7. Mai 2020

Vom Älterwerden und nicht mehr ganz so jung sein

Vom Älterwerden und nicht mehr ganz so jung sein

Es war sechs Uhr morgens und ich war schon eine Weile munter, als meine Kinder mich baten, Fotos aus der Kiste im Wohnzimmer ansehen zu dürfen.

Und schon ging´s los: Im Chaos wühlen, Vergangenheit hervorfischen: Ich mit zehn Jahren, sechzehn, siebzehn, achtzehn, Maturareise, 20. Geburtstag…

Der Melancholieblues

In der richtigen Stimmung kann ich mir Fotos aus der Vergangenheit ansehen und mich über meine damalige Haarfarbe amüsieren. In einer etwas fragileren Stimmung begleitet mich anschließend eine Zeit lang ein nostalgisches Melancholiegefühl. Da verklebe ich mich in Erinnerungen.

Ui, was war mein Leben damals anders. Viele Entscheidungen noch nicht getroffen, alles noch so offen. Abgesehen davon: Ach, was sah ich da noch jung aus.

Und dann kann es vorkommen, dass ich mich tagsüber etwas öfters mal im Spiegel betrachte, und mir denke: Hm. Also. Dass du die dreißig überschritten hast, sieht man dir an. Da passiert es dann, dass meine Gedanken tagelang zu meinem zwanzigjährigen Ich gleiten: Während des Windelwechselns, Honigbroteschmierens, und sonstigen Tätigkeiten, die sich häufig um meine Kinder drehen.

Manchmal vermisse ich die Unbeschwertheit

Ich liebe mein Leben und meine Familie und dennoch: Manchmal vermisse ich das Jungsein und alles, was ich damit verbinde. Die Unbeschwertheit, die zur freien Verfügung stehende Zeit, mir wichtige Menschen, die nicht mehr in meinem Leben sind, das Studentendasein, all die Reisen, die Tageszeitung, die ich jeden Morgen vor meiner Wohnungstüre liegen hatte. Vorbei. Vorbei. Vorbei. Und das ist manchmal: Autsch!

An Gott festhalten und loslassen lernen

Wenn die Melancholie zur Belastung wird, stelle ich meistens eines fest: Mein Fokus stimmt nicht mehr. Und mein primärer Fokus richtet sich in meinem Leben auf Gott.

Und der lässt mich wissen: An etwas festzuhalten, das unweigerlich zu Ende geht, oder schon zu Ende gegangen ist, birgt kein Leben. Macht blind, taub, wahrnehmungslos für das Heute.

Die Kunst Loszulassen

„Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren“, sagt Jesus. Letztendlich geht es also um die Kunst loszulassen. Loslassen. Ein viel bemühtes Wort, das trotz seiner hohen Frequenz in miesen Kalendersprüchen tiefgehendes Thema unseres Lebens bleibt: Wir müssen liebe Menschen loslassen, unsere Jugend, unsere straffe Haut, unerfüllte Wünsche, unsere Kinder, die irgendwann erwachsen sein werden. Ob wir wollen oder nicht, ob wir darüber traurig oder wütend sind – die Zeit läuft und nimmt dabei immer etwas mit. Und so halte ich es für essenziell, mich ins Loslasse lernen einzuüben, und möchte nur an jenem, der die Zeit übersteigt, festhalten: Gott.

Zum Leben befreit

Ihn in den Fokus zu rücken, macht mich frei, denn er lockt mich in ein Jetzt, das er mit mir gestalten möchte. So kann ich aus der Melancholie aussteigen, und auf dem fruchtbaren Boden seiner Gegenwart weitergehen. Genau hier ist das Leben zu finden. Hier kann ich es immer wieder neu gewinnen. Es sitzt auf den Planetensystemen, die mein Großer mit Kreide auf die Terrasse malt. Es wärmt mich, wenn mein Jüngerer sich an mich kuschelt.

Es atmet, wenn wir zu viert am Esstisch sitzen und miteinander lachen. Es ist überall dort zu finden, wo ich aufmerksam bin, es zu entdecken: in der Begegnung mit Menschen, in der Arbeit, der Natur. Und das Vergangene? Ist auf dieser Welt nicht mehr verfügbar – allerdings bleibt die Zuversicht, dass der wahre Reichtum unseres Lebens unvergänglich in Gott geborgen bleibt.



EIN ARTIKEL VON
  • Julia Pass

    Beruflich bin ich als AHS-Lehrerin tätig, zuhause habe ich eine Familie, die aus meinem Mann und unseren zwei kleinen Söhnen besteht. Mit meinen Kindern entdecke ich vieles neu: mich, Gott und die Welt. Auf meinem Blog www.vielfaltigkeit.at schreibe ich neben anderen christlichen Themen über gelebten Glauben mit Kindern.


MeineFamilie.at