Ein Vater-Tochter-Ausflug, oder: Die Jungbrunnenfunktion
Meine Tochter und ich waren gemeinsam bei einem Konzert in München. Bei ihrer aktuellen Lieblingssängerin. Als pflichtbewusster Vater geht man mit - aber es war anders als gedacht.
Vom Chauffeur...
Man kennt es: Eltern, die Kinder zu Konzerten in die nächstgelegene Großstadt kutschieren. Weil es sicherer ist. Weil man wissen will, wo sich die Sprösslinge so rumtreiben.
Und nicht zuletzt ist es ja auch eine Win-Win-Situation: Die Kinder werden dann bereitwillig von der elterlichen Auto-Kutsche wieder sicher nach Hause gebracht.
Auch das kennt man: Eltern, die diesen Wunsch der Kinder zwar erfüllen, dann aber im Auto vor dem Konzert warten oder sich bei einem Getränk oder einem Abendessen die Zeit vertreiben, bis der Nachwuchs euphorisiert und verschwitzt wieder von sommerlich-heißen Veranstaltungslocation ausgespuckt wird.
So manch mutiger Elternteil – obwohl unklar ist ob das Mut, echtes Interesse an der Musik des Nachwuchses oder auch nur Kontrollzwang ist – traut sich mit in die Konzertlocation. Sei es ins Stadion oder in die eine oder andere Halle mittleren oder größeren Zuschnitts.
Dann lässt sich zumeist eines beobachten: Väter oder Mütter stehen meist eher lustlos bis vollkommen eher am Rande der Konzertmeute, während sich die Töchter oder Söhne mitten ins Geschehen begeben und dort mittendrin statt nur am Rande dabei sind.
...zum Fan
Doch es lassen sich auch andere Spezies von Väter oder Mütter beobachten. Solche, die es ihren Töchtern oder Söhnen gleichtun und sich ganz hineinstürzen. Oder, schlimmer noch: Die Spaß im Beisein oder junge Meute haben. Oder, noch ärger: Die sich tanzend mitbewegen, mitsingen oder sogar textsicher sind.
Ob das ein wenig peinlich ist?
Und damit kommen wir zur Sache. Ich war mit meiner Tochter – wie bereits erwähnt – bei einem Konzert in München. Bei ihrer aktuellen Lieblingssängerin. Die Zielgruppe: Irgendwo zwischen 14 und 24 anzusiedeln. Zu 98 Prozent weiblich. Als „mittelalter weißer Mann“ ist das also wohl ein Konzert, dem man nur ungern beiwohnt. Und sich, falls man das doch tut, die Peinlichkeitsfrage selbst stellt.
Zwei Generationen - eine Wellenlänge
Bei mir war es wie folgt: Ich hatte tatsächlich Spaß. Und irgendwann habe ich mir die Peinlichkeitsfrage nicht mehr gestellt. Und tatsächlich kannte ich den einen oder anderen Text in- und auswendig, zumal ich mit meiner Tochter (16) doch hin und wieder im musikalischen Austausch bin und diesen auch als interessant und produktiv empfinde. Was meiner Ansicht nach wohl auch auf Gegenseitigkeit basiert. Zumindest hoffe ich das.
Und: Es fühlte sich gut an! Es begann schon beim Warten vor der Location. Denn natürlich waren wir viel zu früh dran, um möglichst weiter vorne, bestenfalls in der ersten Reihe zu stehen.
Das junge Publikum war freundlich, obwohl ich eindeutig als begleitender Vater zu erkennen war.
Da meine Tochter und ich aber farblich gesehen „matching“ unterwegs war, wurde das durchaus auch mit dem einen oder anderen wohlwollenden Blick quasi kommentiert.
Mittendrin statt nur dabei
Im Konzert drinnen zögerte ich kurz, obwohl ich es zuerst mit meiner Tochter ausgemacht hatte. Wir hatten vereinbart, dass wir beide so weit wie nur irgendwie möglich in den vorderen Reihen stehen würden. Kurz wollte ich mich wieder in eine sichere und wohl auch kühlere Ecke verziehen. Doch dann sprang ich über meinen Schatten.
Erfrischend
Und was soll ich sagen: Es war ein regelrechter Jungbrunnen, von dessen Gefühl und Empfinden ich im Hier und Jetzt und somit beim Schreiben dieses Beitrages immer noch zehre.
Persönlich verstehe ich somit nicht, wieso so manche Eltern und Erwachsene insgesamt eher abschätzig auf junge Menschen und deren Musikvorlieben und Verhaltensweisen herabschauen. Ja, es waren viele Handys mit im Spiel, ja es wurde viel vor Ort „gesnapt“, aber ja, das weibliche Publikum war auch im Hier und Jetzt, ganz in der Gegenwart und begeistert und euphorisiert von einem wirklich tollen Konzert. Und ich durfte Teil davon sein. Wenn das nicht schön ist!
