7. April 2021

Vom Erziehen hin zum Einfühlen – Das Verhalten als Botschaft  


Damit ihr auf das Verhalten eures Kindes wirklich konstruktive Antworten finden könnt, ist es wichtig, euer Kind nicht nur in seiner derzeitigen Entwicklung, sondern vor allem auch in seinen Bedürfnissen zu verstehen: Welche Botschaft steckt hinter dem Verhalten meines Kindes? Und was hat Tiefseetauchen mit alldem zu tun?

Stellt euch einen Eisberg vor. Aus dem Meer herausragend und sehr deutlich vor euch seht ihr seine Spitze – das Verhalten eures Kindes. Alles, was ihr seht und an ihm wahrnehmt. Aufmerksamkeitssuchendes Verhalten, mit Spielzeug werfen, das Geschwisterchen ärgern, das Anziehen oder Zähne putzen verweigern.

Oft neigen Eltern dazu, nur auf der Ebene des Verhaltens zu agieren: „Wenn du jetzt nicht Zähne putzt, gibt es heute keine Geschichte mehr!“. Strafen, wenn-dann-Sätze oder schimpfen beziehen sich meist nur auf das Verhalten. Als wolle man den Eisberg abtragen und betrachte dabei nur die Spitze. Dabei ist (das wissen wir spätestens seit Titanic) ein Eisberg so viel mehr als nur eine Spitze.

Unter der Meeresoberfläche liegen Gefühle

Wie Angst, Schmerz, Wut… und darunter wiederum ein Grundbedürfnis, zum Beispiel das Bedürfnis, gesehen zu werden, das Bedürfnis nach Zuwendung oder nach Autonomie und Selbstwirksamkeit.

Dieses Bedürfnis ist es also, das ein bestimmtes Gefühl und daraufhin ein Verhalten auslöst. Wir müssen also Tiefseetauchen, wenn wir das Verhalten unserer Kinder verstehen und konstruktiv darauf antworten wollen.

Ein Kind, das „nicht hört“ sucht vielleicht die Aufmerksamkeit und Zuwendung, die Liebe seiner Eltern.

Ein Kind, das nicht Zähne putzen möchte, möchte vielleicht autonom(er) entscheiden. Ein Kind, das auf einmal mit Spielzeug wirft, möchte vielleicht in seiner Wut gesehen werden. Ein Kind, das nachts wieder vermehrt ins Bett seiner Eltern kommt, sucht vielleicht Sicherheit und Schutz.

Diese Bedürfnisse können nicht einfach ignoriert oder abtrainiert werden.

Wenn sie nicht erfüllt werden, werden sie kompensiert, so wichtig sind sie. Der „Klassenclown“, der eigentlich wahnsinnig unsicher ist, und durch die Reaktionen auf sein Verhalten (schimpfen, bloßstellen…) noch mehr verunsichert wird, oder das Kind, das permanent Grenzen auslotet und dabei eigentlich „nur“ auf der Suche nach Zuwendung ist.

Manchmal können Eltern das Bedürfnis, um das es geht, relativ einfach erfüllen, wenn sie es erst herausgefunden haben: „Willst du dir die Jacke aussuchen/anziehen?“ (Autonomie, Selbstwirksamkeit). „Wollen wir eine Runde kuscheln?“ (Zuwendung, Sicherheit, Schutz, Geborgenheit). „Ich verstehe dich!“ (sich mitteilen und verstanden werden). Aber es gibt auch Momente, in denen das nicht so einfach geht.  Wir können nicht immer alle Bedürfnisse unseres Kindes sofort erfüllen, und das müssen wir auch nicht.

