22. April 2021

Von der Kunst des Verzeihens

verzeihen - meinefamilie.at

Nach einer Auseinandersetzung wieder einen Schritt aufeinander zu zu machen kann uns einiges abverlangen, setzt aber einen Prozess in Gang, bei dem wir gemeinsam auf unser Erleben, unsere Verletzungen schauen und wieder in Verbindung kommen können.

Das aufeinander Zugehen ist ein Übungsprozess und wir haben immer wieder die Gelegenheit, einen konstruktiven Umgang mit unseren Konflikten zu trainieren, denn wir werden einander immer wieder auch verletzen in unserer Wut. Das ist ganz normal: Gerade unserem Partner/unserer Partnerin sind wir am nächsten und er/sie bekommt dann auch mal die geballte Ladung unseres Frustes zu spüren. Da geht vielleicht manches zu Bruch. Ist uns das passiert, zählt, wie wir weiter damit umgehen.

Wenn etwas zu Bruch geht

In Japan gibt es eine alte Kunst, zerbrochene Gefäße zu reparieren: Die Scherben werden zusammengeklebt und Freiräume, wo Stückchen verloren gegangen sind, werden mit Lack aufgefüllt, der mit feinstem Goldstaub vermengt ist. Die Risse sind dann als Goldadern im wieder hergestellten Gefäß sichtbar. Kintsugi heißt diese Technik: „Goldverbindung“. Dahinter steht die Idee, auch Unvollkommenes zu würdigen. Auch bei uns kann mal etwas brechen. Wenn wir uns einander wieder annähern und die Scherben reparieren, kann etwas noch Schöneres daraus entstehen.

Wir wollen unsere Sprünge vergolden

Ein älteres Ehepaar hat uns von ihrem Umgang mit Konflikten erzählt. Genauso wie alle Paare mussten sie sich auch in vielen Punkten „zusammenraufen“, haben viel miteinander diskutiert und gestritten. Beide waren vom Typ her eher stur und unnachgiebig, doch vor allem dem Mann fiel es sehr schwer, Kränkungen loszulassen und eigene Fehler einzugestehen.

Die Frau ging gerne spazieren, um den Kopf wieder frei zu bekommen und sich zu beruhigen. Da klärte sich manches und sie stellte fest: Ich habe auch einen Anteil an dem Streit. Sogar, wenn der Streit eher von ihm ausgegangen war. Sie hatte einen Anteil daran, wie der Streit entstand und wie er abgelaufen war. Wenn nun ein Streit wegen eines Verhaltens von ihm entstanden war, begann sie, sich dennoch als Erste zu entschuldigen. Für den Beitrag, den sie am Streit gehabt hatte. Nach und nach half das dem Mann, sich auch für sein Verhalten entschuldigen zu können. Im Laufe der Zeit ist zwischen ihnen so eine Art Wettbewerb entstanden, wer den ersten Schritt zur Versöhnung macht!

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Ein wohlwollender Blick auf unsere Verletzungen und Anteile

Einzuräumen, dass wir etwas falsch gemacht haben und unseren Partner/unsere Partnerin verletzt haben, kann ganz schön schwer sein. Dass sich die Frau auch dann als Erste entschuldigt hat, wenn sie unfair behandelt wurde, hat uns sehr beeindruckt.

Welchen Anteil hatte ich denn in dem ganzen Konflikt?

Wir haben dann bei uns selbst auch angefangen, näher hinzuschauen: Welchen Anteil hatte ich denn in dem ganzen Konflikt? Denn streiten kann man nicht alleine. Und auch hier gilt: Wir versuchen zeitnah miteinander ins Reine zu kommen. Dahin führt uns das Gespräch: Was hat uns denn so verletzt, wütend gemacht etc.? Eine ebenso wichtige Rolle spielt es, sich für sich selbst mit den eigenen Mustern und Verletzungen auseinander zu setzen. Was genau hat meine wunden Punkte getroffen, was regt mich denn daran so auf? Kommt das vielleicht woanders her und hat mit der aktuellen Situation gar nicht so viel zu tun? Was brauche ich eigentlich und wie kann ich für das Erfüllen meiner Bedürfnisse eintreten? 

Was hat uns denn so verletzt, wütend gemacht?

Weder eine unnachgiebige Haltung meinem Partner/meiner Partnerin gegenüber, noch eine verurteilende Haltung in Bezug auf mich selbst lassen mich und uns wachsen. Heilung und Wachstum entstehen durch einen ehrlichen, wohlwollenden und annehmenden Blick auf meine Gefühle und Handlungsmuster, und ebenso auf das Erleben meines Gegenübers. Was hat meinen Partner/meine Partnerin denn dazu gebracht, so zu handeln? Denn meistens steht dahinter keine pure Böswilligkeit, sondern ebenfalls verletzte Gefühle oder unerfüllte Bedürfnisse.

Auf diese Weise können wir mehr Verständnis für das Verhalten des anderen und auch unser eigenes Reagieren entwickeln und beim nächsten Mal hilft uns das, schneller wieder aus einem Konflikt auszusteigen. Und schließlich verzeihen wir jemandem nicht nur um seinetwillen, sondern um selbst etwas loslassen und Frieden finden zu können.


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