10. August 2021

„Trennungsphasen“ produktiv nutzen


Man muss nicht wirklich getrennt sein, um „Trennungsphasen“ zu durchleben. Gut möglich nämlich, dass die Ehefrau samt Kindern eine kleine Sommerfrische bei den Großeltern angeht, während man zuhause bleibt und der ortsgebundenen Arbeit nachgeht. Dabei stellt sich plötzlich die Frage: Was fange ich mit meiner Zeit eigentlich an?

Dann ist plötzlich alles anders. Zu Beginn kaum auszuhalten. Das Frühstück für die Kinder muss nicht vorbereitet werden und auch der Termindruck fällt völlig weg. Kinder müssen etwa nicht mehr zum Volleyballtraining gebracht werden, auch das Nachhause-Hetzen von einem Termin zum Mittagessenvorbereiten fällt weg. In der Früh ist es ruhig. Keine Diskussionen. Kein Zetern. Keine Situationen, in denen man das Gefühl hat, dass man mehr funktioniert und tut, was eben zu tun ist, als wirklich „bei sich“ zu sein und selbst bestimmt zu agieren. Endlich Freiheit! Doch diese Freiheit überfordert offenbar zu Beginn.

Der Rahmen Familie fehlt

Der Rahmen scheint weg zu sein. Die Struktur. Man ist plötzlich darauf von vielen Subjektpositionen auf eine einzige zurückgeworfen: Die arbeitende und schreibende Person. Die Rollen des Vaters und Ehemanns sind „on hold“ und blühen nur dann auf Distanz wieder auf, wenn man telefoniert oder zoomt. Es fühlt sich anders an.

Die Rollen des Vaters und Ehemanns sind „on hold“ und blühen nur dann auf Distanz wieder auf, wenn man telefoniert oder zoomt. Es fühlt sich anders an.

Schnell wird auch deutlich, dass man, schließlich ist Familienvater sein ein 24/7 „Job“, diverse soziale Gefüge in den letzten Monaten etwas vernachlässigt hat. Doch ist es so einfach diese wieder ad hoc, fast schon aus dem Nichts zu reaktivieren oder fühlen sich die Personen dann als „Pausenclowns“, als Lückenfüller in einer Zeit, in der man nichts recht mit sich anzufangen weiß? Auch der Sport ist zu kurz gekommen. Ob das tatsächlich aus Zeitmangel geschehen ist oder eher aus Faulheit? So genau lässt sich das nicht beantworten. Warum also nicht in der Früh eine Runde Joggen gehen, den Kopf völlig freikriegen und dann sich mit vollem Elan seiner kreativen Arbeit widmen?

(c)iStock

Doch nichts funktioniert so recht. Alles wirkt ein wenig wie Vorwand, wie Ablenkung vom Eigentlichen. Davon, was man jetzt eigentlich tun sollte. Doch dieses abstrakte Eigentlich entzieht sich immer wieder. Auch mit längeren Reflexionsphasen kommt man diesem nur stark eingeschränkt auf die Schliche. Also einfach weitermachen wie zuvor, nur ohne weitere „Zusatzaufgaben“ wie Vater, Ehemann und Chef-Manager der Termine? Das könnte ja auch bedeuten, dass jetzt mehr Zeit da ist und es sich tiefer in die Aufgaben und beruflichen Herausforderungen einsteigen lässt. Oder zwischendurch einfach mal wohlverdient die sprichwörtliche „Seele“ baumeln lassen?

Zeit zum Reflektieren

Die Antwort auf all diese Fragen ist so einfach wie auch unbequem: Nein, so weitermachen wie bisher geht nicht. Und nein, auch die „Leere“ zu füllen ist keine allzu gute, wenngleich auch verständliche Idee. Vielmehr ist es jetzt ein sehr guter Zeitraum über das, was man tut nachzudenken. Über sein Tun und deren Bewertung zu reflektieren. Hat man der Arbeit zu viel Wert beigemessen und die „Tätigkeit“ als Familienvater manchmal zu sehr als belastende „Ablenkung“ von dieser wahrgenommen?

Nichts sollte dabei Tabu sein. Auch Reflexionshilfe, also etwa Bücher über Familienstrukturen und Work-Life-Balance, können dabei sehr hilfreich sein. Und bei alldem spricht natürlich nichts dagegen, auch verstärkt Sport in den eigenen Alltag zu integrieren und damit zu einer Zeit zu beginnen, in der es quasi einfacher geht. Gut möglich ja, dass man diese neu antrainierte Gewohnheit dann auch im Normalzustand etablieren und beibehalten möchte.

Fazit: Diese Zeit kann produktiv sein. Neue Erkenntnisse, neue Rituale und damit dann auch ein veränderter, womöglich verbesserter Familienalltag. Es lohnt sich!


MeineFamilie.at