„Kinder fordern viel“, schreibt Jesper Juul, „aber sie brauchen zum Glück nicht so viel, wie sie fordern.“

Wohl aber brauchen sie ein gesehen-, ernstgenommen- und verstanden werden (übrigens ebenfalls alles Grundbedürfnisse). Und manchmal hilft es somit bereits, wenn sich das Kind in seinem Bedürfnis oder seinem Gefühl von uns Eltern wirklich gesehen fühlt, denn dann „braucht” es das Verhalten nicht mehr, es hat sich mitgeteilt und wurde verstanden: „Ich weiß, du willst jetzt mit mir spielen (Zuwendung und Aufmerksamkeit), aber ich esse noch fertig. Dann spiele ich gern mit dir. Such doch schon mal ein Spiel aus!“. Oder auch: „Ich will nicht gehauen werden! Was macht dich so wütend?“. Letzteres gleicht einem gemeinsamen Tiefseetauchen, welches das Kind darin unterstützt, die eigenen Gefühle besser zu verstehen und zu artikulieren.

Auch kann man Bedürfnisse generell im Alltag mehr erfüllen, damit der einzelne Verzicht nicht so schwer wiegt. Wenn ein Kind beispielsweise – in seiner subjektiven Wahrnehmung – genügend Möglichkeit zur Autonomie und Selbstwirksamkeit hat, dann wird der einzelne Fall, wo es sich mal nicht selbst anziehen darf, weil es schnell gehen muss, nicht so schwer wiegen, wie wenn es hier generell ein Defizit gibt. Auch ein Kind, das seinem Gefühl nach genügend gesehen wird, wird es (besser) aushalten, mal nicht die ganze Aufmerksamkeit zu bekommen. Nicht umsonst heißt es „bedürftig-nach-etwas“ sein, wenn wir etwas Bestimmtes brauchen oder suchen.

Es gibt hier kein richtig oder falsch

Manche Kinder brauchen, wenn die Eltern beispielsweise wieder arbeiten gehen, bei Kindergarteneintritt, bei Beginn der Autonomiephase, wenn ein Geschwisterchen kommt oder aus anderen Gründen, plötzlich wieder längere Zeit, um einzuschlafen, oder nachts sehr viel mehr Nähe. All das ist wunderbar, wenn es den Eltern dabei gut geht. Viele Eltern, die zu mir in die Beratung kommen, sind davon aber wahnsinnig erschöpft. Dann geht es nicht so sehr darum, das Verhalten zu bewerten oder sich darüber zu ärgern, sondern vielmehr zu schauen, welches Bedürfnis darunter liegt. Es gibt hier kein richtig und falsch. Das Verhalten eines Kindes ist immer sinnvoll und gut und wichtig. Es zeigt, dass das Kind gerade von etwas mehr braucht. Mehr Sicherheit, mehr Schutz, mehr Zuwendung, mehr Nähe. Wenn ich das weiß, dass ich ihm beispielsweise tagsüber mehr davon geben.

Ein gemeinsamer Kakao, eine warme Milch, wenn es vom Kindergarten kommt, Zeiten in denen es uneingeschränkte Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung bekommt, in der ich mein Handy weglege, eine Kuschel-Halbestunde am Vorabend, für kleinere Kinder ein Spaziergang in der Trage, bevor es Richtung Bett geht, ganz nah an der Mama oder am Papa Nähe auftanken. Dann werden die Nächte oft automatisch ruhiger, weil das Bedürfnis des Kindes tagsüber schon mehr erfüllt, „aufgetankt“ wird.

Davon gibt es unzählige weitere Beispiele: Kinder, die ihre Eltern zum Lernen brauchen, weil sie dadurch eigentlich Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommen („erlernte Hilflosigkeit“), Kinder, die nur durch aggressive Verhaltensweisen gesehen werden („erlernte Aggression“).

Die Frage ist also immer: Wozu dient dieses Verhalten? Was holt sich mein Kind durch sein Verhalten? Und kann ich ihm das auch anders schenken?

