9 Wochen Ferien – nicht jede Minute muss besonders sein

Neun Wochen Sommerferien – für viele Kinder klingt das nach Freiheit, Abenteuer und Eis am Nachmittag. Für viele Eltern fühlt es sich dagegen oft nach einer organisatorischen Herausforderung an. Wer betreut die Kinder? Was unternehmen wir? Reicht das, was wir anbieten? Und wie schaffen wir es, Beruf, Haushalt und Familienzeit unter einen Hut zu bringen?

Zwischen Ausflugszielen, Ferienprogrammen und den vielen Bildern in den sozialen Medien kann leicht der Eindruck entstehen, dass jeder Ferientag mit besonderen Erlebnissen gefüllt sein muss. Dabei ist genau das weder notwendig noch hilfreich.

Kinder brauchen keine neun Wochen voller Highlights. Sie brauchen Zeit – und manchmal auch einfach Langeweile.

Der Druck, den Sommer "richtig" zu gestalten

Viele Eltern möchten ihren Kindern schöne Erinnerungen schenken. Das ist ein verständlicher Wunsch. Gleichzeitig entsteht dadurch oft ein hoher Anspruch an sich selbst: Der Sommer soll unvergesslich werden, möglichst abwechslungsreich und voller gemeinsamer Aktivitäten. Doch wenn jeder Tag zu einem besonderen Erlebnis werden soll, wird aus Vorfreude schnell Druck. Nicht nur für Eltern, sondern auch für Kinder, denn ein voller Ferienkalender lässt oft wenig Raum für das, was Ferien eigentlich ausmacht: Entschleunigung. Kinder unterscheiden nicht zwischen einem teuren Tagesausflug und einem Nachmittag, an dem sie mit Wasser, Sand oder Kreide vor der Haustür spielen. Was ihnen in Erinnerung bleibt, ist häufig etwas ganz anderes: das gemeinsame Eis nach dem Spaziergang, das Kartenspiel auf dem Balkon oder das Gefühl, Zeit miteinander gehabt zu haben.

Langeweile ist kein Problem

Viele Eltern erleben es irgendwann in den Ferien: "Mir ist langweilig!" Dieser Satz löst häufig sofort den Impuls aus, eine Beschäftigung zu finden. Dabei ist Langeweile keine Gefahr, sondern ein wichtiger Teil der kindlichen Entwicklung. Wenn Kinder nicht permanent beschäftigt werden, beginnen sie, eigene Ideen zu entwickeln. Sie bauen Höhlen, erfinden Spiele, malen, lesen oder entdecken Dinge, die ihnen vorher gar nicht aufgefallen wären. Kreativität entsteht häufig genau dann, wenn nicht bereits alles vorgegeben ist. Natürlich braucht das manchmal etwas Geduld. Langeweile fühlt sich anfangs nämlich unangenehm an – auch für Kinder. Doch wenn Erwachsene diesen Moment nicht sofort "lösen", lernen Kinder, selbst aktiv zu werden und eigene Lösungen zu finden. Das stärkt ihre Selbstständigkeit und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Qualität schlägt Quantität

Es sind nicht möglichst viele gemeinsame Unternehmungen, die Kindern Sicherheit geben. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Zeit erlebt wird. Eine halbe Stunde ungeteilte Aufmerksamkeit kann für ein Kind wertvoller sein als ein ganzer Tag, an dem alle gestresst sind, weil der nächste Programmpunkt wartet, denn manchmal sind es gerade die kleinen Momente, die Nähe entstehen lassen:

  • gemeinsam Erdbeeren schneiden
  • mit dem Gartenschlauch plantschen
  • ein Buch vorlesen
  • Karten spielen,
  • abends noch eine Runde spazieren gehen.

 

Diese Augenblicke wirken für viele von uns unscheinbar, aber für Kinder sind sie oft genau das, was Familienzeit ausmacht.

Ferien dürfen und sollen auch Alltag sein

So schön Ferien sind – der Alltag verschwindet deshalb nicht. Es muss eingekauft werden, Wäsche wartet, Termine stehen an und viele Eltern arbeiten zumindest einen Teil der Ferien weiter.

Kinder profitieren davon, wenn sie erleben, dass Ferien nicht bedeuten, dass alles perfekt sein muss.

Sie dürfen sehen, dass Familie aus besonderen Momenten besteht, aber eben auch aus ganz normalen Tagen. Gemeinsames Kochen, Pflanzen gießen oder beim Einkaufen helfen sind keine "verlorenen Ferienstunden". Im Gegenteil: Kinder erleben dabei Zugehörigkeit und übernehmen kleine Aufgaben, die ihr Selbstvertrauen stärken können.

Nicht jeder Tag muss unvergesslich sein

Wenn wir Erwachsene an unsere eigene Kindheit zurückdenken, erinnern wir uns oft gar nicht an jeden Ausflug oder jede Attraktion - wir erinnern uns an Gefühle.

  • an den Geruch von Sonnencreme.
  • an lange Abende im Garten.
  • an Wassermelone auf der Terrasse.
  • an das Fahrradfahren bis es dunkel wurde.
  • an das Gefühl, Zeit zu haben.

 

Kinder sammeln Erinnerungen nicht nach dem Motto "je spektakulärer, desto besser". Sie erinnern sich an das, was ihnen Geborgenheit, Freude und Verbundenheit vermittelt hat. Und genau deshalb darf ein Ferientag auch einmal langsam sein. Er darf Pläne haben – oder eben keine.

Auch Eltern dürfen durchatmen

Ferien sind nicht nur eine besondere Zeit für Kinder. Auch Eltern wünschen sich oft Erholung – und erleben stattdessen das Gegenteil. Wer versucht, jede Woche mit Ausflügen, Aktivitäten und Programmpunkten zu füllen, gerät leicht selbst unter Druck. Doch Kinder profitieren nicht von erschöpften Eltern, die ständig organisieren müssen. Es ist völlig in Ordnung, wenn nicht jeder Tag außergewöhnlich ist. Es ist ebenso in Ordnung, wenn ein Nachmittag einfach zu Hause verbracht wird oder ein Ausflug wegen schlechter Stimmung früher endet als geplant. Gelungene Ferien entstehen nicht dadurch, dass alles perfekt läuft. Sie entstehen dort, wo sich Familien nicht permanent unter Leistungsdruck setzen.

Was Kindern wirklich in Erinnerung bleibt

Kinder brauchen keine perfekten Sommerferien. Sie brauchen Erwachsene, die präsent sind, ihnen zuhören, gemeinsam lachen und auch den unspektakulären Momenten Raum geben.

Vielleicht ist genau das die schönste Einladung für diese neun Wochen: den Druck ein wenig loszulassen.

Nicht jede Minute muss genutzt werden.
Nicht jeder Tag braucht ein Highlight.
Nicht jedes Foto muss postenswert sein.

Denn am Ende sind es selten die spektakulären Erlebnisse, die ein Gefühl von Kindheit prägen. Es sind die kleinen, wiederkehrenden Momente von Nähe, Sicherheit und gemeinsamer Zeit.

Und genau darin liegt oft der größte Zauber eines Sommers.

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