmen und für 4 Minuten kochen lassen. Die Vanilleschote entfernen, das Gelee heiß in Gläser füllen und diese sofort verschließ

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