Kinder „ärgern“ ihre Eltern nicht absichtlich, sie wollen ihnen etwas sagen. Auch wenn sie selbst nicht wissen oder verbalisieren können, was genau los ist, spüren sie doch das unangenehme Gefühl, dass das unerfüllte Bedürfnis in ihnen auslöst: Wut, Schmerz, Traurigkeit. Sie wissen noch nicht damit umzugehen. Helfen wir ihnen dabei, indem wir uns nicht so sehr auf ihr Verhalten stürzen, sondern versuchen, sie zu verstehen. Sie so zu sehen und anzunehmen, wie sie sind, mit all ihren Gefühlen und Bedürfnissen.

Die Spitze des Eisberges sehen

Denn wenn ihr versuchen würdet, durch bestrafen, schimpfen oder auch belohnen, das Verhalten eures Kindes zu ändern, ohne das Bedürfnis dahinter zu sehen, habt ihr vielleicht oberflächlich Erfolg. Das Bedürfnis jedoch bleibt unerfüllt. Das macht euer Kind immer noch traurig, wütend, frustriert – und alleine, weil nun niemand mehr seine Spitze des Eisberges sieht.

Aggressives Verhalten ist hierfür ein, wie ich finde, berührendes Beispiel. Gerade aggressive, laute, fordernde Kinder sind oft innerlich unsicher und sensibel. Was sie bräuchten wäre Liebe, Geborgenheit, sowie Begleitung im Umgang mit ihren starken Emotionen und das Gefühl, genauso gut zu sein, wie sie sind. Schimpfen, schreien, bestrafen – all diese Dinge werten das Kind nur weiter ab, das ohnehin schon Probleme mit seinem Selbstwert hat. Es bekommt genau das Gegenteil von dem, was es eigentlich bräuchte. Statt Liebe, Zuwendung, Beziehung, Geborgenheit, Begleitung und Unterstützung bekommt es Abwertung und das Gefühl, irgendwie „falsch” zu sein. Entweder verstärkt sich die Aggression daraufhin oder sie richtet sich irgendwann nach innen (Autoaggression), weil das Kind lernt, dass es dieses Verhalten nicht mehr zeigen darf, die Gefühle und Bedürfnisse aber nach wie vor in sich trägt. Auch wenn die Aggression – nach außen hin – aufhören sollte, bleibt ein verlorenes Kind zurück, denn das Bedürfnis ändert sich nicht einfach durch Erziehung.

Das „Warum“ hinter dem Verhalten sehen

Daher ist es so wichtig, das „Wofür“ oder „Warum“ hinter dem Verhalten eurer Kinder zu sehen, eben den gesamten Eisberg, euer Kind besser zu verstehen, zu erkennen, was es eigentlich braucht. Nur so gelingt nachhaltige Konfliktlösung, nur so könnt ihr auf euer Kind wirklich eingehen und auf sein Verhalten konstruktive Antworten geben. Habt Mut, am Eisberg Tiefsee zu tauchen, hinzuschauen, hinzufühlen, auszuprobieren, zu erforschen. Ihr müsst nicht vorab alles wissen und erkennen, es reicht, gemeinsam mit eurem Kind auf Entdeckungsreise zu gehen und offen und neugierig zu sein für seine innere Welt.

Online-Webinar am 22.April 2021

Wenn ihr mehr zu diesem Thema wissen möchtet, oder mir eure Fragen stellen wollt, dann freue ich mich, wenn wir uns in meinem Webinar am 22. April 19.30 – 21.00 Uhr sehen:

Verhalten als Botschaft: Was steckt dahinter, wenn Kinder…? Was Tiefseetauchen mit Kinder-verstehen zu tun hat



EIN ARTIKEL VON
  • Barbara Gruetze

    Dipl. Lebens- und Sozialberaterin, familylab-Beraterin und zertifizierte Theaterpädagogin
    Barbara Grütze arbeitet mit großer Freude als beziehungs-, bindungs- und bedürfnisorientierte Beraterin für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien in eigener Beratungspraxis (1220 Wien) und ist selbst Mama einer kleinen Tochter.


MeineFamilie.at