18. Oktober 2016

Spielzeugfreies Kinderzimmer mit Kartons und Kreativität

Spielzeugfreies Kinderzimmer, Kreativität fördern - meinefamilie.at

Weg mit dem Spielzeug und her mit den Ideen! Nach dem Vorbild des Kindergartens zuhause mal ohne Spielzeug leben – und entdecken, wie stattdessen ein Haus aus Karton das Selbstvertrauen stärkt. Ein Erfahrungsbericht, wie aus dem Chaos im Kinderzimmer eine Werkstatt begnadeter Bauarbeiter wurde. Nachmachen erlaubt!

Ist das noch ein Haushalt mit Kind oder eine Spielwarenhandlung? Das frage ich mich tatsächlich manchmal und damit bin ich wohl nicht alleine. Wer kennt das nicht: Das Kinderzimmer platzt aus allen Nähten und wohin man auch tritt, pflastern Duplo, Brio und selbst Haribo den Weg.

Aufräumen bringt stets nur kurzfristige Entwarnung im Reich der spielwütigen Prinzessinnen und Bauarbeiter und ein unbeaufsichtigtes Viertelstündchen reicht ihnen völlig, um ihr Imperium wieder komplett umzukrempeln.

Das sind die Momente, in denen ich an die „gute, alte Zeit“ zurückdenke, als das Meiste, das wir uns wünschten, noch gar nicht am Markt war.

Was haben wir da nicht alles selbst gebaut und gebastelt!

Die kreativen Gedanken sind frei

Dabei ist es auch heute noch so leicht und billig, unseren Kindern jene kreativen Stunden zu ermöglichen, die fürs Leben stark machen. Bitte wie? Nicht einmal Spurenelemente von Kreativität sind in Ihrem Haushalt zu finden? Machen Sie sich nicht allzu viele Gedanken! Auch wenn Großvater kein ruhmreicher Erfinder war und der Papa nur als hochgradig verkannter Künstler in Frage kommt, steht eines fest: Selbst das kleinste schöpferische Potential kann mit viel Freiraum immer noch wachsen!

Weniger ist mehr!

Unser Kindergarten hat uns das gezeigt: Eines Morgens, als wir ankamen, waren etliche Spielsachen weg- und Kartons und Schachteln aller Art hergeräumt. Große und kleine, flache und sperrige. Ohne Erklärung, ohne viel Reden. Sie standen einfach da und warteten.

Als ich zu Mittag wieder kam, hatte mein Jüngster, noch keine fünf, aus einer Aspirin-Verpackung und ganz ohne Gebrauchsanweisung ein ziemlich flottes Rettungsauto gebaut. Aber nicht nur er. Die Bastelecke war in jenen Tagen stets gut besucht und bei etlichen Kindern wurden Erfindergeist und Schaffensdrang auf diese Weise wieder sanft wachgeküsst.

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Kreative Frühförderung zwischen Küche und Kinderzimmer

Und jetzt das Ganze für zu Hause: Man sammle Schachteln und Verpackungskartons in jeder Größe, jedem Supermarkt und bei jeder Gelegenheit. Ein geräumiger Waschmaschinenkarton ist dabei ein echter Glücksfall und kommt freilich nicht alle Tage!

Es lohnt sich allemal, eine derartige Chance beim Schopf zu packen und gleich mit dem Kartonhausbau zu beginnen. Die Spielsachen verschwinden in dieser Zeit in Schubladen und Schränken.

Manches auch auf einem österreichischen Online-Flohmarkt oder wie immer unter dem Bett.  Auf diese Weise tut sich doch tatsächlich ein kleines Fleckchen bewohnbares Land mitten im Kinderzimmer auf.

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Das Fundament muss passen

Häuslbauer-Mütter haben es gar nicht schwer. Wenn die ersten Fenster und Türen kommen, schreiten sie mit ihrer langjährigen Küchenmesser-Erfahrung ein und säbeln gezielt Löcher in die Kartonwände. Malerabdeckband für die Baustelle haben sie schon im Multipack bereitgestellt – es klebt hervorragend und lässt sich kinderleicht reißen.

Kreative in ihrem Element

Dann kann es richtig losgehen! Ruckzuck ist das Kartonhaus mit dem Nötigsten ausgestattet. Küche, Schrank und Klo sind rasch und routiniert angepasst, auch wenn sie etwas flatternd an der Wand hängen. Als Bauaufseher hüte man sich allerdings davor, den kleinen Profis mit erwachsenen Vorstellungen vom gemütlichen Wohnen ins Werk zu pfuschen. Dann kommt der Feinschliff und der kann schließlich noch Wochen in Anspruch nehmen.

An unserem hauseigenen Kartonhaus arbeiteten phasenweise bis zu sieben Kinder gleichzeitig und schlussendlich bestand es aus zwei ziemlich großen, mehrfach ausgebauten Schachteln. Eine Wand-Murmelbahn aus Papprollen, ein nicht begehbarer „begehbarer Schrank“ und der Überraschungseierautomat entsprachen damals wohl den aktuellsten Kartonhaus-Wohntrends.

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Können wir das schaffen? Yo, wir schaffen das!

Rückblickend war es eine tolle Zeit: Zahllose Stunden verbrachten unsere Bauarbeiter schweißgebadet, in schweigender Konzentration vertieft, lauthals streitend oder herzhaft jausnend in ihrem selbstgebauten Rückzugsort im Kinderzimmer. Obwohl unser Bauprojekt nun schon ein paar Jahre her ist, überkommt alle Mitarbeiter noch heute ein wohliges Gefühl, wenn sie an ihren Lebensabschnitt im Kartonhaus denken.

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Was Barack Obama und kleine Bastelfreaks gemeinsam haben

Gilt es heute die eine oder andere Lebens-Baustelle zu bewältigen, dann halten wir es seither in aller Bescheidenheit mit Bob, dem Baumeister und ein wenig auch mit dem gerade noch amtierenden Präsidenten von Amerika: „Yes we can!“  Wo Kreativität erst einmal einzieht, da geht das Selbstvertrauen so schnell nicht wieder fort!



EIN ARTIKEL VON
  • Birgit Linhart

    Ich habe Volkskunde und Kulturmanagement in Graz studiert. Mit meinem Mann, unseren drei Schulkindern, den Katzen, Hühnern und Schildkröten lebe ich ein buntes Leben am Rand der Stadt. Ich liebe es, Kindern zuzuhören, mag Spontantheater und Kinderbücher.


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