Die Jugend hört keine Alben mehr – doch was ist mit Taylor Swift?
Kaum war das neue Taylor-Album „The Life of a Showgirl” veröffentlicht, hatten die Swifties auch schon Armbänder zu jedem Song geknüpft und das Album damit zelebriert. Kehr das Album als Format zurück?
Hör-Nostalgie
Leicht ist es, in Kulturpessimismus zu verfallen.
Vor allem, wenn man als Musikhörer schon einiges gehört, gesehen und erlebt hat. Vor allem auch, wenn einem massive Alben wie „The Dark Side of The Moon“ von Taylor Swift oder auch das aktuelle Dreifach-Album „Twighlight Override“ von Jeff Tweedy über die Zeit bzw. aktuell sehr ans Herz gewachsen sind.
Aus der Warte dieses zeitlosen Floyd-Meisterwerks, für das es sich lohnt, gehörig viel Geduld mitzubringen und aus der Warte des üppigen Tweedy-Werkes, das dem Zeitgeist einer immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne diametral entgegenzustehen scheint, ist es leicht, sich über die Hörgewohnheiten von jungen Menschen, Kindern und Jugendlichen abschätzig zu äußern.
Die Herausfordung: die Aufmerksamkeitsspanne
Die These: Tik-Tok und Social-Media verdirbt zwar nicht alles, aber doch vieles. Musik wird gerne und bevorzugt häppchenweise rezipiert, bestenfalls kommen die jungen Hörer dann noch von diesen Snippets in Richtung ganzer Hit-Song. Unter die Räder kommt dabei das Album als Kunstwerk: Als Werk, das genau so vom Künstler gemeint war, dessen Songs einer ausgeklügelten Strategie folgen und das damit genau in dieser Abfolge in Ruhe und andächtig im Ganzen genossen werden sollte.
Kürzer, schneller, vergänglicher
Fakt ist: Es gibt diese Tendenzen bei jungen Hörerinnen und Hörer, zu einer Art des hastigen Musikhören zu neigen. Ebenfalls belegbar ist, dass Songs im Schnitt immer kürzer werden, da sich kaum noch jemand mit ausufernden Liedern auseinandersetzen will. Man ertappt sich als erfahrener aber den aktuellen Popströmungen aufgeschlossener Hörer ja selbst dabei, alte Songs etwas langwierig zu finden und zu glauben, dass es auch kürzer ginge. Dass es kürzer geht und kürzer gehen muss, belegen die gegenwärtigen Charts.
Taylor Swift als Gegenbeweis?
Aber wenn das alles im Grunde zutrifft, was ist dann mit Pop-Phänomen wie Taylor Swift? Sie zertrümmert diese Thesen nämlich ganz gewaltig. 2023 veröffentlicht sie eine Musikvideo zu ihrem Song „All too well“, der es fast auf stolze fünfzehn Minuten bringt und dessen Song mit endlos vielen Strophen fast ebenso lang dauert. Zudem brachte sie einen knapp 90-minütigen Film zu ihrem aktuellen Film in die Kinos, der von Fans begierig aufgesogen wurde.
Und damit noch nicht alles: Jede Songzeile des Albums wird genau seziert, es wird nach versteckten Hinweisen auf andere Songs, auf Liebschaften oder auf Streitigkeiten zwischen Taylor und Charli XCX gesucht und vieles mehr. Von den bereits erwähnten Freundschaftsarmbändern, die zu den jeweiligen Songs passend geknüpft worden sind, müsste ein eigener Artikel geschrieben werden.
Kunst oder Kommerz?
Wie aber ist diese Phänomen Taylor jetzt wirklich einzuordnen? Muss der gesamte Kulturpessimismus über Bord geworfen werden und ist mit Taylor alles wieder gut? Jein, denn Taylor trotz dem Trend, sich auch auf Evidenzen beweisen ließe. Was ebenfalls evident ist: Hinter Taylor Swift steht eine riesige Marketing-Maschinerie – was nicht Schlechtes ist – die genau diese Art der Rezeption befeuert: Jede Wort von Swift zählt, jeder Song, jede Aussage, jede noch so klitzekleine Kleinigkeit aus ihrem Umfeld.
Das alles ist gleichbedeutend mit einem regelrechten Swift-Imperium, in dem alles käuflich zu erwerben ist und alles käuflich ist. Das belegt auch die Tatsache, dass Alben von ihr grundsätzlich in unzähligen, meist limitierten Vinyl-Versionen erscheinen, die der geneigt Swiftie bestens allesamt erwerben sollte.
Fazit
So ist es überaus fraglich, ob Swift die Album-Ästhetik – gedacht als Kunstwerk – retten kann. Vielmehr sind Taylor-Swift-Album – wie alles sonst, was sie verkauft – perfekt durchkomponierte und von einer Marktlogik komplett durchdrungene Produkte. Es gibt kein Außerhalb in diesem Verkaufsuniversum, folglich ist auch jeder Song relevant und jeder Song Teil des perfekten Produkts, das sowohl gekauft als auch ausgiebig konsumiert werden muss.
