17. August 2020

Warum Kinder Kuscheltiere brauchen

Kuscheltiere

Wer kennt diese Situation nicht? Das Kuscheltier wurde unterwegs vergessen oder ging verloren und das Drama ist vorprogrammiert. Doch warum ist dies so und welche psychologische Bedeutung hat das Kuscheltier eigentlich?

Kuscheltiere sind mehr als eine bloße Einschlafhilfe oder ein Tröster bei Kinderkrankheiten! „Kuscheltiere sind für viele Kinder die erste selbst gewählte Beziehung“, meint Kinderpsychologin Gesa Steinberg, und somit „ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in die Selbstständigkeit.“ Die erste Krise, wenn ein Kind spürt, dass es keine Einheit mehr mit der Mutter bildet und ein eigenständiges Wesen ist, wird mit Hilfe des Kuscheltieres leichter überwunden.

Übergangsobjekte

„Kinder erfahren durch Kuscheltiere, dass es auch ein Nicht-Ich gibt. Sie lernen, dass sie über ein Objekt herrschen können und entscheiden zum Beispiel, wann sie es wollen und wann nicht“, so Pädagoge Dr. Volker Mehringer von der Universität Augsburg.

Das erste Kuscheltier- oder Tuch wird Übergangsobjekt genannt. Es hilft dem Kind den Übergang von der Beziehung zur Mutter, zu anderen Beziehungen zu erlernen. Diese erste Bindung/Beziehung zu einem Gegenstand beginnt meistens im zweiten oder dritten Lebensjahr und hält bis zum Schulalter an. Beliebt sind weiche, kuschelige Dinge wie Stoffwindeln, Tüchlein, kleine Decken, Teddybären oder andere Stofftiere. Aber ich habe auch schon von Kindern gehört die Kuscheltiere ablehnten und immer und überall ihr Lieblingsauto mit hatten. Auch viele Erwachsene fühlen sich ohne ihren Lieblingsring, eine bestimmte Halskette oder besondere Uhr am Handgelenk nackt. Anderen geben Steine oder Glücksbringer Halt und Sicherheit.

Übergangsobjekte gelten als Ersatz für die fehlende körperliche Nähe zu den wichtigsten Bezugspersonen.

Es wurde beobachtet, dass Kinder, die in Heimen aufwuchsen oder emotional vernachlässigt wurden, keine Übergangsobjekte suchen, da sie nie eine Bindung erfahren haben. Aber auch in Kulturen, in denen ein sehr enger Körperkontakt gelebt wird, wurden keine Übergangsobjekte beobachtet. (Donald Woods Winnicott (* 1896 † 1971 in London) war ein englischer Kinderarzt und Psychoanalytiker. Er prägte den Begriff des Übergangsobjektes.)

Laut Steinberg ist das Plüschtier für das Kind eine Person mit Persönlichkeit, an die das Kind in Rollenspielen seine eigenen Erfahrungen weitergibt und so die eigenen Erlebnisse verarbeitet. Durch Nachahmung des elterlichen Verhaltens, im Kontakt mit dem Kuscheltier lernt das Kind spielerisch, soziale Fähigkeiten wie Fürsorge und Schutz. Ich erinnere mich noch gut, als mir mein damals zweijähriger Sohn sein Lieblingskuscheltier in den Arm drückte, als ich einmal bitterlich weinte.

Auch übernehmen Kuscheltiere oft die Rolle des engsten Vertrauten, Geheimnisträger oder Komplizen. Die Tatsache, dass diese Beziehung einseitig ist, spielt dabei keine Rolle. Auch Monogamie bzw. Eifersucht ist noch kein Thema, viele Kinder besitzen unzählige Kuscheltiere.

Ein Kinderleben birgt viele Herausforderungen. Wie z.B. Regeln die gelernt und eingehalten werden müssen, oder Wünsche die nicht erfüllt werden können. Dies führt oft zu Aggressions- und Wutanfällen. Diese können ohne Konsequenzen am Kuscheltier ausgelebt werden. Das Kuscheltier bleibt verlässlich, widerspricht nicht und behält alle Geheimnisse bei sich, egal wie es behandelt wird. Und übernimmt so auch den Part eines Tagebuchs. Auch Grenzen werden mit Hilfe der Kuscheltiere ausgetestet, so heißt es oft „Das war ich nicht, das war Flauschi!“. Die enge Beziehung zwischen Kind und Kuscheltier bietet uns Eltern bei gezielter Beobachtung auch die Möglichkeit zu erfahren, was die Kinder wirklich bewegt und ist gleichzeitig ein guter Spiegel der Eltern-Kind-Beziehung.

Die verschiedenen Rollen und Funktionen, welche Kuscheltiere übernehmen, werden im Laufe eines Kinderlebens ganz natürlich von realen Beziehungen abgelöst. Viele Psychologen raten davon ab, Kinder bewusst vom Kuscheltier zu entwöhnen, wenn sie es als zu alt dafür empfinden. Das musste auch ich akzeptieren. Alle Kuscheltiere unseres Achtjährigen, welche ich schon weggeräumt hatte, waren gerade in der Zeit des Lock Downs wegen dem Corona Virus eine starke, helfende Unterstützung. Und zugegeben, auch ich mag es mittlerweile, wenn „Bärli“ wieder eine Nacht „bei mir schlafen möchte“.



EIN ARTIKEL VON
  • Regina Magdalena Smrcka

    Vor meiner Karenz meines Sohnes war ich in der direkten Pflege, aber auch im Leitungsteam, für die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verantwortlich. Als Ausgleich dazu unterrichtete ich Kinderturnen. Derzeit vertrete ich als Texterin & Grafikerin EPUs bei ihrem Firmenauftritt. Jetzt unterstütze ich meinen Lebensgefährten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam haben wir einen Sohn.


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