15. Juni 2020

Was bedeutete „Stay at home“ für unser Beten?

Was bedeutete „Stay at home“ für unser Beten

„Stay at home“ stand wie eine Überschrift in großen Lettern über diesem Frühjahr. Alles ordnet sich diesem Motto – zwangsweise – unter.

Daheim kochen statt ins Lokal gehen, Brettspiele in der Familie statt auf dem Spielplatz toben, Videokonferenz statt Meeting, … statt Gottesdienst in der Kirche. Was konnte eigentlich die Gottesdienste in gewohnter Form ersetzen? Livestream-Messen? Familiengottesdienst am Küchentisch? Alleine Beten? Gar nichts?

„Stay at home“ hat für viele zunächst bedeutet, dass gewohnte Strukturen fast von heute auf morgen weg waren, auch im religiösen Bereich. In mancherlei Hinsicht bedeutete das Aufatmen: endlich weniger Termine und mehr Zeit für die Familie. Bei anderem wurde deutlich, was wirklich wichtig ist: zum Glück nur noch die notwendigen Meetings – via Video-Chat. Einiges rückte neu in den Fokus: Gemeinsames Kochen und Backen macht Freude. Manches brachte uns an unsere Grenzen: Kann man Haare auch selbst schneiden?

Corona ist längst nicht überstanden, aber die Vorschriften werden nach und nach gelockert, auch Gottesdienste sind – unter starken Hygieneauflagen – wieder möglich. Vielleicht ist daher jetzt genau der richtige Zeitpunkt, zurückzuschauen und zu fragen:

Also, was bedeutete „Stay at home“ nun für unser Beten?

Aufatmen, weil die Gottesdienste eigentlich schon lange mehr Pflicht als Freude waren? Oder zeigt sich gerade in der Corona-Unsicherheit, welch eine große Stütze das Gebet (in der Familie) ist? Half die Zeit zuhause sogar, eine neue Dimension des Betens zu entdecken oder spürte ich, dass es gar nicht so richtig klappt?

„So einfach und selbstverständlich ist das nicht.Wir wissen wirklich oft nicht, was ‏Gebet ist, und wir können es darum auch oft nicht.“

Irgendwie tröstlich, wenn das ein so großer Theologe wie Karl Rahner (1904-1984) sagt. Beten ist ein lebenslanger Lernprozess. Das scheint oft vergessen zu werden. Zum einen reden wir ganz selbstverständlich vom Beten, als ob es jeder können müsste. Zum anderen entsteht schnell der Eindruck, dass es nur das eine Beten gäbe, das immer gleich sei.

Ein Freund erzählt von einer Idee

Könnte man nicht ein Gebetbuch erstellen, das Täuflinge – egal in welchem Alter – zur Taufe bekommen und das das Leben begleitet?

Wir starten einen Versuch und bitten Valentin (6), Marlene (9) und Sebastian (11) – drei Kinder einer befreundeten Familie – ein Morgengebet aufzuschreiben und ein passendes Bild zu malen. Ich selbst ergänze Gedanken für Erwachsene. Dazwischen fehlen noch Texte von Jugendlichen, frisch Verliebten, Eltern … Vielleicht muss man aber auch nicht jede Lebensphase aufgreifen. Vielleicht könnte das Buch eher ein Anstoß sein, in den einzelnen Situationen eigene oder „gefundene“ Gebete zu ergänzen. Ein Ringbuch wäre daher eine gute Option.

Wie wäre es mit einem Familien-Gebetsringbuch?

Beginnen Sie mit den Kategorien „Morgengebet“, „Abendgebet“, „Tischgebet“, „besondere Anlässe“. Wie wäre es, wenn jedes Familienmitglied eine Seite für die jeweilige Kategorie gestaltet? Es gibt kein richtig oder falsch. Ergänzen Sie das Buch immer wieder, wenn sich das Leben verändert, wenn die Kinder älter werden, wenn Ihnen ein passendes Gebet in die Hand fällt … Der beigefügte Morgengebets-Impuls von Valentin, Marlene, Sebastian und mir könnte ein Anfang sein.

Ein zweiter Gedanke von Karl Rahner gewinnt in dieser Corona-Zeit neue Bedeutung: Beten bedeutet – zumindest für Erwachsene – auch in den eigenen Keller zu steigen.

