Einsamkeit nach der Geburt: 8 Tipps für mehr soziale Kontakte als junge Mutter

Hören wir das Wort Einsamkeit, denken wir automatisch an kranke oder ältere Menschen. Doch auch Übergangsphasen des Lebens – wie die Geburt eines Kindes - können ein Gefühl von Einsamkeit hervorrufen, da sich vertraute Rollen, Routinen und soziale Kontakte oft schlagartig verändern. So erleben viele Frauen eine widersprüchliche Erfahrung. Sie lieben ihr Kind innig und vermissen gleichzeitig die Freiheit ihren Interessen nachzugehen und damit verbunden das Gefühl sozialer Verbundenheit.

Im Gespräch mit Frau Mag.a Felicitas Jakobsen, Klinische-, Gesundheits-, Neuro- und Gerontopsychologin.

Allein in der Karenz

Ist der erste Ansturm an Besuchen erst einmal vorbei, fühlen sich viele Mütter mit der neuen Verantwortung plötzlich erstaunlich allein. Die ersten Monate mit dem Baby sind eine Zeit großer Liebe, aber auch großer Umstellung. Der Alltag richtet sich nach den Bedürfnissen des Babys und Schlaf, Spontanität sowie soziale Kontakte treten oft in den Hintergrund. Freundschaften verändern sich, Treffen zu organisieren wird komplizierter und unsere Tage sind geprägt von Fürsorge, Haushalt und wenig Austausch auf Augenhöhe.

Gefühle wie Erschöpfung, Einsamkeit oder Abgeschnittenheit von der Außenwelt werden mit Scham verbunden. Denn gesellschaftlich gilt die erste Zeit mit Baby oft als pures Glück. Gedanken wie „Ich müsste doch glücklich sein.“ oder „Andere schaffen das doch auch.“ sind daher keine Seltenheit. Aus Angst, als undankbar, überfordert oder „keine gute Mutter“ wahrgenommen zu werden, kommunizieren viele Frauen ihre Gefühle nicht, wodurch sich die Einsamkeit noch zusätzlich verstärkt.

8 Schritte auf dem Weg zu erfüllenden Beziehungen als junge Mutter

Ich erinnere mich noch gut an eine Nachbarin, die mir erzählte, sie schaffe es einfach nicht, sich mit ihren Freundinnen zu treffen, obwohl diese auch Mütter geworden waren. Denn die Schlaf- und Essenszeiten ihrer Babys waren einfach zu gegensätzlich. Selbst wir sahen uns extrem selten, obwohl wir nebeneinander wohnten, in denselben Park gingen und unsere Kleinkinder im selben Alter waren. „Das ist der Alltag vieler Mütter“, erklärt mir Jakobsen. Im Gespräch bat ich sie um „8 Tipps für die Aufrechterhaltung emotional wertvoller Freundschaften mit Baby“.

# 1 Sich die eigenen Gefühle eingestehen: Ich bin O. K.

Der erste Schritt aus der Einsamkeit sei die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, betont Jakobsen. Viele Mütter schämen sich, trotz Babyglück unglücklich zu sein. Sie wollen ihre Emotionen nicht wahrhaben oder schieben diese auf den Babyblues sowie andere Ursachen.

Wichtig sei die Erkenntnis: Liebe zum Kind und zur Familie sowie empfundene Einsamkeit können gleichzeitig bestehen.

# 2 Ehrlicher Austausch mit dem Ehepartner: Unterstützung suchen

Viele Mütter fühlen sich mit ihrer Verantwortung allein gelassen, obwohl sie das nicht sind. Umso wichtiger ist es, die eigenen Empfindungen und Bedürfnisse authentisch mit dem Partner zu teilen. Anstatt nur den Familienalltag zusammen zu organisieren. Ehrlich zu sagen, „Ich liebe Dich und unser Kind, aber ich brauche auch Zeit für mich“ kann helfen, gemeinsam Lösungen zu finden. Genauso wie sich selbst darüber klar zu werden, was uns wirklich fehlt. Benötigen wir einfach nur mehr Abwechslung, da uns die Decke auf den Kopf fällt? Sind es Erwachsenengespräche, die uns fehlen? Oder vermissen wir die ungestörte gemeinsame Zeit als Paar?

