2. März 2020

Über die Kunst, einen Kaktus zu umarmen

Über die kunst, einen kaktus zu umarmen

Manches Mal habe ich den Eindruck, ich hätte einen 16-jährigen im Körper eines 9-jährigen zu Hause … kennen Sie das auch?

Gerade noch trug ich mein Neugeborenes im Arm und quoll über vor Liebe zu diesem lange ersehnten und endlich angekommenen Winzling, da ist die erste Dekade auch schon fast vorbei und es scheint, als wäre ich per Zeitkapsel – schwuppdiwupp – mitten in die Pubertät dieses Erdenbürgers gereist.

Es sind diese Momente, in denen ein „Sich-anschmiegen-und-mit-Mama-kuscheln“ nahtlos in ohrenbetäubendes Geschrei a la „Du bist sooo gemein!!!“ oder „Immer bin ich schuld!“ übergeht, begleitet vom wohlbekannten Türenknallen.

Anstieg des Testosteronspiegels?

Dann sitz‘ ich da und denk‘ mir verdattert: „Ok, was war das? Etwa der erste Anstieg des Testosteronspiegels?“ und ein Fünkchen Angst keimt in mir auf, was da wohl noch alles kommen wird, besonders wenn ich an Erzählungen bekannter Mütter denke, deren Kinder schon mitten drin stecken … da folgt der geknallten Tür noch ein lautstarkes „Ich hasse dich“ oder „Verschwinde aus meinem Zimmer.

Theoretisch ist es mir durchaus bewusst, dass sich bei Kindern in der (Vor-)Pubertät neben den Auswirkungen der Hormone und Psyche auch die vielen Verbindungen im Gehirn komplett neu ordnen.

Viele der „Autobahnen in der grauen Masse“, auf denen Wissen und Emotionen transportiert werden, werden gekappt, neu geordnet, neue verknüpfen sich – so wird das Gehirn erwachsen, effizienter und ausgereifter. Soviel zur Theorie …

Die Verbindung zum eigenen Kind nicht verlieren?

Praktisch tut es einfach weh, mit der Befürchtung zu kämpfen, den guten Draht zum geliebten Kind zu verlieren. Und genau da braucht es einen Navigator durch diese Zeit! Wie kann ich die Verbindung zu meinem Kind, auch in schwierigen Phasen, erhalten?

Am besten gelingt dies auf der Ebene der Bedürfnisse, denn diese sind bei allen Menschen die gleichen, unabhängig davon, ob wir alt oder jung, männlich oder weiblich sind. Es geht um das sogenannte „Eingemachte“: was brauchst du, damit es dir gut geht und was brauch‘ ich, damit es mir gut geht?

Einige relevante Bedürfnisse wären da zum Beispiel Sicherheit, Verlässlichkeit, Respekt, Wertschätzung, Geborgenheit, Zusammenhalt.

Auf der einen Seite wollen unsere Schützlinge schon ganz erwachsen und unabhängig sein, selbst entscheiden und ihre Autonomie deutlich machen. Auf der anderen Seite verspüren sie die Unsicherheit und Angst vor Unbekanntem, vor Verantwortung und kennen sich oft selbst im ganzen Gefühlswirrwarr nicht aus. Und da Angst und Unsicherheit zu zeigen oft nicht mehr cool genug ist, schlägt es in Wut und Aggression um, die das Umfeld zu spüren bekommt.

Da braucht es Eltern, die:

  • klar verdeutlichen: „Ich bin für dich da und stehe hinter dir, auch wenn du mal Mist baust. Ich mag dich, einfach weil es dich gibt, ohne eine Leistung von dir zu erwarten!“
  • das Kind von seinem Verhalten trennen – du als Mensch bist gut, so wie du bist, auch wenn ich dein Verhalten gerade nicht akzeptiere;
  • Eltern bleiben – wir sind weder die besten Freunde, noch die Kumpels unserer Kinder; sie benötigen Vorbilder, die Halt und Orientierung geben, indem sie die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen, zuhören, gemeinsam nach akzeptablen Lösungen suchen, aber auch wenn nötig „Nein“ sagen können und dies begründen.

Wenn also mein 9-Jähriger wieder mal in den Körper eines 16-Jährigen schlüpft und die Wutwolke sich entlädt, werde ich mich bemühen, dies nicht persönlich, ihn als Person jedoch sehr wohl ernst zu nehmen, genau hinzuhören, was ihm wichtig ist, und Verständnis dafür zeigen, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin und vor allem den Gedanken beherzigen, dass ein Standpunkt nur ein Punkt ist, kein Universum.

Wer mehr Inputs „Über die Kunst, einen Kaktus zu umarmen“ möchte, ist am Dienstag, 24. März 2020, 19:30 bis 21:00 Uhr, herzlich im Tagungshaus in Wörgl eingeladen, den Vortrag mit Iris van den Hoeven, BA zu besuchen. Beitrag:  € 10,-, um Anmeldung wird gebeten!

 

 



EIN ARTIKEL VON
  • Barbara Rampl

    Meine Familie besteht aus meinem Mann, meinem 9-jährigen Sohn, meiner 6-jährigen Tochter und mir. Ich bin Erziehungswissenschafterin und Soziologin und arbeite neben meinem Beruf als Bildungsmanagerin auch als Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation. Meine Leidenschaft ist es zu lesen, für viele Leute zu kochen und zu nähen. Auch liebe ich es, mit meiner Familie die Welt zu entdecken, sei es auf Reisen oder einfach zu Hause in der Natur und beim Sport.


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