22. April 2021

Was heißt es, das eigene Baby sterben zu sehen?

Filmrezension Piecces of a Woman © Netflix Media

Die oscarnominierte Netflix-Produktion „Pieces of a Woman” greift ein dunkles Tabuthema auf: den Tod des eigenen Kindes bei der Geburt. Ein hartes, aber unvergessliches Stück Filmgeschichte.

Sich in Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und enormen familiären Belastungen am Abend auf Netflix einem Problemfilm hinzugeben, mag nicht jedermanns Sache sein. Ganz sicher sei der Film „Pieces of a Woman“ auch Schwangeren nicht empfohlen, die sich besser mit positiven Geburtsgeschichten auseinandersetzen sollten. Doch für alle anderen hat dieser Film etwas Unvergessliches. Regisseur Kornél Mundruczó greift kraftvoll ein gesellschaftliches Tabuthema auf, das die Zuseher nicht so bald loslässt: das Drama eines toten Kindes direkt nach der Geburt.

20 Minuten realistische Geburtsszene

20 Minuten lang, ohne einen einzigen Schnitt, verfolge ich als Zuseher ein junges Paar in Vorfreude auf ihr Baby. Die Wehen setzen ein, die Hebamme wird kontaktiert, es soll eine Hausgeburt werden. Sehr offen sehe ich den Schmerz, zugleich die Zärtlichkeiten der Eltern füreinander, Positionswechsel in die Badewanne, ins Bett. Diese Geburt könnte sehr realistisch so verlaufen. Dass eine Vetretungshebamme kommen muss, soll nicht weiter schlimm sein, sie ist kompetent und einfühlsam. Doch am Ende kann auch sie das Kind nicht retten. Es hat kurz geschrien, die Mutter hatte es im Arm – dann war sein Leben schon vorbei.

Erst nach diesem einprägsamen Intro folgt der Großteil des Films: eine nicht einfach anzusehende Beziehung, die an der Trauer zerbricht. Zwei Elternteile, die diese Trauer konträr bewältigen. Die Oma des toten Kindes, die sich proaktiv betätigen möchte und einen Prozess gegen die Hebamme in Gang bringt. Und am Ende eine doch ganz andere Erkenntnis für die Mutter.

Würde meine Beziehung das verkraften?

Wie würde ich eine Geburt verkraften, die ein derart schreckliches Ende nimmt? Wie würde sich meine Ehe nach einem derartigen Rückschlag verändern? Welche Hilfe könnte ich nützen, anstatt wie die Filmcharaktere auf Rauschmittel und Gewalt zurückgreifen zu müssen? Könnte ich nach wie vor auf einen liebenden Gott vertrauen, der einen größeren Plan für alles hat, den ich einfach noch nicht verstehe?

Der Film thematisiert, was wir oft nicht wahrhaben wollen. Fehlgeburten und Totgeburten sind für viele Frauen Teil ihres Lebens. Die überschwängliche Freude gehört genauso zum Elterndasein wie Trauer und Verluste. Die Angst vor dem eigenen Versagen bei der Geburt kennen viele, letztlich gehört sie zu unserem gesamten Elterndasein.

Hauptdarstellerin Vanessa Kirby ist für ihre Rolle als trauernde Mutter 2021 für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nominiert.

Oscarverleihung am 25. April 2021

Die britische Schauspielerin Vanessa Kirby, die die Hauptfigur von Kornél Mundruczós Film „Pieces of a Woman“ spielt, wurde am Montag in Los Angeles für einen Oscar nominiert.



EIN ARTIKEL VON
  • Lucia Steindl

    Bevor ich journalistisch tätig wurde, machte ich die Ausbildung zur Kindergarten- und Hortpädagogin, leitete verschiedene Kindergruppen und arbeitete als Medienpädagogin. Nach Abschluss meines Journalismus-Studiums unterstütze ich nun mit Freude die Redaktion von meinefamilie.at.


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