Ich erinnere mich noch gut an die geistige Langeweile, die ich nach dem gefühlt 100erdsten gebackenen Sandkuchen empfand. Obwohl unser Sohn ein absolutes Wunschkind war. Doch was wir damals Belastung empfanden, entpuppte sich im Nachhinein als Segen. Denn durch die unvorhergesehene Kündigung meines Mannes durch die Firma erlebte er das Aufwachsen unseres Sohnes von Anfang an intensiv mit. Und ermöglichte es mir, mein Studium weiterzuführen und auch in der Erwachsenenwelt Kontakte zu pflegen sowie meinen unendlichen Wissensdurst zu stillen.

# 3 Zeit für mich: Qualität vor Quantität

Qualitativ wertvolle Zeit kann helfen, uns wieder eins mit uns selbst zu fühlen. Und seien es nur einzelne Momente am Tag. Dabei geht es weniger um Selbstoptimierung als um die Erfahrung, „Ich bin noch ich, als Frau und Mensch, nicht bloß als Mutter.“ Auch kurze regelmäßige und verbindliche Auszeiten, in denen sich eine liebevolle Person um unseren Nachwuchs kümmert, sind essentiell: Denn erst wenn wir wieder halbwegs in unserer Mitte sind, haben wir die Kraft, uns um soziale Beziehungen zu kümmern.

# 4 Bewusst Beziehungen pflegen: Echt statt perfekt

Mit welchen Menschen war ich vor der Karenz gern zusammen? Welche Freundschaft hält auch Babywindeln, Müdigkeit und eine unaufgeräumte Wohnung aus? Entscheidend ist nicht die Anzahl von Kontakten, sondern Beziehungen, in denen wir uns auch erschöpft, traurig oder überfordert zeigen können. Bewusst in Kontakt zu bleiben mit Menschen, die Kraft schenken und echtes Verständnis vermitteln, ist besonders wichtig, meint Jakobsen. Manchmal reicht schon eine ehrliche Sprachnachricht über die letzte durchwachte Nacht oder jemand, der fragt: „Wie geht es dir wirklich?“. Gute Freundschaften halten oft auch längere Phasen ohne Kontakt sowie neue Lebensumstände aus, so ihre Erfahrung.

# 5 Gemeinsam Hobbys pflegen: Lebenslange Freundschaften aufbauen

Der Austausch mit anderen Müttern kann entlastend sein und das Gefühl vermitteln, „Ich bin nicht allein damit.“ Gleichzeitig tut es vielen Frauen gut, Beziehungen aufzubauen, die nicht ausschließlich ums „Mama Dasein“ kreisen. Gemeinsame Interessen – etwa ein Lauf-Treff mit Kinderwagen, Baby-Yoga, eine Wandergruppe mit Kleinkind oder andere gemeinsame Hobbys – schaffen Begegnungen auf Augenhöhe. „Freundschaften, die auf gemeinsamen Interessen beruhen, tragen langfristig oft besser als Kontakte, die nur durch eine gemeinsame Lebensphase entstehen.“, erklärt Jakobsen. Besonders wichtig sei dabei die Erfahrung, neben der Mutterrolle auch Frau, Freundin und Mensch mit eigenen Bedürfnissen und Interessen bleiben zu dürfen.

# 6 (Professionelle) Hilfe annehmen – sich stärken

Unterstützung anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche – im Gegenteil, betont Jakobsen. Die erste Zeit mit Baby bedeutet oft einen Sprung von „0 auf 100“. Verantwortung rund um die Uhr, viele Unsicherheiten und kaum Zeit, sich auf die neue Rolle als Mutter vorzubereiten. Umso wichtiger ist es, die Erfahrung zu machen, „Ich muss das nicht allein schaffen.“ Ob ein Familienmitglied, die beste Freundin, eine Nachbarin oder der Kinderarzt als verlässliche Ansprechperson – schon kleine Entlastungen können den Alltag spürbar erleichtern. Besonders wichtig sei es, sich bei anhaltender Erschöpfung, Einsamkeit, Überforderung oder Sorgen frühzeitig Unterstützung zu holen. Eltern-Kind-Beratungsstellen oder psychosoziale Beratungsstellen können entlasten, Orientierung geben und helfen, wieder mehr Sicherheit und Verbundenheit im Familienalltag zu erleben.

