Regina Magdalena Smrcka

Regina Magdalena Smrcka "Mein Tagebuch"

förderung kinder - meinefamilie.at
16. November 2018

Wie viel Förderung ist gesund?


Völlig genervt kam mein Mann vom Park heim und erzählte mir vom Wettbewerb der Mütter um die besten Kinder. Schwimmunterricht im tiefsten Winter, Beschwerden da ihre Kinder noch zu klein für den Eislauf-Unterricht sind und Erzählungen über den geplanten Schikurs in den Osterferien. Da ich genau wusste welche Mütter er meinte, antwortete ich bloß mild, „Sie haben Angst, dass ihre Kinder nicht genug gefördert werden, sie möchten sie nur unterstützen“. Kaum gesagt setzte unser Sohn noch eines drauf „er sei traurig, weil sein bester Freund so selten mit ihm spielen kann, da er dauernd zur Fußball- oder Turnstunde muss“.

Die motorische Entwicklung unserer Kinder ist ein innerer Prozess, der sich unabhängig von unserer Förderung vollzieht. (Remo H. Largo)

Zugegeben auch mir wird bang ums Herz, wenn ich mir ansehe welchem Leistungsdruck unsere Kinder oft ausgesetzt sind. Kaum im Kindergarten, keine 3-4 Jahre alt, startet das volle Programm, Schwimmen, Rad und Roller fahren, Ballettstunde, Fußball oder Turnunterricht. Weiter geht es dann mit Eislaufen, Schi fahren, Geigen- und Klavierunterricht. Dem elterlichen Ehrgeiz sind keine Grenzen gesetzt. „Bei dem Tempo kann mein Sohn nie mithalten“, denke ich mir besorgt. Doch dann besinne ich mich wieder auf mein Lieblingsbuch „Babyjahre“ von Remo H. Largo. Und stehe wieder dazu, dass mein Mann und ich uns ausgemacht haben, unserem Kind diesen Stress zu ersparen.

Remo H. Largo vertritt die Ansicht, dass wir die motorische Entwicklung unserer Kinder nicht beschleunigen können. Er geht davon aus, dass die motorische Entwicklung ein innerer Prozess ist, der sich unabhängig von unserer Förderung vollzieht. Wenn die körperlichen und psychischen Grundbedürfnisse von Kindern erfüllt werden, und sie sie alt genug für den nächsten Entwicklungsschritt sind, vollziehen sie diesen ganz von allein. Als Beispiel zieht er Kinder heran, die aus gesundheitlichen Gründen die ersten 10-15 Lebensmonate einen Ganzkörper-Gips tragen mussten. Sobald diese medizinische Maßnahme nicht mehr notwendig war, konnten sie von heute auf morgen laufen, ohne je gekrabbelt, gerobbt oder gerollt zu sein.

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Auch wenn es dieser Ansicht nach keinem Sinn macht mit unseren Kindern „zu üben“, haben wir dennoch großen Einfluss auf ihre Entwicklung. Am meisten unterstützen wir unsere Kinder indem wir ihnen unterschiedlichste Möglichkeiten anbieten, Erfahrungen zu machen. Remo H. Largo spricht von „Bewegungsräumen“ wie z.B. Spielplätze, Wiesen oder Wälder. Ergänzen kann man diese leicht durch unterschiedliche Untergründe wie z.B. Matten, Teppiche, Pölster und etliches mehr. Unser Sohn sagte z B. immer „Fuß-Massage“, als er als Kleinkind barfuß über die Duplo-Platten lief.

Statt einer Wohnzimmercoach besitzen wir aus Platzgründen lediglich einen dicken Teppich mit vielen Pölstern, der je nach Bedürfnis Ausruh-, Kuschel- oder Turnplatz ist. Dort wird nach Herzenslust gehüpft, geturnt, gerauft oder einfach nur herum gelegen und gekuschelt.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, auch unser Sohn lernt Rad fahren und schwimmen, aber es muss nicht mit Gewalt der Schwimmkurs mitten im Winter sein, da gehe ich lieber mit ihm rodeln und er hat schon wieder eine neue motorische Erfahrung gemacht. Es reicht uns eine Klavierstunde alle zwei Wochen und die restlichen Nachmittage verbringen wir lieber im Freien.

Ich denke wir sollten uns selbst den Druck nehmen, der auf vielen Eltern lastet und darauf vertrauen, dass es reicht unsere Kinder unterschiedlichste Erfahrungen machen zu lassen. Oder wie es der Hortleiter unserer Schule am ersten Elternabend ausdrückte, als er meinte: „Es muss nicht Montag Judo, Dienstag Englisch, Mittwoch Klavier und Donnerstag Schach sein. Bitte geben Sie Ihren Kindern auch Zeit zum Spielen, Zeit selbst Entdeckungen zu machen!“

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EIN ARTIKEL VON
  • Regina Magdalena Smrcka

    Als Sozialarbeiterin spezialisierte ich mich auf die Betreuung von schwerstbehinderten Kindern. Als Ausgleich unterrichtete ich Kinderturnen. Jetzt unterstütze ich meinen Lebensgefährten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam haben wir einen Sohn.


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