Viele sind in der „Stay at home“-Zeit in den Keller, die Garage oder den Gartenschuppen gegangen und haben ausgemistet. Nicht alles, was man dort findet, ist schön. Einiges weckt schmerzhafte Erinnerung und war nicht ohne Grund in der letzten Ecke versteckt. Rahner rät, genau bei dem, was wir im hintersten Winkel unseres Herzens finden, mit Gott zu verweilen. Auch wenn es schmerzt. Und besonders dann, wenn wir keine Worte haben, die wir aufschreiben können. Vielleicht kann ein Bild unsere Gefühle ausdrücken, vielleicht ein einziger Begriff, vielleicht muss die Seite leer bleiben.

Das eigene Herz zu öffnen und schwierige Emotionen im Gebet auszudrücken ist echt nicht leicht und wie so vieles im Leben Übungssache.

Als Schulseelsorgerin nutze ich immer wieder drei Hilfsmittel

  • Ich habe Blanko-Holzwürfel mit Aufklebern versehenen, auf denen Satzanfänge stehen: „Ich bin dankbar für …“, „Mich belastet …“, „Ich freue mich auf …“
  • Ähnlich funktioniert das Gebetskarten-Set „Let’s Pray“. Es bietet Satzanfänge und Begriffe, die in verschiedenen Kategorien (z. B. Bitte, Lob, Klage) zusammengefasst sind.
  • Emotionskarten – angefangen bei ausgedruckten Emojis, selbst gemalten Smileys bis professionell erstellten Emotionskarten-Sets – ermöglichen auch schon jüngeren Kindern, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben.

„Stay at home“ könnte auch in großen Lettern auf einem Gebetsringbuch stehen: Bleibe bei dir. Sei ganz in Deinem Herzen. Und öffne es für Gott, bis in den hintersten Winkel.

„Stay at home“ im Alltag

„Stay at home“ ist für viele Familien auch im ganz konkreten Alltag eine große Herausforderung gewesen. Da wollen alle gleichzeitig den PC nutzen. Einer hat Online-Meeting, der andere muss Schulaufgaben machen und einer einfach nur was nachschauen oder ausdrucken. Da gibt es Missverständnisse, unterschiedliche Erwartungen und Bedürfnisse oder einfach Streit. Da werden Großeltern vermisst und besteht die Angst, sich und andere anzustecken.

„Beten schützt nicht vor einer Ansteckung, Beten zaubert auch niemand gesund, Beten schlichtet keinen Streit, Beten zahlt keine Rechnung, Beten betreut keine Kinder“, sagt der Freiburger Pastoraltheologe Bernhard Spielberg genau in dieser Situation. „Was Beten aber kann, ist, dass es einen Raum schafft, in dem ich mit meinen Ängsten, meiner Verletzlichkeit, meiner Unsicherheit erst einmal da bin und sie aushalte, ohne gleich irgendeine fromme Lösung dafür zu finden. Beten kann auch eine Möglichkeit sein, dass ich nicht nur rede, sondern auch höre und deswegen auch die vielen Stimmen, die so um mich herum passieren, in meinem Kopf sortiert bekomme.“ (Bernhard Spielberg)

Etwas Ordnung im Kopf, im Keller, im neu zu regelnden Familienleben, im Homeoffice …, das wäre ja schon etwas. Manches musste sich in den vergangenen Wochen tatsächlich erst einspielen, neue Strukturen mussten zusammen gefunden werden. Das zerrt an den Nerven und ist manchmal zum Davonlaufen. Auch Beten klappt oft nicht sofort und an einem Tag besser als am anderen – und erfüllt meist nicht all unsere Erwartungen. Es entwickelt und verändert sich, aber vor allem wird es immer wieder Herausforderung bleiben. Wichtig ist in Coronazeiten und im Gebet: „Stay at home.“

Inspiration für ein Morgengebet

Mit Kindern in den Tag starten…

Quellen:

 



EIN ARTIKEL VON
  • Katharina Ritter-Schardt

    Mitgehen. Begleiten. Fragen. Das liebe ich.
    Als Schulseelsorgerin, Theologin und systemischer Coach möchte ich Menschen dabei unterstützen, ihren ganz persönlichen Weg zu finden.
    In meinem Alltag mache ich selbst immer wieder Stopp bei richtig leckerem Kaffee. Den liebe ich auch und beneide daher alle, die in Wien leben können.


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