Als Mutter eines Frühchens hatte ich in den ersten Wochen große Probleme damit, unser zartes, zerbrechliches Baby überhaupt anzufassen. Zu groß war die Angst, es zu verletzen. Die vielen notwendigen Nach-Untersuchungen verstärkten nur mein Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein. Obwohl ich Kinder über alles liebte und jahrelang erfolgreich mit diesen gearbeitet hatte. Erst die mobile Kinderkrankenschwester, die wir als Frühchen-Familien angeboten bekamen, half mir einen liebevollen, zärtlichen und unbefangenen Zugang zu meinem Säugling zu finden. Dies ermöglichte es mir erstmals einen „normalen Familien-Alltag“ sowie ein neues Selbstverständnis als Mutter zu finden.

# 7 Soziale Medien mit Vorsicht genießen

Soziale Medien können Austausch ermöglichen, verstärken aber oft auch Vergleiche und damit verbunden den eigenen Leistungsdruck. Zu schnell entsteht durch Videos das Gefühl, andere Mütter würden alles mühelos schaffen. Daher rät Jakobsen dazu, digitale Medien bewusster zu nutzen. Eine ehrliche Nachricht, ein Videoanruf oder Austausch mit Menschen, die einem Kraft geben. Auch eine gute Balance bei Online- und persönliche Kontakten zu finden, sei wichtig. Denn so praktisch WhatsApp und Video-Calls auch sind, sie ersetzen keine menschliche Nähe.

# 8 Rituale pflegen: Gemeinsame Werte als Basis sozialer Kontakte

Gerade in Zeiten großer Veränderung geben Rituale Halt und schaffen Verbundenheit. Ob das gemeinsame Frühstück am Wochenende, ein fixer Spaziergang mit anderen Eltern, regelmäßige Telefonate mit FreundInnen oder kleine Familienrituale am Abend. Wiederkehrende Momente vermitteln Verlässlichkeit, Nähe und das Gefühl, nicht allein zu sein. „Menschen brauchen Zugehörigkeit und Gemeinschaft, besonders in Übergangsphasen des Lebens“, erklärt Jakobsen. Rituale helfen dabei, Beziehungen bewusst zu pflegen und kleine Inseln von Sicherheit im oft turbulenten Familienalltag zu schaffen. Auch Rituale im Rahmen der Kirche geben Sicherheit durch die Gemeinschaft von Menschen mit ähnlichen Werten.

Als die Wahl der Taufpatin/des Taufpaten anstand, entschied sich mein Mann für seine Nichten, um den Kontakt zur nächsten Generation in der Ursprungsfamilie nicht zu verlieren. Neben engagierten PatInnen gewannen wir einen neuen Familienzusammenhalt und ein soziales Netz für unseren Sohn. Obwohl wir es von Wien aus nur selten nach Oberösterreich schaffen. Denn nach uns gründeten die PatInnen unseres Sohnes kinderreiche Familien und nun ist unser ehemaliges Frühchen der heiß geliebte Anführer, der sich liebevoll um die Kleinen kümmert.

Unterstützungsangebote für Familien:

Calimero

Calimero ist ein Angebot der Caritas, das Familien in sozialen und/oder emotionalen Belastungssituationen begleitet. Familien ohne familiäre Ressourcen werden von Freiwilligenbei der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen unterstützt.

Frühe Hilfen

Psychosoziale Unterstützung und Vernetzung mit regionalen Hilfsangeboten für Werdende Eltern und Familien mit kleinen Kindern.

Selbsthilfegruppen für Eltern

Austausch mit anderen Betroffenen und gegenseitige Unterstützung für Eltern in belastenden Lebenssituationen.

Angebote für Alleinerziehende

Austauschgruppen, Beratung und praktische Unterstützung für alleinerziehende Mütter und Väter.

Onlineberatungen und Telefonangebote

Anonyme und flexible Unterstützung bei Einsamkeit und Überforderung für Eltern und belastete Angehörige

Mag.a Felicitas Jakobsen

Webseite: www.praxis-jakobsen.at

Vortrag:
Von der Einsamkeit zur Verbundenheit: Wege aus der Isolation. Videoaufzeichnung: YouTube-Aufzeichnung des Vortrags

Presse:
„Einsamkeit nimmt auch bei jungen Menschen stark zu: ‚Besonders an den Feiertagen ist eine Tagesstruktur wichtig.“ Salzburger Nachrichten.
Zum Artikel:

Salzburger Nachrichten – Einsamkeit nimmt auch bei jungen Menschen stark zu

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Portraitfoto Regina Madgalena Smrcka

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